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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X

Hans-Peter Meister, Berlin

Die Berliner Polonia und ihre Verbindung nach Schlesien

Noch heute zeugt ein Blick in ein Telefonbuch von der polnischen Herkunft vieler Berliner. Die Geschichte der Polen in Berlin - oder der "Polonia", wie im Heimatland die Kolonien der Auslandspolen genannt werden - ist jedoch bislang nicht derart ins Bewußtsein der Berliner gedrungen, wie die bekanntere hugenottische oder auch die böhmische Zuwanderung. Wie viele der polnischen oder polnischsprachigen Zuwanderer jedoch aus Schlesien stammten, läßt sich heute nicht mehr genau bestimmen. Dennoch gab es zahlreiche Beziehungen zwischen schlesischen und Berliner Polen. Fest steht, daß der überwiegende Teil der damaligen Berliner Polonia aus Großpolen stammte - der Provinz Posen, die sich Preußen nach den Teilungen Polens angeeignet hatte. Über drei Millionen polnischsprachige Staatsangehörige und preußische Untertanen zählte die preußische Statistik im Jahre 1890 in den östlichen Landesteilen.

Die Anfänge polnischer Zuwanderung

Bereits um 1658 fanden in Brandenburg die, auch Arianer genannten, "Polnischen Brüder" Zuflucht, die durch einen Beschluß des polnischen Sejm des Landes verwiesen worden waren. Diese religiös Verfolgten ließen sich unweit der damaligen polnischen Grenze in der Gegend um Königswalde, heute Lubniewice, nieder. Königswalde wurde nach dieser Ansiedlung zu einem Zentrum der polnischen Reformation. Das weitere Schicksal dieser Gemeinschaft ist jedoch bislang wenig erforscht. Vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zur letzten Teilung Polens 1795 kamen nur vereinzelt Polen nach Berlin - aufgrund einer Heirat oder aus beruflichen Gründen. Den größten Teil der Zuwanderer dieser Zeit stellte der polnische Landadel - die Schlachta.

Polnische Adlige wurden unter König Friedrich Wilhelm I. zum Militärdienst im preußischen Heer angeworben. Bereits 1738 gab er den Auftrag, die ersten Abteilungen "polnischer" Ulanen im preußischen heer zu organisieren. Aufgrund der Nähe zu Polen gelang es, innerhalb kurzer Zeit fünf Schwadronen anzuwerben, wie Stefan Liman in einem Artikel über die Polen in Berlin und ihr Milieu schreibt. Weiter heißt es dort: "Bereits im ersten Schlesischen Krieg traten 400 Ulanen bei Strehlen in Niederschlesien in Aktion; 1743 wurden sie zu Husarenschwadronen umgebildet. Ihr geistiger Vater war neben H. J. von Zieten ein [...] Pole, General J. von Bronikowski".

Diese Anwerbung wurde von Friedrich II., trotz seiner negativen Haltung Polen gegenüber, fortgesetzt. Ursache waren die großen Verluste des Heeres während der Schlesischen Kriege und des Siebenjährigen Krieges. Häufig wurden die Angeworbenen zu Begründern deutscher Adelsfamilien und änderten ihre Namen. So wandelte Friedrich II. selbst den Namen der Familie Pokrziwnicki, die einem alten polnischen Adelsgeschlecht entstammt, schlicht in "Bock" um. Aus dieser Familie stammte der 1812 gestorbene Königlich preußische Generalmajor Johann Michael von Bock.

Polnische Studenten und Wissenschaftler in Berlin

Wurde die kleine polnische Kolonie in Berlin bis dahin allein vom Landadel dominiert, so zog es nach dem Wiener Kongreß vermehrt die adlige und bürgerliche Jugend an die Berliner Universitäten. Bekannte Absolventen waren in späteren Jahren - um nur wenige Beispiele zu nennen - der Slawist Prof. Aleksander Brückner, der 44 Jahre als Ordinarius in Berlin unterrichtete, der Komponist Feliks Nowowiejski oder der Altphilologe Ryszard Gansiniec, späteres Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der auch am Berliner Museum für Volkskunde gearbeitet hatte. Bereits 1818 wurde in Berlin der erste Akademische Verein gegründet und bald darauf - wie auch die Vereinigungen deutscher Studenten - von den Behörden wieder verboten. 1869 wurde die Wissenschaftliche Akademische Gesellschaft (Towarzystwo Naukowe Akademickie) ins Leben gerufen, die - unter anderem Namen - bis 1939 als Studentenorganisation weitergeführt wurde.

Unter 447 polnischen Absolventen eines Medizinstudiums, die der polnische Historiker Kusztelak für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin zählte, waren rund ein Drittel jüdischen Glaubens. Die Kontakte der polnischen Juden zu ihren nichtjüdischen Landsleuten waren jedoch dadurch begrenzt, daß diese oft antisemitisch eingestellt waren.

Stefan Marian Stoiński
Stefan Marian Stoiński

1895 und 1896 schrieb sich, im Alter von 22 Jahren, der in Sadzawka im Kreis Kattowitz geborene Wojciech Korfanty, späterer Führer der Aufständischen in Oberschlesien und polnischer Staatsmann, als Gasthörer an der Technischen Universität in Berlin-Charlottenburg ein, bevor er nach Breslau wechselte. Andere Studenten, die sich später in Schlesien einen Namen machen sollten, waren z.B. der Pharmazeut Bonifacy Bałdyk, späterer Abgeordneter des Sejm; der Rechtsanwalt Kazimierz Czapla oder Jan Edmund Osmańczyk, nach 1945 polnischer Korrespondent bei den Nürnberger Prozessen und nach 1989 Senator für den Wahlkreis Oppeln.

Auch musisch Begabte wurden von der Metropole angezogen. Nachdem z.B. der 1891 in Großpolen geborene Stefan Marian Stoiński in Breslau und Frankfurt/ Oder das Gymnasium beendet hatte, ging er gegen den Willen seiner Eltern an das Konservatorium Stern in Berlin, bevor er sein Studium an der Musikhochschule beendete. Das Geld für seinen Lebensunterhalt verdiente er sich des Nachts durch Auftritte in Lokalen, bis er 1920 eine Stellung bei den Berliner Philharmonikern fand. 1922 ging er nach Kattowitz, wo er bis 1924 an der Oper dirigierte und zu einem der Gründer des Kattowitzer Musikinstitutes wurde, das er bis zum deutschen Überfall1939 leiten sollte.

