Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Heinrich Olschowsky, Berlin

Als Deutscher in Polen - als "Spätaussiedler" in der DDR

Wer ist eigentlich ein Spätaussiedler? Ein Deutscher aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße, der seine eigene Aussiedlung zur rechten Zeit verpaßt hat? Ist man da nicht eine leicht komische Figur?

Mir behagte diese Sprachregelung bundesrepublikanischer Bürokratie nie. Sie roch nach Amtsschimmel und Anachronismus. Und in manchem Munde schwang abschätziger Zweifel mit, ob bei der nationalen Identität des so Bezeichneten auch alles seine Ordnung habe. Ich legte also keinen Wert darauf, dazu gerechnet zu werden, und gleichwohl gehöre ich dazu, denn wer erst im Januar 1958 mit der Familie von Oppeln nach Weimar in die DDR übersiedelte, der fällt wohl unter diese Kategorie. Freilich im strengen Sinn ausgesiedelt wurden wir nicht, eher umgekehrt, man hatte uns einige Jahre daran gehindert, das nun polnische Schlesien zu verlassen. Wie ist es dazu gekommen? Ich stamme aus einer deutschen Lehrerfamilie, die bei Oppeln in Oberschlesien ansässig war. Im Januar 1945, der Vater war beim Volkssturm, wurde die Mutter mit vier Jungen von der benachbarten Staffel der Luftwaffe evakuiert. Wir landeten bei Verwandten in Waldenburg am Fuß des Riesengebirges. Dort haben uns am 9. Mai die Rote Armee und das Ende des Dritten Reiches eingeholt. Bis dahin hatte sich die Front an der "Festung Breslau" festgegraben. Danach folgte die polnische Verwaltung. Von einem Tag auf den anderen war das Leben fremd geworden; Deutsche hatten weiße Armbinden zu tragen, und nachts veranstalteten betrunkene Sowjetsoldaten in der von Männern entleerten Bergmannssiedlung Jagd auf Frauen. Nach der Rückkehr des Vaters aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945 ergab sich die Frage: wohin mit uns? Angesichts der allgemeinen Verwirrung und Orientierungslosigkeit, der Angst und des Hungers entschieden die Eltern, am besten nach Haus, nach Nakel. Also ging es zurück über den Ruinenberg Breslau in das nun polnisch umbenannte Dorf Nakło. Dort war für den deutschen Lehrer keine Aufgabe mehr und auch kein Platz. Er war unerwünscht.

Niemand in Schlesien dachte damals, es werde so bleiben, abenteuerliche Gerüchte gingen um. Man überließ sich gern Hoffnungen auf irgendeine Änderung der Lage. Ich nehme nicht an, daß meine Eltern oder die Nachbarn etwas Genaueres über die Potsdamer Konferenz wußten oder sich über deren Beschlüsse im klaren waren. Inzwischen kam die Zwangsaussiedlung ins Rollen. Sie bedeutete, daß die Deutschen aus ihren Lebensverhältnissen herausgerissen wurden und mit Sammeltransporten in eine ungewisse Zukunft geschickt wurden - irgendwo in die Fremde der vier Besatzungszonen. Natürlich fürchtete man die Aussiedlung und suchte ihr zu entgehen.

