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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Detlef Brandes, Düsseldorf

Vorgeschichte von Flucht und Vertreibung

Zur Einführung möchte ich auf die Vorgeschichte eingehen, ohne die die Vertreibung der Deutschen nicht zu verstehen ist, nämlich über die nationalsozialistische Polenpolitik und die Entwicklung der polnischen Aussiedlungspläne während des Krieges.

Mehr als ein Jahrhundert lang lebten die Polen unter der Herrschaft der Hohenzollern, der Habsburger und der Romanows. Durch Aufstände versuchten mehrere Generationen, die Unabhängigkeit im Kampf zu gewinnen oder durch sogenannte „Arbeit im Kleinen“ und Kompromisse mit den Teilungsmächten die Voraussetzungen für die Wiederherstellung der staatlichen Selbständigkeit zu schaffen. Erst der Zusammenbruch aller Teilungsmächte im Ersten Weltkrieg brachte die ersehnte Wiederherstellung der Polnischen Republik.

Der Kampf um die polnisch-deutsche Grenze in den Jahren 1918-21 endete mit einem Kompromiß; die Extremisten beider Seiten erlitten eine Niederlage. Danzig wurde Freistaat; Deutschland verlor den größten Teil Westpreußens und die Provinz Posen und hatte der Teilung Oberschlesiens zuzustimmen. Polen mußte seinen Anspruch auf das südliche Ostpreußen und auf ganz Oberschlesien aufgeben. Die sogenannte „Wiedergutmachung“ historischen Unrechts und jahrhundertelanger Germanisierung, d.h. eine „Repolonisierung“ der Masuren, Ermländer, Kaschuben und eines Teils der „wasserpolnisch“ sprechenden Oberschlesier blieb dem neuen Staat verwehrt.

Rund zwei Drittel der 1,1 Millionen Deutschen, die bei Kriegsende in den an Polen gefallenen Gebieten Posens und Westpreußens gelebt hatten, wanderten freiwillig bzw. durch wirtschaftlichen Boykott und administrativen Druck bedrängt, nach Deutschland aus. Die Revision der deutschen Ostgrenze blieb ein Axiom der Weimarer Außenpolitik; sie wurde auch von den republikanischen Kräften gefordert. Stresemann wollte „durch freundschaftliche Vereinbarungen mit Frankreich die Westfragen bereinigen“ und danach „an das Ostproblem d.h. die Beseitigung des Korridors und die Wiedervereinigung Danzigs mit dem Reich gehen“.

Die polnische Politik gegenüber der deutschen Minderheit hatte das Ziel, ihre Zahl und ihren Besitz zu vermindern und damit den deutschen Revisionsansprüchen den Boden zu entziehen: durch Verringerung der Zahl der deutschen Schulen, durch die Parzellierung des Großgrundbesitzes über 150 Hektar, durch wirtschaftlichen Boykott deutscher Vereine und Zeitungen. Auf der anderen Seite subventionierte die Reichsregierung die kulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten der deutschen Minderheit, um sie als deutschen Vorposten für die Grenzrevisionen zu erhalten.

Von dem Weimarer Ziel einer bloßen Rückkehr zu den alten Reichsgrenzen nahm das nationalsozialistische Deutschland Abschied. In seinem sogenannten „zweiten Buch“ schrieb Hitler:

„Die Außenpolitik der nationalen bürgerlichen Welt ist in Wahrheit stets nur eine Grenzpolitik gewesen, die der nationalsozialistischen Bewegung wird demgegenüber immer eine Raumpolitik sein.“

 Die „Diskontinuität in der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte“ zeigte sich in zweifacher Hinsicht, nämlich in der Zeit von 1934-38 in dem Versuch, Polen als Juniorpartner für die Aufteilung der Sowjetunion zu gewinnen, und in den Jahren 1939-45 im Charakter der deutschen Besatzungspolitik.