Polnische Politiker in Berlin - zwischen Moabiter Gefängnis und Reichstag

Die preußische Hauptstadt konnte auch von der national-polnischen Unabhängigkeitsbewegung nicht unberührt bleiben. So wurde der Novemberaufstand 1830 gegen die zaristische Herrschaft im Königreich Polen von den Berlinern in der Hoffnung auf die Befreiung Preußens von der russischen Hegemonie begrüßt. Die Aufständischen wurden bei ihrem Durchzug durch die Stadt von den Berlinern begeistert empfangen. 1846 wurden 246 Polen, die einen Aufstand gegen die preußische Herrschaft im Großherzogtum Posen geplant hatten, inhaftiert und über hundert von ihnen 1847 im "Polenprozeß" in Berlin-Moabit zu Gefängnisstrafen verurteilt. Im Laufe der Märzrevolution 1848 wurden die Inhaftierten befreit. Der führende Kopf der Bewegung, Ludwik Mierosławski, hielt vom Balkon der Berliner Universität eine Rede, in der er leidenschaftlich für ein Bündnis eines freien Deutschlands und Polens gegen Rußland plädierte.

Wojciech Korfanty
Wojciech Korfanty

Seit 1848 wurden in Oberschlesien polnische Abgeordnete gewählt - in die Preußische Nationalversammlung und in den Landtag. So z.B. 1848 Pfarrer Szafranek, Probst in Beuthen, und Marcin Gorzołka aus dem Kreis Rosenberg/OS. oder in späteren Jahren Johannes Kapitza (1908-1912), Pfarrer aus Tichau im Kreis Pleß, sowie Ludwig Raczek (1908-1913), Landwirt aus Ratibor. Diese Abgeordneten schlossen sich der "Polnischen Fraktion" (Koło Polskie) an, die im Preußischen Landtag von 1848 bis 1918 und ab 1871 auch im Reichstag existieren sollte. Die "Polnische Fraktion" wurde anfangs von Adligen aus Großpolen dominiert, die Distanz zu ihren meist ärmeren Landsleuten in der Stadt hielten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stieg jedoch die Zahl der Abgeordneten aus Bürgertum und Intelligenz. Diese Parlamentarier suchten den Kontakt zur Polonia, wie z.B. Wojciech Korfanty, der sowohl Abgeordneter im Preußischen Landtag (1904-1918) als auch im Reichstag (1903-1912 und 1918) war. So auch der Theologe und Bankdirektor Piotr Wawrzyniak aus Großpolen, der 1897 die Gründung der Tageszeitung Dziennik Berliński nachhaltig förderte. Diese größte aller Berliner polnischen Zeitungen, die zu ihren Hochzeiten vor dem Ersten Weltkrieg eine Auflage von 3.000 Exemplaren hatte, aber von weitaus mehr Personen gelesen wurde, erschien bis zum 1. September 1939.

Titelbild des Dziennik Berlinski vom 1. Januar 1939 Titelbild des Dziennik Berlinski vom 1. Januar 1939. Die Überschrift lautet in etwa "Im Polentum ist Stärke". Die Grafik, welche die linke Seite des Titelblattes einnimmt, zeigt das "Rodło". Das Zeichen stellt den stilisierten Lauf der Weichsel dar - der Haken auf dem unteren Strich soll den Ort der polnischen Königsstadt Krakau markieren. Die stilistische Nähe zu nationalsozialistischen Symbolen ist es wohl eher als Gegenentwurf zu verstehen. Dieses Zeichen "Rodło" diente als Symbol des "Bundes der Polen in Deutschland"

für's Brot
Polnische Arbeitsmigranten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Anzeige eines polnischen Restaurants
Ein polnisches Restaurant am Schlesischen Bahnhof empfiehlt sich den geschätzten Landsleuten.
Anzeige aus dem Dziennik Berlinski

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte im Zuge der Industrialisierung die letzte und mit Abstand größte "Zuwanderungswelle". Der überwiegende Teil der polnischen Zuwanderer kam aus ländlichen Gebieten und fand sein kärgliches Brot als Arbeiter in Industrie und Handwerk, als Dienstbote oder Näherin. Unterkunft fanden sie vor allem in dem Ring der Arbeiterviertel, der sich um die Innenstadt und in den Vorstädten bildete - in den heutigen Stadtteilen Moabit, Kreuzberg, Wedding oder Friedrichshain sowie in den damaligen Vororten Wilmersdorf, Schöneberg, Steglitz, Charlottenburg, Spandau, Rixdorf/Neukölln, Lichtenberg und Weißensee.

Anders als im Ruhrgebiet, der Region mit der größten polnischen Zuwanderung in Preußen, wo polnische Bergleute gemeinsam in geschlossenen Zechensiedlungen Wohnung fanden, lebten sie in Berlin über die Stadt verstreut und mit den deutschen Arbeitern zusammen, deren Lebensbedingungen sie im wesentlichen teilten. Gottfried Hartmann hat in seiner Arbeit Polen in Berlin die Herkunft der Zuwanderer in der Moabiter St.-Paulus-Gemeinde anhand der Heiratsregister untersucht. Unter den Polinnen und Polen, die 1895-1914 dort heirateten, waren demnach geboren in den Provinzen:


Herkunft Männer   Frauen  
Posen 605 (40,4%) 695 (46,1%)
Westpreußen 222 (14,8%) 227 (15,1%)
Ausland (v.a. Rußland u. Österreich) 164 (11,0%) 151 (10,0%)
Schlesien 108 (7,2%) 122 (8,1%)
Berlin 116 (7,8%) 78 (5,2%)
Ostpreußen 80 (5,3%) 60 (4,0%)
Brandenburg 58 (3,9%) 51 (3,4%)

