Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Michał Lis, Oppeln

Die Herkunft der heutigen Bewohner Schlesiens

Die Veränderungen, die das heutige Schlesien vom Vorkriegsschlesien trennen, lassen sich durch folgendes Beispiel gut illustrieren: Vor dem Krieg gab es in den deutschen Städten Breslau und Oppeln polnische Konsulate. Heute existieren in den polnischen Städten Wrocław und Opole deutsche Vertretungen. In Oppeln ist das deutsche Konsulat heute Ansprechpartner für die Kinder und Enkel derjenigen, um die sich vor dem Krieg das Generalkonsulat der Republik Polen eben wegen seiner Lage als Interessenvertreter der Polen in Deutschland gekümmert hat. Dazu kam es vor allem wegen der Bevölkerungsverschiebungen, die der mit dem deutschen Überfall auf Polen begonnene letzte Krieg nach sich zog. Dieser Krieg führte u.a. zur Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze und zur Einverleibung der Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße in den polnischen Staat.

Polnische Folkloregruppe in Oppeln
Polnische Folkloregruppe in Oppeln

In seiner Geschichte erlebte Schlesien einige größere Bevölkerungsverschiebungen, die das ethnische Profil in weiten Teilen des Landes veränderten. In den ersten Jahrhunderten dieses Jahrtausends war es von slawischen Stämmen bewohnt. Die ethnische Zusammensetzung verschob sich auch nicht durch Einwanderung: weder durch die Ansiedlung von Kriegsgefangenen noch durch den Zuzug von Geistlichen und Rittern, die auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen aus dem Westen ins Land kamen, noch durch Juden, die sich nach der Vertreibung aus Böhmen am Ende des 11. Jahrhunderts in Schlesien niederließen. Die Verhältnisse änderten sich langsam an der Wende zum 13. Jahrhundert, als die schlesischen Herzöge die Geldwirtschaft einführten, wie sie im Westen Europas schon allgemein verbreitet war. Alten Siedlungen wurde neues Recht verliehen, neue Städte, später auch Dörfer wurden nach deutschem Recht gegründet. Um die Effektivität dieses Prozesses zu erhöhen, holte der niederschlesische Herzog Heinrich der Bärtige Siedler aus dem Westen ins Land. Seinem Beispiel folgten oberschlesische Herzöge und der Breslauer Bischof. Der Siedlungsvorgang intensivierte sich noch nach dem Mongolensturm. Die Besiedlung führte zur Änderung der ethnischen Verhältnisse in Niederschlesien, zum Vordringen des deutschen Elements bis in den westlichen Teil Oberschlesiens und zur Durchsetzung der deutschen Sprache in den Städten. Diese Entwicklung erhielt einen zusätzlichen Antrieb durch die Auflösung der Beziehungen zwischen den schlesischen Herzögen aus der Piastendynastie und Polen (1202) sowie die endgültige Unterordnung unter böhmische Herrschaft um 1350, auch wenn die polnisch-deutsche - und im Süden die polnisch-tschechische - Besiedlungsgrenze weiterhin fließend war. Zweifellos wurde der Vormarsch des Deutschen um die Mitte des 14. Jahrhunderts durch die Einführung des Deutschen als Amtssprache und durch den Übergang Böhmens unter Habsburger Herrschaft 1526 begünstigt. Zwischen 1500 und 1650 wuchs die schlesische Bevölkerung trotz der Verluste des Dreißigjährigen Kriegs, dem fast ein Drittel der Bewohner zum Opfer fiel, von 1,25 Millionen auf 1,5 Millionen. Da Deutsche von den Verlusten stärker betroffen waren, wanderten in den germanisierten Teil Schlesiens Polen ein. Um 1650 verlief die polnisch-deutsche Sprachgrenze von der Westgrenze des Kreises Namslau durch den Kreis Brieg und entlang der Westgrenze der Kreise Falkenberg und Neustadt in Richtung Böhmen. Diese Linie blieb im Grunde bis zum Einmarsch Friedrichs II. unverändert, der in drei Kriegen zwischen 1740 und 1763 Schlesien eroberte.