Hitlers im Mai 1933 begonnene Entspannungspolitik gegenüber Polen kulminierte in der deutsch-polnischen Nichtangriffserklärung vom 26. Januar 1934 und in einer weiteren Erklärung über den Schutz der beiderseitigen Minderheiten vom 5. November 1937. Deutsche Angebote, dem Antikominternpakt beizutreten und sich an einer eventuellen Aufteilung der Sowjetunion zu beteiligen - die Ukraine für Polen, der Nordosten für Deutschland -, wurden von der polnischen Regierung ausgeschlagen. Im Schatten des deutschen Vorgehens gegen Österreich im März 1938 und die Tschechoslowakei im September 1938 zwang Polen aber Litauen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen und damit zur Anerkennung des polnischen Besitzes von Wilna sowie die tschechoslowakische Regierung zum Verzicht auf das Teschener Gebiet.

Nach dem Münchener Abkommen schlug Ribbentrop dem polnischen Botschafter eine „Generalbereinigung“ vor: Danzig sollte an Deutschland fallen, eine exterritoriale Auto- sowie Eisenbahn durch den Korridor führen und Deutschland die polnische Westgrenze garantieren. Nach dem deutschen Einmarsch in Prag und Brünn, der Errichtung des „Schutzstaates Slowakei“ und der „Rückgabe“ Memels an Deutschland im März 1939 war Großbritannien jedoch erstmals bereit, sich Hitlers weiterem Vordringen entgegenzustellen. Polen nahm das britische Hilfsversprechen an und wechselte somit die Front. Langwierige Verhandlungen Englands und Frankreichs mit der Sowjetunion, Parallelverhandlungen der Sowjetunion mit Deutschland mündeten in den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. und in den britisch-polnischen Beistandsparkt vom 25. August 1939.

Nach dem deutschen Sieg über die polnische Armee im September 1939 teilte Hitler Polen in die „eingegliederten Gebiete“ und das „Generalgouvernement“ auf. Beide wurden zum „Anwendungsgebiet und Exerzierfeld radikaler völkisch-nationalsozialistischer Herrenrassen- und Kolonisationstheorie“ (Broszat). Die Nationalsozialisten versuchten, die Sprachgrenze nicht mit den traditionellen Mitteln wie administrativem Druck und wirtschaftlicher Nötigung zu verändern, sondern mit polizeilich erzwungener Massendeportation. Ihnen ging es nicht um die Nutzung von Ressourcen, sondern um Ausbeutung, nicht darum, neues Recht zu setzen, sondern Gewalt anzuwenden (Jacobmeyer). Damit verbauten sie polnischen Politikern jede Möglichkeit einer Kollaboration.

Ziel der NS-Politik sei nicht die Assimilation der Polen. Vielmehr sei ein „harter Volkstumskampf“ zu führen, der „keine gesetzlichen Bindungen gestattet“, erklärte Hitler. Die Einsatzgruppen, die der Wehrmacht unmittelbar folgten, hatten den Auftrag, die polnische Führungsschicht zu liquidieren. An diesen Aktionen beteiligte sich der unter SS-Führung stehende Volksdeutsche Selbstschutz, dem zwischen 20 000 und 30 000 Polen und Juden, die meisten in Westpreußen und im Warthegau, zum Opfer fielen. Propagandistisch wurden diese Gewaltakte als Vergeltung für die übertriebenen „Polengreuel“ an Volksdeutschen während des Septemberfeldzugs ausgegeben.