Als "Reichsinländer" verursachten die Polen den preußischen Statistikern Schwierigkeiten bei ihrer Zählung, und so wurde als Unterscheidungskriterium die Muttersprache gewählt. Die Ergebnisse für die Stadt Berlin und Umgebung lauteten in den Jahren:

Jahr Berlin Reg.Bez.
Potsdam
zusammen
1890 15 857 11 482 27 339
1900 27 326 19 255 46 581
1905 32 632 35 300 68 633
1910 37 655 43 714 81 369

Die im Jahre 1905 verzeichneten 32 632 Berliner mit polnischer Muttersprache stellten über die Hälfte (56,95%) aller Fremdsprachigen der Stadt. Polnische Schätzungen liegen noch höher, und die Genauigkeit der preußischen Statistiken läßt sich anzweifeln. Weil viele Zuwanderer Angst vor Verlust der Arbeit oder vor anderen Nachteilen hatten, gaben sie das Polnische nicht als Muttersprache an. Teilweise wurde die Zahl der Polen auch von lokalen Beamten nach unten "korrigiert". Darüber hinaus wurden zweisprachige Personen in den Statistiken prinzipiell nicht als Polen geführt. Im Januar 1910 schrieb der Berliner Börsen Courier:

"Berlin, die Metropole des Deutschen Reiches, ist im Laufe der Zeit zur zweitgrößten polnischen Stadt geworden. Nur Warschau übertrifft es in dieser Hinsicht. Berlin, das über 100 000 Polen und Einwohner unzweifelhaft polnischer Abstammung zählt, übertrifft mit dieser Zahl solche polnischen Städte wie Krakau, Lemberg oder Posen [...]".

Trotz des oft kärglichen Auskommens stellte das Leben in Berlin für die Zuwanderer vom Land, die dort teilweise in Ställen hausen mußten und für die der arbeitsfreie Sonntag keine Selbstverständlichkeit war, in der Regel eine Verbesserung dar.

Unter noch schlechteren Bedingungen als die "preußischen" Polen lebten die Landsleute aus dem russischen oder österreichischen Teilungsgebiet. Als Reaktion auf ihre Zuwanderung oder, wie es damals hieß, "zur Eindämmung der polnischen Flut" wurde erstmals ein ausländerrechtliches Instrumentarium entwickelt, dessen Prinzipien in manchen Teilen heute noch in Deutschland gültig sind.

Die auslands-polnischen Arbeiter durften nicht in der Industrie beschäftigt werden und unterlagen einem Karenzzwang, d.h., sie durften sich nicht auf Dauer niederlassen, sondern mußten das Land über den Winter wieder verlassen. Da diese Bestimmungen den Interessen der Arbeitgeber zuwiderliefen, wurden sie oft unterlaufen. Angeworben wurden die Arbeiter an den Ostgrenzen unter anderem von der Deutschen Feldarbeiter Centrale in Berlin, die zahlreiche Außenstellen in Schlesien besaß. Arbeit fanden sie in der Brandenburger Landwirtschaft und bei Großbauprojekten wie dem Teltowkanal und den S-Bahn-Strecken ins Umland.

In die Zeit Bismarcks fallen auch die Anfänge einer eigenständigen polnischen Arbeiterbewegung in Berlin. Zur Zeit des Sozialistengesetzes, im Dezember 1885, gründete sich ein illegaler Zirkel polnischer Sozialisten, der sich Polnische Sozialdemokratie (Polska Socjalna Demokracja) nannte. Eines der aktivsten Mitglieder war der 1847 geborene Möbeltischler Franciszek Morawski. 1869 kam er auf Arbeitssuche nach Berlin, wo er eine kleine Werkstatt eröffnete und sich bereits ein Jahr später deutschen Sozialisten anschloß. 1884 war er Organisator eines Arbeiter Bezirksvereins für den Osten Berlins, der am 15. Juli 1886 aufgelöst wurde. 1886 begab er sich nach Großpolen, um für den Sozialismus zu agitieren. Dort wurde er verhaftet und zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Haftzeit verbracht er in Berlin-Moabit. Nach seiner Entlassung wurde er Mitbegründer des Vereins Polnischer Sozialisten (Towarzystwo Socjalistów Polskich) und 1892 Redaktionsmitglied der mit Unterstützung der deutschen Sozialdemokratie gegründeten polnischen Arbeiterzeitung (Gazeta Robotnicza) und trat 1893 der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) bei. 1901 ging er zusammen mit der Redaktion der Gazeta Robotnicza nach Kattowitz, wo er 1906 starb.

Die sehr aktive PPS, die zeitweise formell eine Teilorganisation der SPD war, hatte jedoch in Berlin nie mehr als 120 Mitglieder, was angesichts der großen Zahl polnischer Arbeiter auffallend wenig ist. Grund dafür war, daß die anderen polnischen Organisationen den proletarischen Internationalismus als eine Gefahr für das Nationalbewußtsein der Polen betrachteten und sozialistische Redner von ihren Versammlungen ausschlossen. Als die Gazeta Robotnicza daraufhin stärker den Gedanken der Unabhängigkeit Polens betonte, warf unter anderen Rosa Luxemburg der PPS vor, ihre Zeitung verwende eine "nationale Phraseologie". Die größte polnische Arbeiterorganisation wurde die 1902 in Bochum gegründete und national ausgerichtete Solidarische Polnische Berufsvereinigung (Zjednoczenie Zawodowe Polskie, ZZP), die in Berlin zeitweise bis zu 6 000 Mitglieder hatte. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verlor sie jedoch drastisch an Mitgliedern und wurde in Berlin 1921 aufgelöst. Die meisten organisierten polnischen Arbeiter waren Mitglieder deutscher Gewerkschaften.

Die katholische Kirche
Kulturkampf und polnisch-religiöser Patriotismus

Anzeige eines polnischen Herrenausstatters
Anzeige eines polnischen Herrenausstatters in Berlin

Das Nationalbewußtsein der polnischen Zuwanderer blieb in vielen Fällen auf die Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche beschränkt. Bis heute zeigt sich die große polnische Gemeinde in Berlin, die ansonsten im Stadtbild wenig präsent ist, am deutlichsten in den gutbesuchten polnischen Gottesdiensten. Während des Kulturkampfes wurden die katholischen Polen, die in den Arbeiterbezirken oft die Mehrzahl der Gläubigen stellten, noch als natürliche Verbündete der Kirche betrachtet.