Die "Aussiedlung" wurde von den polnischen Behörden in den einzelnen deutschen Ostgebieten verschieden gehandhabt. Während in Niederschlesien, in der Neumark und in Pommern radikale Gründlichkeit waltete, ging man in Oberschlesien (im ehemaligen Regierungsbezirk Oppeln, den heutigen Wojewodschaften Oppeln und Kattowitz), wo deutsche und polnische Schlesier nebeneinander lebten und wo man auf den Dörfern mit beiden Sprachen vertraut war, anders vor. Alle Oberschlesier, gleich welcher Option, wurden administrativ als "Autochthone", Bodenständige, eingestuft. Das unterschied sie einerseits von den aus Ostpolen Zugewanderten, deren Heimatgebiete die Sowjetunion sich genommen hatte. Andererseits ersparte der Status eines "Autochthonen" den Schlesiern die pauschale Enteignung und Aussiedlung. Der uneingestandene Grund dafür war wohl wirtschaftlicher Natur; man konnte und wollte auf deutsche Fachkräfte im Industrierevier nicht verzichten. Die Propaganda kehrte eine ideologische Begründung hervor. Es war die historische Selbsttäuschung, daß man 1945 nicht deutsche Gebiete als Entschädigung für territoriale Verluste im Osten übernommen habe, sondern in urpolnische - nur oberflächlich germanisierte - Landstriche zurückgekehrt sei. "Wiedergewonnene Gebiete" lautet die offizielle Formel. Da wäre es nun allerdings seltsam gewesen, auf "urpolnischem Gebiet" keine polnische Bevölkerung vorgefunden zu haben. Also erklärte man ausnahmslos alle Autochthonen für re-polonisierbar. Das "re" lieferte das Alibi historischer Rechtmäßigkeit, es unterstellte, die deutschen Schlesier seien zwangsgermanisiert worden (egal wann) und wünschten nun dringlich, Polen zu werden. Beliebter Anhaltspunkt für die Verifizierungskommissionen, die über die Zuerkennung der polnischen Staatsbürgerschaft entschieden, waren Namen wie meiner, obwohl man wissen mußte, wie trügerisch die nationale Beweiskraft von Namen besonders in Grenzgebieten ist. Meinem Vater verweigerte man die Staatsbürgerschaft; der deutsche Lehrer mit dem polnischen Namen sollte allein ausgesiedelt werden. Erhalten hat die Staatsbürgerschaft meine Mutter, die kein Wort Polnisch sprach. Zu der Ausweisung ist es nicht gekommen dank des diskreten Einspruchs eines ehemaligen Teilnehmers an den Schlesischen Aufständen. Vater blieb also und mit ihm mußte die Familie mit den vier Söhnen bleiben - bis 1958.

Mehrere Ausreiseanträge, in späteren Jahren gestellt, wurden abschlägig beschieden. Unsere Familie gehörte nun zu den zahllosen Schlesiern, die als Autochthone eingestuft, nicht den Wunsch hegten, sich polonisieren zu lassen. Insofern störten sie das nationalistische und totalitäre Wunschbild eines ethnisch homogenen Staates ohne Minderheiten. Als Deutsche wollte man sie nicht dulden, da man sie aber brauchte, ließ man sie nicht ausreisen. Und da man von der Absicht, sie zu polonisieren, nicht abließ, wurde ihnen der Status einer Minderheit verweigert. Die von den Machthabern lancierte und in der Gesellschaft verbreitete Überzeugung, es könnten nach den deutschen Verbrechen der Okkupation Polen und Deutsche nicht mehr zusammenleben, mochte vielen plausibel erscheinen. Es war die Konsequenz der These von der Kollektivschuld aller Deutschen, die eine Unterscheidung von Nazis, Mitläufern und Nazigegnern als überflüssig erscheinen ließ. Für die politische und kulturelle Option des einzelnen und für die Respektierung dieser Option war in dem kollektivistischen Denkmuster kein Platz.

Was also einen "Spätaussiedler" von jemandem unterscheidet, der sofort nach dem Krieg ausgesiedelt wurde, ist die besondere, ein Jahrzehnt oder länger währende Erfahrung, wie man der vertrauten Umwelt seiner Herkunft durch nationale Diskriminierung entfremdet wird.

Das Programm der "Re-polonisierung" sah keine positiven integrativen Maßnahmen gegenüber der multikulturellen Eigentümlichkeit Schlesiens vor. Es beschränkte sich hauptsächlich auf die Unterdrückung der deutschen Sprache, die Tilgung der Spuren deutscher Kultur und Lebensweise sowie aller Erinnerung an die deutsche Prägung Schlesiens in der Vergangenheit. Der Gebrauch des Deutschen in der Öffentlichkeit wurde unter Strafe gestellt. Bis 1989 galt ein nie veröffentlichtes, aber strikt eingehaltenes Verbot, an den Schulen Oberschlesiens Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten.

Wie reagierten die Schlesier darauf? Für eine Legende halte ich das Bild, das Renate Schumann in dem Buch Muttersprache (München 1992) entwirft. Danach hätten alle Schlesier, die später nach Deutschland ausgereist sind, zuvor ihre deutsche Identität standhaft verteidigt, wären zu Opfern des von Polen praktizierten "Sprachraubs" geworden. Ein Nebelvorhang zur Verschleierung des gewöhnlichen Opportunismus.