Die „eingegliederten Gebiete“ umfaßten nicht nur die 1914 verlorenen Provinzen, sondern auch Teile des ehemaligen österreichischen und russischen Teilungsgebiets. Die Reichsstatthalter und zugleich Gauleiter, im Falle Schlesiens der Gauleiter Fritz Bracht, erhielten weitreichende Kompetenzen. Jedem Gauleiter wurde ein Höherer SS- und Polizeiführer zugeordnet. Nach dem ursprünglichen Plan Himmlers sollten zwischen dem November 1939 und dem Februar 1940 rund eine Million Menschen aus den eingegliederten Gebieten in das Generalgouvernement ausgesiedelt werden, und zwar alle Juden, alle Kongreßpolen sowie die „besonders feindliche polnische Bevölkerung“, vor allem Mitglieder nationaler polnischer Verbände. Innerhalb eines halben Monats wurden aus den eingegliederten Ostgebieten, besonders aus dem Gau Danzig-Westpreußen 135 000 Personen ins Generalgouvernement vertrieben; bis zum Frühjahr 1941 wuchs die Zahl der Ausgesiedelten auf rund eine halbe Million. Volksdeutsche Siedler aus dem sowjetischen Machtbereich sollten sie ersetzen. Im Warthegau brachte man rund 245 000, in den übrigen eingegliederten Gebieten 103 000 Volksdeutsche unter. Insgesamt dürfte das Wartheland durch Ermordung, Deportation und Umsiedlung 390 000 Polen und 380 000 Juden verloren haben, während die Zahl der Deutschen auf eine Million stieg.

Als sich herausstellte, daß die eingegliederten Gebiete auf diese Weise nicht einzudeutschen waren, kehrten besonders die Gauleiter Danzig-Westpreußens und Oberschlesiens zur traditionellen Politik der Assimilation zurück. In Polnisch-Oberschlesien lebten etwa  170 000 Deutsche, rund 800 000 national bewußte Polen sowie vielleicht 400 000 Personen einer national „indifferenten Zwischenschicht“. Aber auch viele der national polnischen Oberschlesier hatten ein ausgesprochenes Regionalbewußtsein. Arbeitslosigkeit und geringe Aufstiegsmöglichkeiten hatten viele Oberschlesier dem polnischen Staat entfremdet. Die Besatzungsbehörden versuchten, den indifferenten Teil „dem Deutschtum zurückzugewinnen“ und auch einen Teil der national bewußten Polen zu germanisieren. Bei der „Einwohnererfassung“ an der Jahreswende 1939/40 erklärten sich 97%, von Bischof Adamski und der katholischen Kirche ermutigt, für deutsch. Als jedoch kurz darauf Musterungen durchgeführt wurden, versuchten viele, ihr Bekenntnis als Deutscher oder als „Schlesier“ zurückzunehmen. Die Deutsche Volksliste sollte die Oberschlesier in eindeutschungsfähige Gruppen einteilen.

  1. Die 1. Kategorie bildeten volksdeutsche Aktivisten der Zwischenkriegszeit,
  2. die 2. Personen, die sich zum deutschen Volkstum bekannt hatten.
  3. In die 3. Gruppe wurden Polen aufgenommen, denen deutsche Abstammung und Eindeutschungsfähigkeit attestiert wurde.
  4. Zur 4. gehörten „polonisierte Deutsche“ sowie aktive Gegner der Deutschen, die das Regime aber für „rassisch wertvoll“ hielt.

Gauleiter Bracht und die örtliche Wirtschaft vertraten dagegen den Grundsatz der Germanisierung möglichst aller Polen. In ganz Schlesien stellten nur 50 000 Personen keinen Antrag auf Aufnahme in die Liste. 99% trugen sich in die Volksliste ein, von denen ein bedeutender Teil die Kategorie 3 erhielt. Bis 1942 wurde rund eine Million Polen zur Zwangsarbeit aus dem Generalgouvernement ins Reich verschickt. Seit 1943 konnten Arbeitskräfte nur noch mit starken Polizeikräften zusammengetrieben und abtransportiert werden. Um „Nachschub“ für die KZ zu beschaffen, wurden im Januar 1943 „Kinos und Kirchen umstellt und dann sämtliche Besucher [...] ohne Auswahl festgenommen“. (Lukas; Broszat)