Die katholische Kirche stand in der Diaspora des protestantischen Berlin unter erheblichem Druck. Dies zeigt u.a. der "Moabiter Klostersturm", bei dem eine aufgebrachte Menge die von Dominikanern für die Arbeiter der Borsig-Werke gegründete Niederlassung des Ordens zu stürmen versuchte. Der Konflikt forderte zwei Tote und zahlreiche Verletzte. 1875 mußten die Dominikaner auf Befehl der preußischen Behörden die Stadt verlassen und konnten erst vierzehn Jahre später ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Verständnis für die Belange der katholischen Polen zeigte zum Beispiel der aus Schlesien stammende Robert Herzog, der von 1870 bis 1882 Pfarrer der St.-Hedwigs-Gemeinde und Bevollmächtigter des Bischofs von Breslau für die Mark Brandenburg und Pommern war. So veranstaltete er von 1870 an jedes Jahr im Juni eine polnische Prozession von Berlin nach Spandau. Die Prozession, bei der die Vereine ihre Fahnen mit sich trugen, und das anschließende Treffen mit den Spandauer Landsleuten wurde dabei sowohl zu einer religiös-patriotischen Demonstration wie wohl auch zu einem Volksfest.

Als Herzog bereits Bischof von Breslau geworden war, übertrug er dem Priester Władysław Enn für drei Jahre die soeben entstandene Pfarrei St. Pius in Berlin-Friedrichshain. Dort hielt Pfarrer Enn ab Oktober 1885 regelmäßig polnische Gottesdienste ab. Seine Nachfolger waren den Polen nicht mehr wohlgesonnen. Die Gottesdienste in polnischer Sprache wurden jedoch bis zum Zweiten Weltkriegs beibehalten und auch in anderen Gemeinden Berlins eingeführt. Gehalten wurden sie von polnischen Priestern, die sich zeitweilig in der Stadt aufhielten oder von deutschen Priestern - oft Schlesiern -, die das Polnische beherrschten. In den späteren Jahren verschlechterte sich jedoch auf Druck der erzbischöflichen Delegatur und der preußischen Behörden das Verhältnis zum deutschen Klerus und es kam zu wiederholten Spannungen.

Nachdem bereits im Oktober 1900 die polnischen Privatschulen auf polizeiliche Anordnung hin geschlossen werden mußten, setzten nationalbewußte Polen ihre Hoffnung auf die Amtskirche und den Katechismusunterricht. Dort sollten ihre Kinder zugleich in ihrer Sprache und der Religion unterwiesen werden. Wurde dies verweigert, so wurde hierin eine Übereinstimmung mit der preußischen Polenpolitik und ihren Germanisierungsbestrebungen gesehen.

Der spektakulärste Konflikt dieser Art ereignete sich am 15. März 1914 in der St.-Paulus-Gemeinde in Moabit. Obwohl die Gemeinde einen polnischsprachigen Priester, Pater Stanisław Potyka aus Schlesien, besaß, wurde den polnischen Kindern eine eigene polnische Erstkommunion verweigert. Pater Potyka wurde an diesem Tag auf eine "Dienstreise" außerhalb der Stadt gesandt. Zur polnischen Messe um acht Uhr waren rund 2 000 Gläubige erschienen sowie die von den Dominikanern vorher verständigte Polizei. Über den weiteren Verlauf schrieb die liberale Vossische Zeitung in ihrer Morgenausgabe vom folgenden Tag unter dem Titel Polen-Kundgebung in der Kirche:

"[...] Die Kommunikanten trugen unter ihren Mänteln Feierkleider. Der polnische Verein "Casimir" entrollte seine Fahne. Ein Geistlicher forderte vergebens auf, sie wieder zu verhüllen. Hierauf beschlagnahmten Kriminalbeamte die Fahne. Nach der Messe begaben sich die Kinder zur Kommunionbank, und die Eltern verlangten stürmisch die Erteilung des Sakraments. Als der Geistliche es entschieden ablehnte, das Sakrament zu erteilen, stimmten die anwesenden Polen laute Gesänge in ihrer Muttersprache an. Den wiederholten Aufforderungen der Geistlichen und der Kirchenbeamten, die polnischen Lieder abzubrechen und die Kirche zu verlassen, wurde nicht stattgegeben, dagegen erhoben die Polen ein ohrenbetäubendes Gejohle und beschimpften die Geistlichen in gröbster Weise. Inzwischen war die Polizei benachrichtigt worden, und der Vorsteher des 64. Reviers erschien mit achtzig Beamten, welche die Polen aufforderten, das Gotteshaus zu räumen. Diese widersetzten sich jedoch, und es kam in einzelnen Fällen sogar zu tätlichem Widerstand. Erst nach geraumer Zeit gelang es der Polizei, die Kirche zu leeren. Vor der Kirche wurden polnische Flugblätter verteilt, die von den Polizeibeamten jedoch beschlagnahmt wurden. Der Vorsitzende des polnischen Arbeitervereins Kasmareck [Kaczmarek], sowie der Arbeiter Slanski [ȩląski], wurden verhaftet".

Der schlesische Pater Stanisław Potyka wurde 1930 endgültig aus der St.-Paulus-Gemeinde versetzt. Er war damals der letzte polnische Geistliche in Berlin. Wiederum protestierten die polnischen Gläubigen der Gemeinde und polnische Honoratioren. Sie erreichten zumindest, daß 27 Kinder den Katechismus auf Polnisch lernen konnten. Ihre Kommunion am 14. April 1931 geriet wiederum zu einer religiös-patriotischen Demonstration mit etwa 1 000 Teilnehmern. Es sollte die letzte dieser Größe in Berlin sein.