Die Wirklichkeit sah weniger pathetisch aus. Angesichts des allgegenwärtigen antideutschen Drucks, der staatliche Behörden, die Bevölkerung und die Kirche einte, entschieden sich viele Schlesier pragmatisch. Sie wählten den sozialen Vorteil, die Karriere in Beruf und Partei, die das Polnische mit sich brachte, und nahmen nicht die Nachteile in Kauf, die mit dem verpönten Deutsch verbunden waren. Das traditionell zweisprachige Milieu hat solche Entscheidungen begünstigt. Inwiefern dies eine nationale Option darstellte, bleibt zumindest eine offene Frage.

Daß man sich mit dieser Anpassung perspektivisch ins eigene Fleisch schnitt, ist den meisten erst dann klar geworden, als ihre Ausreise nach Deutschland beschlossene Sache war. Da stellte sich zusätzliche Verbitterung ein, die einen gerechten und gelassenen Blick auf die eigene Geschichte behinderte.

Meine Erfahrungen als Deutscher in Polen bis 1957 sind ambivalent wie so vieles im Leben. Ich besuchte polnische Schulen, die meinen Horizont zweifellos erweiterten - ich habe sie freilich besuchen müssen, weil es eine deutsche Alternative nicht gab. Mir ist die polnische Kultur vertraut geworden, aber das Erziehungsziel der Repolonisierung ist an mir gescheitert. Ich habe mit 16 Jahren Auschwitz gesehen und wurde damit nicht fertig. In der Oberschule, in einer Phase reflektierter Selbstwahrnehmung wurde mir ein Identitätskonflikt aufgezwungen. Das Geschichtsbild der Schule kollidierte mit meinen Vorstellungen. Mein Name bildete immer wieder den Anhaltspunkt, mich für einen Polen zu halten und als einen solchen zu beanspruchen. Wenn ich zu sagen versuchte, ich sei Deutscher, faßte man das als eine feindselige Provokation auf. Deutsche? - die gab es doch nicht. Wenn man aber öffentlich nicht der sein darf, der man ist, so erzeugt das psychische Traumata. Es waren keine guten Jahre. Zwischen 1950 und 1956 vertrugen sich stalinistische Phraseologie und nationalistisches Vorurteil aufs beste. Die verordnete Freundschaft zur DDR hat die Lage nicht gewendet, nur schizophrener gestaltet. Zeitungen aus der DDR wie Neue Berliner Illustrierte oder Sportecho wurden Anfang der 50er Jahre in den Kiosken geführt, aber nicht offen angeboten. Man kaufte sie heimlich wie Mangelware unterm Ladentisch. Ein Erlebnis aus dem Jahr 1953. Bei einem Oppelner Gymnasiasten, einem Autochthonen, fand man unter der Schulbank die Neue Berliner Illustrierte. Der Skandal war perfekt. Die Zeitung aus der "befreundeten" DDR erfüllte für die Schulleitung den Tatbestand einer antipolnischen Provokation. Der Schulverweis konnte gerade noch abgewendet werden.

Für meinen ersten Klassenlehrer in der Oberschule, der Russisch unterrichtete und als Parteiaktivist hervortrat, war Adenauer, den er stets in einem Atemzug mit den Kreuzrittern nannte, ein bevorzugter Gegenstand pädagogisch-politischer Auslassungen. Bei solcher Gelegenheit nahm er mich oder einen anderen Autochthonen in die Mangel und verlangte, zu seinen anti(west)deutschen Thesen Stellung zu nehmen. Ich stand auf und schwieg herausfordernd, wie mir wohl bewußt war. Worauf wollte er hinaus? Er hatte doch alle Schüler danach befragt, ob sie zu Hause deutsch sprechen, er wußte also Bescheid. Aber offenbar wollte es nicht in seinen Kopf, daß jemand, mit einem Namen wie meinem, Deutscher sein kann und überdies Einsen im Polnischunterricht sammelte. Folglich verbreitete er im Lehrerzimmer, daß ich gewiß zur "fünften Kolonne" gehöre, denn weshalb sonst sollte ein Deutscher gut Polnisch lernen. Die Dummheit legte sich nach Bedarf nationalistische oder klassenmäßige Argumente zurecht.