Massenrepressalien wie in Pomerellen nach dem deutschen Einmarsch waren in Oberschlesien ausgeblieben. Wegen seiner kriegswirtschaftlichen Bedeutung blieb Oberschlesien ebenso wie das benachbarte Protektorat Böhmen und Mähren von großen Aus- und Ansiedlungsaktionen verschont. Allerdings wurden auch hier viele Polen ohne Gerichtsverfahren in Konzentrationslager eingeliefert. Gab es dennoch Verfahren, dann nach einem Sonderstrafrecht für Polen, das geringste Vergehen mit drakonischen Strafen bedrohte.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion gab Himmler den sogenannten „Generalplan Ost“ in Auftrag. Das Generalgouvernement sollte nicht mehr nur die Polen aus den eingegliederten Gebieten aufnehmen, sondern selbst eingedeutscht werden. Obwohl sich Generalgouverneur Hans Frank gegen die Ansiedlung Deutscher während des Krieges ausgesprochen hatte, bestimmte Himmler am 20. Juli 1941 die Stadt Lublin und den Kreis ZamoÊç zum ersten „Großsiedlungsgebiet“ des Generalgovernements, wohl vor allem auf Anregung des dortigen SS- und Polizeiführers Globocnik, der eine Siedlungsbrücke zwischen den „nordisch bzw. deutschbesiedelten Ländern und Siebenbürgen“ herstellen wollte. Er wollte „das verbleibende Polentum siedlungsmäßig ’einkesseln‘ und allmählich wirtschaftlich und biologisch erdrücken“. Im Juli 1942 gab Himmler den Befehl, hier als „erste Quote“ 27 000 und als zweite 70 000 „Rücksiedler“ aus der Sowjetunion, Bosnien und Kroatien anzusiedeln. Die „eindeutschungsfähigen“ Polen der Gruppen 1 und 2 dieses Kreises sollten nach Lodsch, diejenigen der Gruppe 3 als Arbeitskräfte ins Reich, diejenigen der Gruppe 4 ins KZ Auschwitz gebracht und die nichtarbeitsfähigen „Restfamilien“ in „Rentendörfer“ eingewiesen werden. Die Ukrainer des Kreises sollten in den Nachbarkreis Hrubieszów ausweichen und Höfe erhalten, die Polen wegzunehmen seien.

Ende November begann die Zwangsumsiedlung der Polen, im Januar 1943 diejenige der Ukrainer aus insgesamt 116 Dörfern in der Region Lublin, davon 47 in der Gegend von ZamoÊç . Durch den Widerstand der Bevölkerung unterbrochen, wurde die Aktion im Juni 1943 wiederaufgenommen, wobei weitere 171 Dörfer in den Kreisen Bi∏goraj, Tomaszów, ZamoÊç und Hrubieszów „freigemacht“ wurden. Als Vergeltung für eine deutsche Aktion, bei der 280 Polen starben, brannte die polnische Geheimarmee im Juni 1943 ein deutsches Kolonistendorf nieder, wobei 69 Siedler getöten wurden. Wegen der Sabotage- und Diversionsaktionen der Widerstandsgruppen stellten die Deutschen im Juli 1943 die Ansiedlung von Volksdeutschen im Generalgouvernement ein.

Aussiedlungspläne

Unter dem Eindruck des schnellen deutschen Vormarsches im September 1939 kreisten die Überlegungen des polnischen Exils und Widerstandes um die Frage, wie eine Wiederholung der militärischen Niederlage verhindert werden könne. Polnische Politiker beriefen sich auf Hitlers Rede vom 6. Oktober 1939, auf seine Worte von „einer neuen Ordnung der ethnographischen Verhältnisse, d.h. einer Umsiedlung der Nationalitäten so, daß sich [...] bessere Trennungslinien ergeben“. Sie wiesen auf die Umsetzung dieser Politik in der Umsiedlung der Deutschen aus Estland, Lettland, Wolhynien und Bessarabien hin.

Nach den Vorstellungen der polnischen Exilregierung und der Widerstandsbewegung sollte Deutschland nach dem verlorenen Krieg durch Gebietsverluste geschwächt und Polen durch Annexionen gestärkt werden. Das Ausmaß der polnischen Forderungen wuchs im Laufe des Krieges. Im November 1939 erhob sie Anspruch auf Ostpreußen, ohne noch von einer Aussiedlung der deutschen Bevölkerung zu sprechen. Wie die britische Regierung von einem polnischen Journalisten erfuhr, zweifelte Ministerpräsident Sikorski schon damals an der Rückgabe aller im Zuge der Verwirklichung des Hitler-Stalin-Paktes von der Sowjetunion annektierten Gebiete und sah in Ostpreußen eine Kompensation. Im Dezember 1939 forderte die Exilregierung öffentlich „neben einem unmittelbaren und breiten Zugang zum Meer eine Grenze, die dauerhafte Sicherheit gewährt“. Im Februar 1940 zählte Außenminister Zaleski die Aussiedlung der Deutschen aus Vorkriegspolen sowie aus Ostpreußen zu den polnischen Kriegszielen.