Vereine

Bild polnischer Arbeiterverein
Polnisch-Katholischer Arbeiterverein in Berlin

Von 1817 bis 1922 wurden in Berlin und Brandenburg weit über 300 polnische Organisationen gezählt, die allerdings nicht alle zur gleichen Zeit existiert hatten. Darunter waren:

37   religiös-patriotische und polnisch-katholische Arbeitervereine, u.a. in Velten, Brandenburg, Kalkberge-Rüdersdorf, Hennigsdorf und Zehdenick
44   politische Vereine, u.a. Kalkberge-Rüdersdorf, Brandenburg, Potsdam und Niederlehme
18   Frauenorganisationen
28   Sokół (Falke) genannte Turn- und Sportvereine, u.a. in Hennigsdorf, Potsdam, Zehdenick und Frankfurt/Oder
25   Chöre, Gesangs- und Theatervereine
25   Filialen polnischer Gewerkschaftsvereine, u.a. in Potsdam und Brandenburg
31   akademische Vereine
20   Handwerker- und berufsständische Vereine
6   Schul- und Bildungsvereine
18   Jugendvereine
13   Spar-, Hilfs- und Lotterievereine
7   Wohltätigkeitsvereine
17   polnische Zeitschriften und Zeitungen und
16   Vereine unterschiedlicher Zielsetzung, darunter z. B. der Verein der Raucher der Zigarettenmarke Vulkan

Diese Aufzählung gibt einen Eindruck von der Vielfalt polnischer Organisationen in Berlin, zu denen nach dem Ersten Weltkrieg noch die Pfadfinder hinzukamen. Einige der Vereine und Zeitungen sowie drei polnische Banken sollten bis 1939 existieren. Erwähnt sei hier nur noch der Schulverein Oświata, der 1897 u.a. von polnischen Studenten gegründet wurde.

Zeugnis des polnischen Schulvereins Oswiata
Zeugnis der "Polnischen Schule" des polnischen Schulvereins Oświata - Schuljahr 1934/35

Die preußische Germanisierungspolitik traf die Polen vor allem in den Schulen, in denen ab 1900 nicht einmal polnischer Religionsunterricht abgehalten werden durfte. In den Jahren bis 1907 kam es daraufhin in der Provinz Posen zu einem langanhaltenden und oft mit Gewalt unterdrückten Boykott deutscher Schulen - dem sogenannten "Schulstreik". In den Nachmittagskursen des Berliner Oświata-Vereins unterrichteten Studenten und andere Lehrer, bestenfalls unter argwöhnischer Beobachtung der preußischen Behörden, in polnischer Sprache und Geschichte. 1911 wurde den polnischen Studenten bei Androhung der Zwangsexmatrikulation verboten, polnischen Unterricht zu erteilen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sogar für erwachsene Polen Grammatik-Kurse u.a. "wegen der zukünftigen Handelsbeziehungen" mit Polen abgehalten, weil manche vorher kaum die Möglichkeit gehabt hatten, ihre Schriftsprache zu erlernen.

1921 zählte Oświata zehn Sprachkurse mit etwa tausend Kindern in Berlin, die mangels eigener Räume zumeist nachmittags in Grundschulen abgehalten wurden. Auch in der Weimarer Republik hatte der Verein mit der ablehnenden Haltung der Schulbehörden zu kämpfen.1928 wurde in Preußen zwar ein Gesetz über den Schulunterricht der Minderheit erlassen, das in der Praxis jedoch keine Änderung erbrachte. 1929 wurde so z.B. in Berlin das Singen polnischer Lieder in öffentlichen Schulen verboten. Noch im Jahr 1938 wollte die Polnische Botschaft ein dreistöckiges Gebäude am Kreuzberger Mariannenplatz 14 erwerben, in dem eine Grundschule mit sechs Klassen für Kinder aus ganz Deutschland eingerichtet werden sollte. Der Kauf des Gebäudes verzögerte sich, weil die deutsche Seite forderte, daß ihr Listen der angemeldeten Schüler ausgehändigt werden sollten, was die Botschaft verweigerte. Die späteren Ereignisse erübrigten dann die Verhandlungen.

In der Zwischenkriegszeit war jedoch die Provinz Oberschlesien die Region mit der größten Zahl von Kindern im polnischen Sprachunterricht. 1926 fanden sich dort insgesamt 35 polnisch-sprachige Grundschulen und 20 Grundschulen mit polnischem zusätzlichen Sprachunterricht. Dort erreichte der Verband polnischer Schulvereine in Deutschland unter Jan Baczewski auch die Einrichtung eines privaten polnischen Gymnasiums in Beuthen. Nach 1933 sandte er dorthin auch seine beiden Söhne, die ihr Berliner Gymnasium verlassen mußten, weil dort ein überzeugter Nationalsozialist zum Direktor ernannt worden war.


Bild - Berliner Pfadfindergruppe
Berliner Pfadfindergruppe "Zawisza czarny" um 1927/28

Die polnischen Vereine in Berlin beklagten jedoch stets in ihren Versammlungen und Verlautbarungen das Desinteresse der meisten Landsleute an ihrer Arbeit. Auch diejenigen, die an den Sportfesten, Musikveranstaltungen oder Maskenbällen teilnahmen, waren nicht zwangsläufig an den religiösen oder patriotischen Zielen der Vereinsstatuten interessiert. Antoni Gołąbka und Jan Kaćmierczak berichten in dem 1937 erschienenen Buch Polen in Berlin - ein Beitrag zur Geschichte der polnischen Emigration in Berlin und östlich der Elbe über polnische Wohltätigkeitsveranstaltungen zur Finanzierung von Ferienaufenthalten für Kinder bedürftiger Landsleute:

Einladung zum Maskenball
Der polnisch-katholische Arbeiterverein in Berlin lädt zum Maskenball am 1. Januar 1932 ins "Dom Polski". Anzeige aus dem Dziennik Berlinski.
"[...] zu diesen Veranstaltungen zählte die Kolonie vor allem das "Große Volksfest", das der Verein "Oświata" am zweiten Pfingstfeiertag ausrichtete, überwiegend im Garten und Saal Buggenhagen am Moritzplatz und während des I. Weltkrieges im "Hohenzollern Garten" an der Landsberger Allee. Zur abwechslungsreichen Gestaltung des Programms trugen besonders die Gesangsvereine und oft der Turnverein "Sokół" bei, wie auch exquisite Konzerte ziviler oder auch Militärorchester. In den späteren Jahren wurde ein Konzert des Orchesters des polnischen Vereins "Lutnia" gegeben. Höhepunkt dieser Veranstaltungen war immer eine reich ausgestattete "Tombola" und sogenannte "amerikanische Versteigerung" zu der wiederum polnische Bürger beitrugen, indem sie zahlreiche wertvolle Gegenstände beisteuerten, unter denen sogar lebende Waren nicht fehlten: Kaninchen, Enten, Hühner und Gänse. Wie wir uns erinnern, fand sich auf einer Auktion sogar ein fettes, ansehnliches Ferkel. In einem anderen Fall wieder spendete ein gewisser polnischer Bäckermeister einige Laib Brot. In einem von ihnen befanden sich 5 Mark in Silber und in einem anderen wiederum 10 Mark in Gold. Wir müssen nicht besonders unterstreichen, daß die "Auktion" sich unter diesen Umständen eines ungeheuren Zuspruches erfreute und den Ferienkolonien recht bedeutende Mittel einbrachte. So ein "großes Volksfest" war, wie sich versteht, immer mit einem Tanzvergnügen verbunden und zog eine äußerst zahlreiche Menge an, oft einige Tausend Landsmänner und -frauen, die an diesen polnischen Festen vergnügt und herzlich teilnahmen". Eine andere Tradition war der jährliche Ausflug des Verbandes polnischer Vereine in Berlin im Juni oder Juli nach Grünau oder Hirschgarten. Hier soll sich ebenfalls eine nach Tausenden zählende Menge amüsiert haben, "um zumindest für den Augenblick die Schwierigkeiten des Alltags zu vergessen. [...] Es fehlte auf diesen Ausflügen auch nicht an Familien, die sich in einer deutsch-polnischen Sprache oder nur auf Deutsch verständigten."

Polen oder Deutschland?

Der Erste Weltkrieg stellt eine deutliche Zäsur auch im Leben der Berliner Polen dar. Viele wurden ins deutsche Heer eingezogen und die auslandspolnischen Saisonarbeiter wurden in Deutschland festgehalten und in Landwirtschaft und Industrie zwangsverpflichtet. Mit dem Wiederentstehen des polnischen Staates 1918 wurden die Polen im Deutschen Reich vor die Wahl gestellt, ob sie die deutsche Staatsangehörigkeit behalten oder für Polen optieren wollten. Wegen der politisch instabilen Situation in beiden Ländern, des polnisch-sowjetischen Konfliktes, der Kriegsschäden und der wirtschaftlichen Lage in Polen zögerten viele jedoch mit der Rückkehr. Viele blieben, weil ihnen die Stadt Berlin zur Heimat geworden war.

Im Vorfeld des Plebiszits in Oberschlesien entstand in Berlin auch ein polnisches Komitee der Oberschlesier in Berlin (Komitet Górnoślązaków w Berlinie) unter der Leitung von Paweł Ledwolorz. Zusammen mit anderen Organisationen organisierte es zum Beispiel am 19. September 1920 eine Propagandaveranstaltung, an der etwa 3 000 Personen teilnahmen. Polnische Pfadfinder verteilten nachts Plakate und Flugblätter in den Straßen, Bussen und Bahnen. Die finanziellen Mittel des Komitees und dessen Möglichkeiten standen jedoch in keinerlei Verhältnis zu den Summen, die in Berlin von deutscher Seite aufgebracht wurden. Nach Berichten des polnischen Konsulats haben schließlich etwa 12 000 Polen die Stadt bis 1925 verlassen. Chancen im unabhängigen Polen erhofften sich vor allem polnische Intellektuelle, wohlhabende Kaufleute, Facharbeiter und Handwerker. Dadurch ging der Berliner Polonia ein Teil ihrer bisherigen Führungsschicht verloren, und viele polnische Läden, Restaurants und Werkstätten verschwanden aus dem Straßenbild. So fanden sich in Berlin und Umgebung 1927 nach Schätzungen des polnischen Konsulats noch 35 000 Polen. Die meisten hatten für Deutschland optiert. Rund ein Drittel waren Polen, die aus verschiedenen Gründen nicht zurückkehrten, obwohl sie die polnische Staatsangehörigkeit angenommen hatten.

Weimarer Republik und Drittes Reich

Das politische Leben der Berliner Polonia wurde vor allem durch den Bund der Polen in Deutschland (Związek Polaków w Niemczech, ZPwN) bestimmt, der am 27. August 1922 gegründet wurde. Seine Zentrale hatte ihren Sitz in der Potsdamer Str. 61 und war als Interessenvertretung der polnischen Minderheit gegenüber den deutschen Behörden gedacht. Zusammen mit Verbänden der Dänen, Friesen, Sorben und Litauer (erst 1927) wurde im Januar 1924 der Bund der Nationalen Minderheiten in Deutschland gegründet. Der Bund der Polen besaß in der Weimarer Republik bis zu 40 000 Mitglieder.

Der Bund der Polen lehnte die Zusammenarbeit mit deutschen Parteien ab und unterstützte eine eigene polnische Liste bei den Wahlen zum Preußischen Landtag und Reichstag. Bis 1928 konnte diese Liste mit Jan Baczewski und Czesław Klimas Vertreter in den Preußischen Landtag entsenden. Bei den Wahlen 1928 erreichte die Polnische Liste Nr. 19 in ganz Deutschland nur noch 72 133 Stimmen, in Berlin 2 150. Bei den Wahlen 1924 waren es noch 101 244 gewesen, davon 48 364 allein in Oberschlesien. Die Gunst der polnischen Wähler mußte sie sich vor allem mit dem katholischen Zentrum und den Arbeiterparteien SPD und KPD teilen. Die KPD besaß eine eigene polnische Sektion und gab ab September 1928 die Zeitung Stimme der Arbeit (Głos Pracy) heraus. Ihr Redakteur war der Oberschlesier und Reichstagsabgeordnete Anton Jadasch.