Die preußische Regierung versuchte schnell, das ethnische Profil im Osten Schlesiens zu ändern. Die friderizianische Kolonisation veränderte die nationale Zusammensetzung Schlesiens jedoch nicht. Der Kampf gegen die polnische Sprache führte aber zu ihrem Untergang in Niederschlesien und zur Verschiebung der Sprachgrenze nach Osten in den südlichen Teil Oberschlesiens. Ende des 19. Jahrhunderts verlief sie westlich der Städte Groß Wartenberg, Namslau, Löwen, Schurgast, Zülz und südlich von Oberglogau und Ratibor. Die Folgen der Germanisierungspolitik zeigen sich deutlich in der Volkszählung von 1910. Während in ganz Oberschlesien nur noch 57,3% der Bevölkerung Polnisch als Muttersprache angaben, waren es rechts der Oder fast 80%.

Die Teilung Oberschlesiens 1922 zog Bevölkerungsverschiebungen nach sich. Aus Furcht vor Restriktionen verließen mehr als 100 000 Menschen den deutschen Teil Schlesiens. An ihre Stelle kamen fast 220 000 Deutsche aus Polen, von denen mehr als 50 000  im Regierungsbezirk Oppeln blieben. Nach Schätzungen von Dr. H. Rogmann vom Bund Deutscher Osten (BDO) lebten dort 1935 ungefähr 550 000 Polen. Polnischerseits schätzte man die - wenn auch unterschiedlich nationalbewußte - polnische Bevölkerung in Schlesien auf 660 000 bis 860 000 Personen (davon 60 000 in Niederschlesien). Nach der deutschen Volkszählung vom 17. Mai 1939 lebten in Schlesien 4 866 764 Personen, davon 3 286 539 in Niederschlesien und 1 582 225 im Regierungsbezirk Oppeln. Durch die Einverleibung vorher polnischer Gebiete erhöhte sich die Bevölkerungszahl Schlesiens nach dem 1. September 1939 auf 7 627 623 Personen (Provinz Niederschlesien 3 286 539 , Provinz Oberschlesien 4 341 084 ). In der Endphase des Krieges stieg die Bevölkerungszahl stark an, da zum einen Deutsche aus den von der Roten Armee besetzten Gebieten nach Schlesien gelenkt wurden, und zum anderen auch Deutsche aus dem Westen hier vor den Luftangriffen Schutz suchten. Das Näherrücken der Roten Armee führte zu Flucht und Evakuierung der schlesischen Bevölkerung. Dabei kamen viele Menschen durch Kriegshandlungen oder durch die Winterkälte um. Viele Opfer forderte die Erklärung der schlesischen Hauptstadt zur „Festung Breslau“, in der die eingeschlossene Bevölkerung stark dezimiert wurde.

Die Verschiebung der polnischen Grenze im schlesischen Bereich an die Lausitzer Neiße führte zur Zwangsumsiedlung großer Menschenmassen, die von den Siegermächten bereits während des Krieges angekündigt worden war. Schon im Frühjahr, nach der Übergabe Ostoberschlesiens durch die Rote Armee, kamen Polen aus den Gebieten, die nach den Beschlüssen von Jalta jenseits der neuen polnischen Ostgrenze lagen. Diese Polen wurden auf Grundlage der durch die UdSSR aufgezwungenen Abkommen ausgesiedelt, die das von Stalin abhängige Polnische Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN) im September mit den Marionettenregierungen der Sowjetrepubliken Ukraine, Weißrußland und Litauen geschlossen hatte.( Man muß allerdings hinzufügen, daß schon vorher 300 000 Polen aus Furcht vor Banden ukrainischer Nationalisten, die von den deutschen Besatzern unterstützt wurden, ihr Zuhause aufgegeben hatten.) Nach diesen Abkommen wurden bis Ende 1944 fast 120 000 Polen innerhalb der neuen polnischen Grenzen umgesiedelt. Bis Juli 1945 kamen aus dem von der Sowjetunion annektierten Gebiet offiziell mehr als 700 000 Polen in das bisher deutsche, nun Polen angeschlossene Gebiet. Der größte Teil, der mit Eisenbahnzügen nach Schlesien transportiert wurde, stammte aus den südöstlichen Wojewodschaften Vorkriegspolens. Bis Ende 1945 lebten im neuübernommenen Teil Schlesiens mehr als 430 000 polnische Aussiedler aus dem Gebiet jenseits des Bug (fast 130 000 in Städten, mehr als 300 000 auf dem Land) und mehr als 700 000 Umsiedler aus Zentral- und Ostpolen, die während des Krieges ihr Hab und Gut verloren hatten, insgesamt also mehr als 1,134 Millionen Menschen.