Die Verschärfung der antideutschen Stimmung in Großbritannien nach den deutschen Luftangriffen ermutigte die Exilregierung, die territorialen Forderungen zu erhöhen: Ostpreußen und Danzig sollten polnisch werden, die Westgrenze sei zu verkürzen. Die betreffenden Gebiete besäßen einen großen Anteil von Bewohnern mit polnischer Umgangssprache und polnischer Herkunft. Allerdings hinkten diese Pläne immer noch hinter den Vorstellungen der polnischen Untergrundparteien her. Die Nationalpartei verlangte schon im Oktober 1939 die Verschiebung der Grenze an die Oder und die Lausitzer Neiße, wobei Stettin und Breslau an Polen fallen sollten. Sie begründete die Forderung mit ethnischen, historischen, strategischen und moralischen Argumenten. Polen sollte für die Leiden im Krieg und unter deutscher Besetzung entschädigt werden. Wirtschaftliche Gesichtspunkte kamen hinzu: Die Landnot der polnischen Bauern sollte befriedigt werden, die Industrie Schlesiens Polen stärken und mit dem Westen Europas verbinden.

Nach dem Kriegseintritt der Sowjetunion verlangte nicht nur die Nationalpartei, sondern auch die Volkspartei, die Partei der Arbeit sowie die Sanacja die Verlegung der polnischen Westgrenze an die Oder. Nach seinem Besuch in der Sowjetunion im Dezember 1941 stellte Sikorski das Ziel auf, „die deutsche Horde, die Jahrhunderte lang nach Osten gedrängt hat, zu zerschmettern und zu zwingen, sich weit zurückzuziehen“. Der Widerstandsbewegung teilte die Exilregierung mit, daß sie an eine neue Grenze entlang der Oder und Glatzer Neiße denke. Die polnische Armee solle bei Kriegsende durch die Aussiedlung der Deutschen aus Ostpreußen, Danzig und Deutsch-Oberschlesien vollendete Tatsachen schaffen. In Washington sprach Sikorski im März 1942 von der Möglichkeit, Deutsch-Oberschlesien mit der Tschechoslowakei zu teilen. Im Juli 1942 befürwortete die britische Regierung den „Grundsatz des Transfers deutscher Bevölkerungen aus Mittel- und Südosteuropa nach dem Krieg, wo dies notwendig und wünschenswert erscheint“.

In ihrem Memorandum für die britische und die amerikanische Regierung vom Dezember 1942 rechtfertigte die polnische Regierung ihre territorialen Forderungen mit dem Artikel 8 der Atlantik-Charta über die Entwaffnung der Aggressoren. Zur Entwaffnung Deutschlands gehöre auch die Abtrennung der Offensivbasen von Deutschland, nämlich Ostpreußen-Pommerns ohne Stettin und des „Schlesischen Keils“ ohne Breslau bis zur Glatzer Neiße. Deren jahrhundertelange Germanisierung solle rückgängig gemacht werden, und zwar durch die Rückkehr nur oberflächlich eingedeutscher Slawen zum polnischen Volkstum, die freiwillige Abwanderung von Deutschen als Reaktion auf die Einverleibung ihrer Heimat in den polnischen Staat sowie durch die Zwangsumsiedlung und durch den Austausch von Deutschen aus den neupolnischen Gebieten gegen in Deutschland lebende Polen. Das Gebiet zwischen der Nachkriegsgrenze Polens und einer Linie an der Oder und Lausitzer Neiße sollte einer „strikten Okkupation“ durch Polen unterworfen werden. Während der Regierungsdelegat für eine Grenzziehung an dieser Linie eintrat, lehnte die Regierung die Lausitzer Neiße- oder Bober-Linie ab, da sie eine Umsiedlung von 9 Millionen Deutschen und ihren Ersatz durch Polen als utopisch betrachtete.