Eine solche Atmosphäre hat die Deutschen in Schlesien verbittert, renitent und uneinsichtig gemacht gegenüber einer umfassenden Erläuterung deutscher Kriegsschuld. Wenn jegliche deutsche Äußerung, ob Gebet, Volkslied oder eben eine DDR-Zeitung, ausreichte, um als "szwab" oder "hitlerowiec" gestempelt zu werden, so regte sich als Antwort die beleidigt trotzige, undifferenzierte Verteidigung alles Deutschen. Die emotionale Abwehr der Diskriminierung versperrte den Weg zur fälligen - ohnehin schwierigen - nationalen Gewissenserforschung .

Eine einschlägige Episode aus dem Jahr 1955 schildert Ralph Giordano in seinem Erlebnisbericht Die Partei hat immer recht (Köln 1961). Während der Weltjugendfestspiele in Warschau traf er einen Deutschen aus Schlesien, über den er bestürzt notiert:

"Er war zerfressen vom Groll auf alles Polnische und erzählte ohne Unterbrechung vom Jahre 1945 und von polnischen Gewalttaten gegen Deutsche [...] Jeder Zugang zu der Zeit davor [...] war ihm versperrt und versiegelt."

Die für den Hamburger Jungkommunisten unbegreifliche Anklage des Schlesiers kreist um ein zentrales Problem, das diesen vollständig zu beherrschen scheint: "Er fühlte sich wie im Gefängnis, er wollte heraus aus Polen, wollte nach Deutschland."

Ralph Giordano bemüht sich um eine plausible Erklärung für diese Haltung und findet folgende: "Er hatte kein Heimatgefühl für die Landschaft seiner Geburt, darin lag einer der Schlüssel zu seinem Wesen [...] " Diese Deutung aus sicherem Hamburger Abstand verkennt gründlich die psychologischen Folgen von einem Jahrzehnt stalinistischer Diktatur und nationaler Diskriminierung. Das Konzept der "Wiedergewonnen Gebiete" hat den Status eines jeden Deutschen, der östlich der Oder angetroffen wurde, radikal verändert. Entweder er galt als germanisierter Pole und war grundsätzlich repolonisiert (gleichviel, ob er das wollte oder nicht), oder er war ein fremder Eindringling, ohne ein aktuelles und historisches Heimatrecht, der hier nichts zu suchen hatte. So wurde den "Bodenständigen" die Landschaft ihrer Geburt entfremdet. Abgeschnitten von der politischen Kultur der Demokratie, die vom öffentlichen Austausch gegensätzlicher Meinungen lebt, blieben sie anachronistisch auf das Datum 1945 fixiert. Die gelegentliche Nähe zur nazistischen Diktion, die sich einem Beobachter damals und auch später aufdrängte, ist kein bloßes Phantom. Es sollte weder verharmlost noch dämonisiert werden. Es bedarf indessen der Erklärung - als ein Problem einer Generation, die man mental nie aus der Konfrontation herausgeführt hat. Sie konnte ihre verletzten nationalen Gefühle nicht läutern und verharrte daher in einem provinziellen Nationalismus voller Aversionen und Illusionen.

Dieses Bündel widersprüchlicher Erfahrungen blieb naturgemäß jenen erspart, die sofort nach Kriegsende ausgesiedelt wurden, wie z.B. die Schriftsteller Werner Heiduczek, Leonie Ossowski oder Horst Bienek. Wenn Horst Bienek erklärt, daß er sich nicht als Vertriebener empfinde, so ist seine Absicht klar, er will seine Geschichte nicht dem lobbyistischen Gebaren der Verbandsfunktionäre überlassen. "Vertriebene", sagt er, "sind wir alle in dem Sinne, daß wir aus der Kindheit in das Erwachsensein hinausgetrieben wurden" (Beschreibung einer Provinz, München 1986). Solcherart fügte sich in seiner Gleiwitzer Tetralogie der Abschiedsschmerz von 1945 dem natürlichen Lauf der Dinge und dem erweiterten politischen Horizont. Mit dem Abstand zur Kindheit vernarbte auch die Wunde des Heimatverlusts, und literarisches Erinnern an Schlesien als "gestorbene Provinz" wurde möglich.