Der Bund der Polen hatte auch mit einer inneren Opposition zu kämpfen. So wurde die Berliner Zentrale vor allem aus Oberschlesien heraus kritisiert, daß sie zuwenig Rücksicht auf lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse nehme. Der Vorstand des angegliederten Verbandes der Schlesischen Genossenschaften (Związek Spółdzielni Śląskich) in Oppeln kritisierte zum Beispiel 1929, daß der Verband sich nur auf "hundertprozentige" Polen stützen wolle, was die Arbeit vor Ort erschwere. Allein der polnische Name des Dachverbandes schrecke die durch deutsche Übergriffe während der Zeit des Plebiszits Eingeschüchterten ab. Er verschrecke auch diejenigen, "die zwar polnisch sprechen, aber nicht wissen, daß sie Polen sind".

In Berlin selbst konnte am 17. Oktober 1931 das lang geplante Polnische Haus (Dom Polski) in der ersten Etage der Dresdner Straße 52 im Bezirk Mitte feierlich eröffnet werden. Es sollte als zentraler Veranstaltungsort der polnischen Vereine dienen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wandten diese sich in den ersten Wochen vor allem gegen Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten, bevor lokale Gruppierungen ab März 1933 vor allem in den Grenzgebieten Übergriffe gegen Polen und deren Einrichtungen begannen und deren gesellschaftliches Leben daraufhin drastisch schwand. Die Übergriffe gegen Polen gingen jedoch einige Monate später zurück, nachdem sich im Mai 1933 eine Entspannung und später eine sichtbare Annäherung in der Beziehung beider Staaten abzeichnete.

Plakat zum Kongress der Polen
Plakat zum Kongreß der Polen
am 6. März 1938 in Berlin

Trotz des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes 1934 und einer deutsch-polnischen Erklärung zur Minderheitenpolitik am 5. November 1937 unterlagen Polen, die sich aktiv zur Minderheit bekannten, ständigem Druck. Vor allem aus Oberschlesien und Westpreußen gingen zahlreiche Beschwerden bei der Berliner Zentrale des Bundes der Polen ein. Die Vorfälle und die Interventionen des Bundes bei den Berliner Ministerien wurden in der Kulturwehr, der Zeitschrift des Bundes der Nationalen Minderheiten veröffentlicht. Entlassungen, Schikanen lokaler Behörden, Verhaftungen, Beschlagnahmen polnischer Bücher sind dort unter anderem aufgeführt. Polen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen, wurden ausgewiesen.

Dabei bot die Großstadt Berlin noch einige Zeit einen gewissen Schutz, unter anderem durch die Anwesenheit ausländischer Vertretungen und Medien sowie durch ihre Anonymität. So konnte hier der den lokalen Behörden als polnischer Aufständischer in Oberschlesien und Patriot bekannte Arzt Dr. Augustyn Kośny aus Chrosczütz bei Oppeln noch im Jahre 1937 praktizieren - als es ihm in Schlesien bereits unmöglich gemacht wurde.

Noch am 6. März 1938 gelang es dem Bund der Polen in Deutschland in Berlin einen spektakulären Kongreß durchzuführen. Dieser Kongreß der Polen in Deutschland im damaligen Theater des Volkes in der Friedrichstraße zählte über 5 000 Teilnehmer und wurde von den Nationalsozialisten als Beispiel angeblicher Toleranz propagandistisch ausgenutzt.

Ende 1938 und Anfang 1939 wurden aktive Mitglieder polnischer Vereine, wie zum Beispiel Arkadiusz Bożek aus dem Kreis Ratibor, gezwungen, die Grenzgebiete zu Polen zu verlassen. Sie wurden in Berlin privat, in der polnischen Schule am Kreuzberger Mariannenplatz oder der polnischen Studentenvereinigung in der Lutherstraße 17 untergebracht.

Am 23. Juli 1939 wurde die Leiche von Dr. Augustyn Kośny, die deutliche Spuren von Gewaltanwendung zeigte, im Landwehrkanal gefunden.

Das 12 Uhr Blatt vom 1. August 1939
Titelblatt der Zeitung "Das 12 Uhr Blatt" vom 1. August 1939

Am 17. August wurde das Büro der Zentrale des Bundes der Polen geschlossen und die Mitarbeiter verhaftet. Am 4. September 1939 ordnete der SS-Führer Reinhard Heydrich die Zerschlagung aller polnischen Organisationen in Deutschland an. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt. Viele Vorsitzende polnischer Organisation wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Sachsenhausen oder Ravensbrück verbracht. Ein Teil von ihnen wurde im Dezember 1939 oder Mai 1940 bereits wieder freigelassen. Sie standen aber fortan unter der Aufsicht der Gestapo. Der Sohn des verhafteten Jan Baczewski, Johannes (Zbigniew) erinnert sich:

"Meinem Vater warf die NSDAP in Rangsdorf, wo wir damals wohnten "Verunglimpfung des Deutschtums" vor. [...] Aber auch wir Jungs - ich war damals siebzehneinhalb und mein Bruder sechzehn Jahre alt - wurden von der Gestapo abgeholt und nach einem vorübergehenden Aufenthalt im Berliner Polizeigefängnis nach Berlin abgeschoben. Wir durften nicht zu unserer Mutter nach Rangsdorf zurückgehen, da wir angeblich ein Ärgernis für die dortige Bevölkerung darstellten. Als wir durch die Straßen von Rangsdorf abgeführt wurden, gab es Leute, sogar Akademiker, wie den Apotheker, die rausgerannt sind und sich nicht geschämt haben, uns anzuspucken. Aber es gab auch Leute, die das Verhalten der Gestapo im Gespräch mit meiner Mutter verurteilt haben. Das gab"s auch, aber sehr verhalten. [...] Die uns geholfen haben, das waren meist Menschen, u.a. auch jüdische Mitbürger, die selbst in schrecklicher Not waren".