Der wissenschaftliche Dienst des Foreign Office stimmte im September 1942 der Aussiedlung der Deutschen aus Vorkriegspolen zu, außerdem der Annexion Ostpreußens, Danzigs und Oberschlesiens, nicht jedoch Mittel- und Niederschlesiens. Bei seinem Besuch in Washington im Dezember 1942 hörte Sikorski von Präsident Roosevelt, daß dieser eine Übertragung von Ostpreußen und Danzig an Polen für notwendig halte. Roosevelt und der britische Außenminister Eden stellten im März 1943 fest, daß sie sich einig seien, daß Polen für seine erwarteten Verluste durch Gewinne im Norden und Westen entschädigt werden müßte. Zwei Abteilungen des britischen War Office wandten ein, daß das Resultat eines Transfers ein noch dichter besiedeltes Deutschland „als Nachbar eines spärlich besiedelten - und wahrscheinlich ineffizient verwalteten - Polen (wäre), was ein potentieller Faktor für einen weiteren Krieg wäre“.

Die britische Regierung setzte einen Sonderausschuß ein, der Empfehlungen zum Ausmaß der Grenz- und Bevölkerungsverschiebungen, zu den Folgen für Polen und die Tschechoslowakei bzw. für Rumpfdeutschland und die Art der Durchführung aussprechen sollte. Überlasse man den Transfer den interessierten Regierungen, könne man zwar mit einer schnellen Vertreibung, aber nicht mit einer „ordnungsgemäßen“ Aussiedlung rechnen. Gewalttaten könnten in der öffentlichen Meinung Großbritanniens und der USA einen Stimmungsumschwung zugunsten der Vertriebenen herbeiführen. Eine solche unerwünschte Reaktion sei aber auch möglich, wenn der Transfer wegen seiner „ordnungsgemäßen“ Durchführung über fünf bis zehn Jahre gestreckt werde. Der Ausschuß sprach sich für eine Frist von mindestens fünf Jahren aus. Nach diesem Kriege gehe es darum, in den Vertreibungsgebieten die Ordnung aufrechtzuerhalten, „den Vertreibungsprozeß zu überwachen, wenn nicht gar durchzuführen, und eventuell die Bevölkerung vor vorzeitiger, nicht ordnungsgemäßer [disorderly] oder brutaler Vertreibung durch die Behörden der Nachfolgestaaten zu schützen“. Nach dem Ersten Weltkrieg hätten die Westmächte die Kontrolle in Oberschlesien und Ostpreußen nur deshalb ausüben können, da sowohl Deutschland als auch Rußland zusammengebrochen waren. Beide Gebiete lägen jedoch in einer Region, in der nach diesem Krieg der Einfluß der Sowjetunion überwiegen werde. Das Komitee warnte, daß die Garantie von Minderheitenrechten die Durchführung des Transfers erschweren würde. Erleichtert werde er, wenn den Zurückbleibenden Entgermanisierung und Assimilation drohten. Blieben große deutsche Minderheiten zurück und könnten sie ihre nationale Identität bewahren, werde ein erneuertes Deutschland versucht sein, diese auszunützen. Welche Entscheidung auch getroffen werde, halbe Maßnahmen seien abzulehnen. Langfristig werde Polen zu einem höher industrialisierten und reicheren Staat. Kurzfristig werde Polen jedoch Schwierigkeiten haben, die deutschen Facharbeiter und die übrigen hochqualifizierten Beschäftigten zu ersetzen. Die Lage Danzigs, das fast seine ganze Einwohnerschaft verlieren werde, sei ein besonders schwieriger Fall. Polen könne jedoch sein Problem der Übervölkerung auf dem Lande lindern, selbst wenn es Landsleute aus den Gebieten hinter der Curzon-Linie aufnehmen müsse. In Ostpreußen und Oberschlesien werde die Aussiedlung auf kurze Sicht zu einem starken Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion führen; mittelfristig könne Polen die vertriebenen Bauern aber ohne weiteres durch Umsiedler aus den Gebieten östlich der Curzon-Linie und nach einer Phase der „drastischen Umschulung“ auch die Facharbeiter besonders in der Stahlindustrie durch eigene Kräfte ersetzen. Auch längerfristig dürften die polnischen Bauern aber den Boden weniger gut pflegen und bearbeiten als ihre deutschen Vorgänger, was sich schon bei den polnischen Erwerbungen nach dem Ersten Weltkrieg gezeigt habe.