Damit freilich waren die Erfahrungen jener Schlesier nicht abgedeckt, die - unter welchen Umständen auch immer - in der "gestorbenen Provinz" verblieben waren und als Deutsche dort ihren Platz zu finden suchten.

Gleichsam aus dem Blickwinkel dieser Erfahrungen erhebt nun Renate Schumann, die 1983 in die Bundesrepublik übergesiedelt ist, gegen Bienek den Vorwurf, daß er "das Unrecht, das ihr und ihren gemeinsamen Landsleuten angetan wurde", nicht hinreichend anprangert. Sie scheint dabei zu vergessen, daß sich seine Wahrnehmung Schlesiens mit der ihren nicht decken kann. Er, der Gleiwitz mit 15 Jahren verließ, betrachtete Schlesien als "den menschlichen Raum einer Kindheit, die nicht aufhören will" (Beschreibung einer Provinz). Seine Distanz zu dieser Kindheit haben geschichtliche Fakten geprägt: der deutsche Faschismus und der sowjetische Gulag, der Kalte Krieg und die neue Ostpolitik. So ist der unpolemische, epische Rückblick auf eine Epoche entstanden, die 1945 endet.

Es steht auf einem anderen Blatt, daß Fragen der Aussiedlung und der deutschen Minderheit in Polen in den aufgeklärten Milieus der Bundesrepublik als politisch peinlich empfunden und folglich tabuisiert werden. Über die "verschwindende Minderheit der Dortgebliebenen" (Günter Anders, 1966) kann offenbar nicht anders nachgedacht werden als über ein Reizwort aus der einäugigen Argumentation der Vertriebenenfunktionäre. Das hilft aber nicht weiter. Der bloße Widerspruch zur Einäugigkeit bleibt selber einäugig.

Meine Erfahrungen, ich sagte es bereits, waren ambivalent. Neben manchem Bedrückenden habe ich Beispiele wunderbarer Freundschaft, großen Feingefühls, der Toleranz und überwältigender Gastfreundschaft erlebt. Wir Schüler, gleich welcher Herkunft, waren auf jugendliche Art begeistert, ausgelassen und töricht; wir knüpften Freundschaften, die bis heute bestehen. So zum Beispiel zu einem meiner Lehrer, der mich nicht als Exemplar der Gattung Deutsche behandelte, sondern mich mit meinen Stärken und Schwächen nahm, so wie ich war. Der in Ostpolen gebürtige Absolvent der Universität Breslau führte mich ab 1954 behutsam in die polnische Literatur ein. Mit einer unerwarteten Geste vor allem hat er sich in mein Gedächtnis eingegraben. Als mein Vater 1956 bei einem Unfall ums Leben gekommen war, forderte der Lehrer die Klasse auf, gemeinsam am Begräbnis (im 20 km vom Schulort Oppeln gelegenen Dorf) teilzunehmen. Die Klasse war vollzählig erschienen. Diese Erfahrung hochherziger Anteilnahme und anrührender Solidarität bleibt immer unvergeßlich.

Die Ausreise nach Deutschland war unser heißersehntes, aber nicht ohne Bangen angestrebtes Ziel. Möglich geworden ist es schließlich unter dem Stichwort "Familienzusammenführung" in die DDR, wo meine Schwester seit Kriegsende lebte. Der Begriff Familienzusammenführung, unter dem Volkspolen sich 1955 in Verhandlungen mit dem Deutschen Roten Kreuz bereitfand, seine restriktive Haltung gegenüber dem Ausreisewunsch von Deutschen zu lockern, verschleierte den wahren Sachverhalt. Er täuschte vor, es handle sich um eine beschränkte Zahl zufällig durch den Krieg getrennter Familien, nicht aber um eine gesellschaftliche Gruppe deutscher Nationalität, die Minderheitenrechte beanspruchen konnte. Anfangs erfaßte mich Euphorie; endlich unter meinesgleichen sein, in der Öffentlichkeit deutsch sprechen dürfen, die nationale Verstellung abstreifen - das ließ mich freier atmen. Allerdings hatte die Euphorie schon an der Grenze einen Dämpfer bekommen, als ein Offizier der Grenztruppen meine Brüder und mich für die Kasernierte Volkspolizei zu werben begann. Vision und Wirklichkeit stießen zum ersten Mal aufeinander. Allmählich vermittelte sich mir eine andere Unaufrichtigkeit, die Atmosphäre parteiideologischen Zwanges. Hier war die Herrschaft der stalinistischen Phrase noch ungebrochen, von der sich Polen seit dem Oktober 1956 eindrucksvoll befreit hatte. Und dieses Jahr 1956 war auch meine politische Initiation gewesen.