Die ersten Umsiedlungsaktionen wurden von den polnischen Behörden bereits vor den endgültigen Entscheidungen der Siegermächte durchgeführt, die in der Konferenz von Potsdam über das weitere Schicksal Deutschlands beschlossen. Die Aussiedlungen umfaßten das gesamte Grenzgebiet und begannen schon im Juli 1945. Bis Ende 1945 wurden ungefähr 500 000 Personen über die Oder transportiert. Nach den Potsdamer Beschlüssen begannen die polnischen Behörden offiziell mit der Aussiedlung der Deutschen. Planvolle Aktionen sollten dann im Februar 1946 beginnen. Zu dieser Zeit lebten in Schlesien nach der Volkszählung vom 14. Februar 1946 4 764 500  Menschen, davon 3 141 022 in den neu angeschlossenen Gebieten und 1 623 478 in der alten Wojewodschaft Schlesien. Darunter befanden sich 1 400 913 Deutsche ( 1 385 040 in den neu angeschlossenen Gebieten und 15 873 in dem schon vor dem Krieg polnischen Teil). Im neupolnischen Gebiet lebten 1 239 309 in Niederschlesien und 1 145 731 im ehemaligen Regierungsbezirk Oppeln.

Als Deutsche galten in Oberschlesien (d.h. im ehemaligen Regierungsbezirk Oppeln) nur diejenigen Bewohner, die schon vor dem Krieg hier gelebt hatten und sich nicht dem angeordneten Verfahren der nationalen Verifikation unterzogen, bzw. dabei einen negativen Bescheid erhielten. Bei allen Fehlern, die die Verifikation als Kataster zur Erfassung der Nationalität und zur Ersetzung von Aussiedlerlisten aufwies, muß man unterstreichen, daß das Verfahren im Gegensatz zur Volksliste der deutschen Besatzungsmacht auf freiwilliger Basis erfolgte. Durch die nationale Verifikation wurde in Schlesien 886 600 Personen die polnische Nationalität bestätigt ( 851 454 in Oberschlesien, 15 146 in Niederschlesien). Nach ihrem Abschluß blieben in Polen nur noch Deutsche und deren Familien zurück, die als unerläßlich für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft galten. Nach der Volkszählung von 1950 waren es in ganz Polen 106 500 Personen, davon 79 003 in Schlesien. Die meisten von ihnen waren zurückgehaltene Bergleute aus Niederschlesien mit den größten Wohngebieten in Waldenburg (ca. 25 000 Personen) und Hirschberg (ca. 12 000 ). Nach dem politischen Tauwetter wurden dieser Minderheit seit Oktober 1956 die grundlegenden Bürgerrechte zuerkannt, zumal sie nun auch Schutz von seiten der DDR fand. Bald darauf reisten jedoch fast alle Deutschen aus Niederschlesien in die Bundesrepublik aus.

Durch Flucht, deutsche Zwangsevakuierung und polnische Zwangsaussiedlung veränderte sich das ethnische Profil Schlesiens grundlegend. Nach der Volkszählung vom Dezember 1950 lebten in den neu angeschlossenenen Teilen Schlesiens (in den Wojewodschaften Kattowitz, Oppeln und Breslau) 3 014 700 Personen mit folgender regionaler Herkunft:

  1. Autochthone: 822 000 Personen (27,3%) (ohne die zurückgehaltenen Deutschen)
  2. Umsiedler innerhalb der neuen polnischen Grenzen: 1 174 600 Personen (39%)
  3. Umsiedler aus den von der UdSRR annektierten Gebieten: 959 600 Personen (31,8%).