Vor seiner Abreise nach Moskau im Oktober 1943 stellte Eden dem polnischen Ministerpräsidenten Mikołajczyk eine „indiskrete Frage“: Könne Polen die Curzon- Linie hinnehmen, wenn es Ostpreußen, Danzig und einen wesentlichen Teil Schlesiens „mit dem sich daraus ergebenden Transfer deutscher Bevölkerung“ erhielte? Die Exilregierung antwortete, daß die sowjetischen Vorschläge für eine Westverschiebung Polens nicht ausschlössen, daß die Sowjetunion ganz Polen unterwerfen wolle. Ein Großmächteentscheid über die Grenzen Polens müsse mit einer internationalen Garantie Polens gegen „eine Wiederholung Münchens“ verbunden werden. Die Teilnehmer der Konferenz von Teheran sprachen sich für die Odergrenze aus, um Polen für den totalen Verlust seiner Ostgebiete einschließlich Wilnas und Lembergs zu entschädigen. Ein Teil der Beamten des Foreign Office warnte, daß 6 Millionen Vertriebene mehr seien, als Polen ersetzen und Deutschland aufnehmen könne. Dadurch würden in Deutschland „dauerhafte Ressentiments“ geweckt und „die schlechtestmöglichen Voraussetzungen für einen beständigen Frieden in Mitteleuropa geschaffen“. Auch Mikołajczyk hatte Zweifel, ob die gesamte Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder entfernt werden könne.

Zwangsumgesiedelte Polen bei einer Rast in der Nähe von Warschau im Juni 1945
Zwangsumgesiedelte Polen bei einer Rast in der Nähe von Warschau im Juni 1945

Im Oktober 1944 zog Churchill bei seinen Beratungen in Moskau Mikołajczyk hinzu. Für den Verzicht auf Ostpolen boten Stalin und Churchill dem polnischen Premier die Odergrenze einschließlich Stettins an. Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 plädierte Stalin für eine Grenze an der Oder und der Lausitzer Neiße, während Churchill und Roosevelt warnten, Polen mit Land zu überfüttern. Im April 1945 übertrug Stalin der polnischen Marionettenregierung unter Osóbka-Morawski die Verwaltung aller Gebiete bis zu dieser Linie. Das Potsdamer Abkommen sanktionierte die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten hinter dieser Linie.

Durchführung der Vertreibung

Das Verlangen nach Rache für die NS-Verbrechen am polnischen Volk nahm einen zentralen Platz in der Propaganda der Zeitungen der Ostarmee sowie in der Untergrundpresse ein. Das Informationsbulletin der Geheimarmee schrieb im Juli 1944:

„Obwohl sich die tollsten Hunde und schlimmsten deutschen Kanaillen aus dem Staube gemacht haben, gibt es noch genügend Deutsche in Warschau und Umgebung. Jetzt werden sie erfahren, was das Prinzip der kollektiven Verantwortung bedeutet [...] Der Stamm der tollen Hunde muß eine Lehre bekommen, an die sich mehr als eine Generation erinnert.“
Deutsche Flüchtlinge in Schlesien <br />Niemeccy uciekinierze na Slasku
Deutsche Flüchtlinge in Schlesien
Niemeccy uciekinierze na Slasku