Die Sprachregelung der DDR kannte nur die Klassenbrüder im befreundeten Volkspolen. Für das Benennen nationaler Differenzen, Animositäten oder Interessengegensätze gab es keinen öffentlichen Raum. Es durfte sie nicht geben, also wurden sie verdrängt. Freundschaft war angeordnet worden. Ohne Rücksicht auf die Gemütslage der betroffenen Menschen und ohne historisches Gedächtnis war sie nicht auf Versöhnung ausgerichtet. Nicht die erlebte Geschichte zählte, sondern die angelesene Formel aus dem Lehrbuch. Allen schmerzlichen Streitfragen wich man mit der Floskel vom proletarischen Internationalismus aus. Die bloße Erwähnung der ehemaligen deutschen Ostgebiete als eines Verlustes stand unter Revisionismusverdacht, wurde als Hetze gegen den Frieden kriminalisiert. Die Region, aus der ich gekommen war, hieß in der Sprache der friedliebenden DDR "Śląsk". Man sprach es mit devotem Eifer und so grausiger Phonetik, daß es mir wie eine Verhöhnung der polnischen Sprache vorgekommen ist. Ich, meinerseits, bestand gegenüber den Lehrern der Weimarer Oberschule darauf, aus Schlesien gekommen zu sein. Diese machten glücklicherweise keine Affäre daraus. Bei den Mitschülern stieß ich mit meinem Eifer auf blankes Unverständnis und schönste Gleichgültigkeit gegenüber der Problematik der Grenzregion bzw. der Deutschen in Polen. (Ob Oppeln bei Warschau liege, wurde ich mit unschuldiger Einfalt gefragt!)

In der ersten Zeit reagierte ich offensichtlich meine bis dahin unterdrückten nationalen Gefühle und manche Demütigung ab. Es dauerte nicht allzu lange. Mit dem räumlichen Abstand und den neuen Einsichten reifte die Möglichkeit, das persönlich Erlebte zu rationalisieren, es einzuordnen in einen geschichtlichen und moralischen Zusammenhang. Es wäre zu fragen, inwieweit mir die spezifische Situation in der DDR dabei entgegenkam.

Die Regierung der DDR besaß von Anfang an (die Akten des Außenministeriums der DDR belegen das) ziemlich genaue Kenntnis von der prekären Lage der in Polen verbliebenen Deutschen. 1950, als die Aussiedlung für abgeschlossen erklärt wurde, signalisierte sie ihr Desinteresse an der Aufrechterhaltung einer deutschen Minderheit. Es erreichten sie aber Beschwerden von ausreisewilligen Deutschen, Berichte über wirtschaftlichen und politischen Polonisierungsdruck, dem sie ausgesetzt waren. Man wußte um die dubiose Kategorie der "Autochthonen" Bescheid, hinter der sich in beträchtlichem Maße Deutsche verbargen, die man polnischerseits mit ethnisch-historischen Begründungen für sich beanspruchte. Zu "autochthonen Gebieten" waren die Wojewodschaften Oppeln, Kattowitz, Allenstein und Danzig erklärt worden, jene also, aus denen ab 1957 Hunderttausende nach Deutschland ausgereist sind.