Johannes (Zbigniew) Baczewski, sein Bruder und fünf weitere Schüler des aufgelösten Polnischen Minderheitengymnasiums in Beuthen fanden Unterkunft in Berlin bei Hedwig Neumann, die in ihrer Achtzimmerwohnung noch eine polnische Jüdin und eine russische Emigrantin untergebracht hatte. Johannes (Zbigniew) Baczewski wurde kurz darauf zum Militär einberufen und verlor den Kontakt zu Hedwig Neumann, was ihm wahrscheinlich das Leben rettete. Die polnische Widerstandsgruppe um Hedwig Neumann wurde im Herbst 1942 verhaftet, im Oktober 1943 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Epilog

Von den Berliner Polen, die den Krieg oder gar Gefängnis und Konzentrationslager überlebten, ließen sich viele in den ersten Nachkriegsjahren in der Volksrepublik Polen nieder - vor allem in Stettin, wo heute noch Schulen nach Berliner Polen benannt sind, und in Hirschberg. Dort begegnete man ihnen jedoch auch mit Mißtrauen. So zum Beispiel Helena Lehr, die in den 30er Jahren in der Redaktion der Jugendzeitung des Bundes der Polen gearbeitet hatte. Nach Ausbruch des Krieges wurde sie verhaftet und verbrachte drei Monate im Konzentrationslager Ravensbrück. Die Oppelner Behörden stuften sie nach dem Krieg zuerst als Deutsche ein, was - wenn es dabei geblieben wäre - ihre Vertreibung zur Folge gehabt hätte. Auch diejenigen, die in der Wehrmacht hatten kämpfen müssen, wurden oft pauschal verdächtigt.

Der Bund der Polen wurde 1953 im Ostteil der Stadt verboten, und der Eiserne Vorhang erschwerte lange Zeit die Kontakte der verbliebenen polnischen Berliner zum Heimatland. Die Kinder der Kriegsgeneration lernten oft kein Polnisch mehr, und erst in den achtziger Jahren sollte diese Sprache wieder vermehrt in Berlin zu hören sein.


LEO NAWROCKI,

EIN POLNISCHER PFADFINDER IN BERLIN

(Interview)

"Mit sechs Jahren gehörte ich zu dem polnischen Gymnastik-Verein Sokół, der ja eine große Rolle spielte und der auch jetzt in Polen wieder existiert, nachdem der Bolschewismus weg ist. Jedenfalls war der Verein Sokół so ein bißchen vaterländisch. Ich kann mich erinnern in Plötzensee auf dem Pferdemarkt, da hatten wir einmal im Jahr so ein Treffen von ganz Berlin. Stark waren auch die Gymnastikvereine Wedding, wir in Moabit, Charlottenburg, Friedrichshain - also alles die Arbeitergegenden. Im Sokół war ich von ‘28 bis ‘30.

Und dann nachher existierte hier ein Pfadfinderverein. Der war in Polen sehr weit verbreitet. Und auch während des zweiten Krieges haben die Jungs dann in Warschau im Widerstand gekämpft. Man kann sagen, die wurden auch wiederum vaterländisch erzogen. Und was für uns dann besonders interessant war, das war unser Lagerleben - speziell Pfingsten sind wir ‘rausgefahren nach Fangschleuse östlich von Berlin und haben am Wasser Zelte aufgebaut und haben die drei oder vier Tage im Lager verbracht. Für die Kinder, die bei Oświata Unterricht hatten, ging jedes Jahr im Hochsommer vom Schlesischen Bahnhof ein Sonderzug nach Polen. Da waren die Kinder und Jugendlichen aus Berlin (...) Und der Sonderzug fuhr dann am frühen Abend von hier los und kam so nachts zwei, drei Uhr in Posen an. Und da wurden wir dann empfangen, man kann sagen, von Lehrern, die ihre Ferien opferten, um die Zeit mit uns zu verbringen in Polen. Denn es konnte sich jeder wünschen, ob er seine vier Wochen bei Verwandten verbringen wollte oder in diesen gemeinsamen Lagern - oder meistens waren wir in Schulen untergebracht. Und da verbrachten wir dann vier Wochen. Und diese Lehrer (...) betreuten uns dann - allerdings nicht mit Unterricht, sondern mit Sport, Wanderungen bzw. fuhren wir dann auch mit Bussen in nähergelegene Städte oder Orte, die historisch interessant waren. Ich kann mich erinnern, da waren wir mal in Stargard und von da aus fuhren wir mal nach Danzig und nach Gdingen - das war für uns Kinder ja auch mal interessant, die Ostsee kennenzulernen - von polnischer Seite. Und auch von hier aus. Denn als Berliner hat man ja früher ... also wer an die Ostsee fuhr von hier aus, nach Ahlbeck oder Heringsdorf oder ins Riesengebirge - das waren ja meistens schon die Kinder von Beamten. Die Arbeiter haben ja gar nicht das Geld gehabt, um so ‘ne Reisen zu machen. Da waren wir glücklich, wenn wir mal nach Polen fahren konnten.

1937 war ich 14 Tage im Pfadfinderlager in Oberschlesien. Dort haben wir das Pfadfinderkreuz, den 2. Grad., erworben. Das bekam man nach einer Prüfung - wie man Knoten bindet oder sich im Wald zurechtfindet. Ich erinnere mich, auf der Hinfahrt mußten wir in Beuthen umsteigen und kamen da in den Vorortzug, mit dem die Leute zur Arbeit fuhren. Die begrüßten sich mit "Heil Hitler" und sprachen dann auf Polnisch weiter. Das hat mich sehr gewundert, denn in der Berliner S-Bahn ... na da sagten die Arbeiter höchstens "Juten Morjen". Meine Mutter war ganz glücklich, daß wir uns nicht auf der Straße herumtrieben, sie wußte immer, wo wir sind ... Wir hatten sogar ein eigenes Pfeifsignal. Wenn das auf der Straße ertönte, spitzte man die Ohren. Und zwar war das der Anfang von dem Lied Nie rzucim ziemi, skąd nasz ród. Das ist ein bekanntes altes Lied und den Pfiff haben wir immer gebraucht, wenn wir jemand von weitem gesehen haben, beziehungsweise wenn wir zu jemandem hin wollten - auf dem Hof, wenn der oben gewohnt hat. Da wußten wir, ach der ist da und da gehste ‘runter."

Interview mit Leo Nawrocki 1995. An dem Bild ist bemerkenswert, daß die Pfadfinder keine Uniformen trugen, weil ihnen dies 1938 verboten worden war.

Polnische Pfadfinder aus Berlin
Leo Nawrocki mit einer Gruppe polnischer Pfadfinder in Berlin
Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X