Diese Zusammensetzung veränderte sich freilich in den folgenden Jahren. Vor allem durch die Ausreise der autochthonen Bevölkerung in die Bundesrepublik verringerte sich der Anteil dieser Gruppe. Darüber hinaus setzten in den Nachkriegsjahren Prozesse ein, die eine genaue Bestimmung der Stärke der jeweiligen Gruppen unmöglich machen (z.B. Mischehen, unterschiedliche Bevölkerungszuwachsraten). Nach dem Untergang des Sozialismus und den Veränderungen in der Staatsverfassung gaben große Teile der autochthonen Bevölkerung das von vorhergegangenen Generationen geleistete Bekenntnis zur polnischen Nationalität zugunsten der deutschen auf. Daraus erklärt sich auch das Entstehen einer deutschen Minderheit, vor allem in der Wojewodschaft Oppeln und den angrenzenden Gemeinden der Wojewodschaften Kattowitz und Tschenstochau.

Deutsches Vizekonsulat in Oppeln
Deutsches Vizekonsulat in Oppeln

Die Bevölkerung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Schlesien niederließ, kam größtenteils aus den südlichen Gebieten Vorkriegspolens - aus dem benachbarten Dombrowa-Beccken und den überbevölkerten Wojewodschaften wie Kielce und Krakau, aus dem weiterhin polnischen Westteil der Wojewodschaft Lemberg sowie aus den von der Sowjetunion annektierten Wojewodschaften Lemberg, Tarnopol, Stanislau und teilweise Wolhynien. Diese Bevölkerungsgruppe war längst nicht homogen und brachte Erfahrungen mit, die das Zusammenleben mit anderen regionalen Gruppen sowohl erleichterten als auch hemmten. Mit Ausnahme der jüngsten schlesischen Generation, die zur Benutzung des Deutschen gezwungen worden war, waren alle diese Gruppen zu Beginn der Nachkriegszeit durch Sprache, Religion und kirchlich-jahreszeitliche Gebräuche miteinander verbunden. Das neue System, das die Sowjetunion im Einvernehmen mit den westlichen Großmächten in Polen eingeführt hatte, erschwerte beträchtlich die Hoffnung auf eine gesellschaftliche Integration, die 1945 an der Oder anzutreffen war.

LITERATUR:

S. BANASIAK: Działalność osadnicza Państwowego Urzędu Repatriacyjnego na Ziemiach Odzyskanych w latach 1945-1947. Poznań 1963; W. DZIEWULSKI: Dzieje ludności polskiej na Śląsku Opolskim od czasów najdawniejszych do Wiosny Ludów. Opole 1972; J. KOKOT: Problemy narodowościowe na Śląsku od X do XX wieku. Opole 1973; W. LESIUK: Ludność etnicznie polska na Śląsku w czasie II wojny światowej-próba zobiektywizowania ocen niemieckich i polskich. In: Polska ludność rodzima na Śląsku w okresie Polski Ludowej, Teil III, Heft 1 (Materiały z badań w 1989 r. nad przeobrażeniami społecznymi i narodowymi na Śląsku hrsg. v. M. Lis). Opole 1990; M. LIS: Ludność rodzima na Śląsku Opolskim po II wojnie światowej (1945-1993). Opole 1993; Z. LEMPINSKI: Przesiedlenie ludności niemieckiej z województwa Śląsko-dąbrowskiego w latach 1945-1950. Katowice 1979; J. MISZTAL: polityka władz polskich wobec stałych mieszkańców ziem odzyskanych w pierwszych latach po zakończeniu drugiej wojny światowej. Gliwice 1991; B. OCIEPKA: Niemcy na Dolnym Śląsku w latach 1945-1970. Wrocław 1992; R. RAUZINSKI, S. SENFT (Hrsg.): Polska ludność rodzima na Ziemiach Zachodnich i Północnych po II wojnie światowej (Materiały z sympozjum naukowego w Instytucie Śląskim w Opolu w dniu 25 listopada 1988 r.). Opole 1989; T. URBAN: Niemcy w Polsce. Historia mniejszości w XX wieku. Opole 1994.

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