In einem Bericht von 1955 findet es der Botschafter der DDR unter Hinweis auf die "furchtbaren Leiden, welche das polnische Volk durch die deutschen Faschisten erdulden mußte", verständlich, daß die Regierung Volkspolens mit den Mitteln gesetzlichen Zwanges einen ethnisch homogenen Volkskörper erreichen will. (Bericht über die rechtliche Lage der ehemaligen Deutschen in der VR Polen, vom 1.4.1955, Mappe A3806). Die fragwürdige Logik dieser Erklärung offenbart einen Mangel an nationalem Selbstbewußtsein der DDR-Führung, der aus Legitimationsdefiziten herrührte. Nationale Verantwortung für die Landsleute war es nicht, was die Vertreter der DDR schließlich zu Verhandlungen mit Polen über dieses Thema anhielt, sondern staatliches Prestigedenken; die Sorge um das Ansehen der DDR. Als zwischen dem Roten Kreuz der Bundesrepublik und Polens 1955 Verhandlungen über die Ausreisegenehmigungen für Deutsche aufgenommen wurden, fürchtete die DDR, als zweiter deutscher Staat, dabei übergangen zu werden. So erklärt sich ihre Aktivität der Jahre 1956/57 auf diesem Gebiet. Dabei stießen zweierlei Argumentationen aufeinander: Der DDR-Vorschlag, daß es vor allem darauf ankomme, die ausreisewilligen Autochthonen "für das sozialistische Lager zu erhalten" (Otto Winzer), wobei es gleichgültig sei, ob sie in Polen oder der DDR lebten, prallte an der nationalen Argumentation der polnischen Gesprächspartner ab.

Woran die DDR insbesondere interessiert war, war ein Zufluß von Arbeitskräften, der ihre durch die Abwanderung nach Westdeutschland entstandenen Verluste wettmachen konnte. Sie hat indessen keine Vorkehrungen getroffen, um die Gruppe von "Spätaussiedlern" mit polnischer Schulbildung angemessen zu integrieren. Polnische Schulabschlüsse wurden nicht anerkannt, und es gab keine Möglichkeit, durch Kurse oder andere Angebote die entsprechende Qualifikation nachzuholen. Für viele war das der Anstoß zur "Weiterreise" in die Bundesrepublik .

Die offizielle Einstellung, aus der Nachbarschaft beider Völker alles existentiell Schmerzliche und ab 1956 auch das ideologisch Unbequeme zu verdrängen, provozierte zum Widerspruch. Dadurch war gleichsam auch ein Aufgabenfeld für mich umrissen: an der Wahrheit des eigenen Erlebens festhalten und sich doch der historischen Einsicht und Verantwortung nicht zu verschließen.

Schaut man sich nach Räumen um, wo dem ideologisch künstlichen Verhältnis zu Polen widersprochen werden konnte, so waren es vor allem Bereiche beschränkter Öffentlichkeit. Zum einen im fachlichen Rahmen der Literaturwissenschaft und Literaturkritik, zum anderen in der kirchlichen Bildungsarbeit war es möglich, eine freundliche Einstellung zu Polen zu formulieren und diese mit dem individuellen Erleben glaubwürdig zu machen. Denn die Befürchtung ist nicht unbegründet, daß verdrängte Unrechtsgefühle im Verborgenen wuchern.

Mehr und mehr begriff ich mein Eingeweihtsein in zwei verschiedene Kulturen als eine Chance, zwischen ihnen zu vermitteln und so Verständigung zu fördern. Die kulturellen Impulse des polnischen "Tauwetters" von 1956 bildeten einen wesentlichen Anstoß für meine Wahl der Slawistik als Studienfach. Als einen aufklärenden Vermittler sehe ich mich heute. Daß ich ein Betroffener bin und die besondere Erfahrung der "Spätaussiedler" teile, mag als Garantie dafür gelten, daß aus der gebotenen Distanz keine kalte Gleichgültigkeit oder eine bloß unverbindliche Höflichkeit wird.

Im Mai 1995 bin ich zu Gastvorträgen an die neugegründete Universität meiner Heimatstadt Oppeln eingeladen worden. Es war eine bewegende Rückkehr an den Ort meiner Schulzeit vor 37 Jahren. Vor den Germanistikstudenten habe ich deutsch, vor den Polonisten polnisch gesprochen. Die Vorträge fanden in der Nachbarschaft zu jenen Gebäuden statt, wo mich 1953 der Klassenlehrer verhört hatte, ob ich zu Hause deutsch spräche und wie ich das mit dem Besuch einer polnischen Schule vereinbaren wolle. Die offene Aufnahme und die aufrichtigen Gespräche in Oppeln von heute sind, so scheint mir, eine gute Antwort auf die unversöhnlichen Fragen von vorgestern.

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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
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