Seit März 1945 versuchte das polnische Oberkommando mit entsprechenden Befehlen Akten der „Selbstjustiz“, der „Brutalität und Grausamkeit“ gegenüber Kriegsgefangenen und Zivilisten entgegenzuwirken. Im Annexionsgebiet verbliebene Deutsche dürften nicht ohne Vorräte ausgesiedelt werden. Andererseits fanden die Nürnberger Prozesse der Jahre 1945/46 in Polen einen starken Widerhall wie auch die Prozesse, die in Polen selbst durchgeführt wurden; bei diesen wurden 631 Personen zum Tode und 306 Personen zu mehr als zehnjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Die öffentliche Exekution der Verurteilten sollte dem Rachebedürfnis entgegenkommen, wie schon am 3. Dezember 1944 die Erschießung der Mannschaft des KZ Majdanek. Am 21. Juli 1946 verfolgten rund 15 000 Zuschauer die Exekution Artur Greisers, des Gauleiters von Danzig-Westpreußen, bald darauf 50 000 die Exekution von elf Mitgliedern der Mannschaft des KZ Stutthof. Der Auschwitz-Prozeß in Krakau endete mit 23 Todesurteilen und 16 langjährigen Freiheitsstrafen.

Auf die eigenen Erfahrungen mit der Besatzungsmacht und die Erneuerung der Erinnerung durch die Prozesse antwortete die öffentliche Meinung mit Slogans wie „Dazu sind die Deutschen fähig“ und „Höß ist ein typischer Vertreter des deutschen Volkes“. Ministerpräsident Osóbka-Morawski erklärte:

„Wir müssen in erster Linie zur Zerschlagung unseres ewigen deutschen Feindes beitragen, ihm die uns in verschiedenen Perioden der Geschichte geraubten Länder im Norden und Westen wegnehmen und die Rückkehr des geraubten staatlichen und persönlichen Eigentums garantieren sowie die entsprechende Kriegsentschädigung gewinnen.“

Schon im Juni und Juli 1945 begannen die Militärbehörden, die Deutschen ohne Plan und Vorbereitung - „wild“ - aus einem Streifen entlang der Oder auszusiedeln. Die aus bestimmten Orten ausgewiesenen Deutschen Niederschlesiens wurden gewöhnlich nicht bis zur Grenze eskortiert und kamen bald darauf in ihre Heimatorte zurück. Erst nach der Unterzeichnung eines Abkommens mit der britischen Rheinarmee vom 14. Februar 1946 begann die organisierte Aussiedlung, die in diesem Jahr 1,9 Millionen Deutsche traf. Dabei wurden diejenigen Polen, die zur Zeit der deutschen Besetzung in die Gruppen 1 und 2 der Deutschen Volksliste eingetragen worden waren, in vieler Hinsicht diskriminiert.

In den ersten Tagen und Wochen fielen Tausende deutscher Honoratioren der polnischen Rache zum Opfer. Über 200 000 Zivilisten wurden zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion verschleppt. Deutsche wurden in die Barackenlager, Gefängnisse und Zuchthäuser eingeliefert, in denen die Nationalsozialisten ihre Opfer untergebracht hatten. Seuchen und Hunger forderten zahllose Todesopfer. Unverzichtbare Fachkräfte sowie sogenannte Autochthone erhielten die Möglichkeit bzw. wurden gezwungen, die polnische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Andererseits gelang es, mit der Vision eines polnischen „Eldorado“, der persönlichen Bereicherung und des persönlichen Wohlstands schon bis zum 1. August 1945 zwei Millionen Menschen in die neupolnischen Gebiete zu locken.

Anordnung der polnischen Behörden, April 1945
Anordnung der polnischen Behörden, April 1945

Ahnungen vor den Folgen der nationalsozialistischen Polenpolitik erfüllten Gerhart Hauptmann, als er am 30. Dezember 1939 seinem Tagebuch anvertraute:

„Nach dem Aufwachen drückten die Schrecken des Krieges auf meine Brust: Polen! Wieviel Haß hat er dort entfesselt. Wie ungeheuer wird der Deutsche dort gehaßt. Wir haben Polen vernichtet, zur Hälfte den Russen ausgeliefert, alle Rachegeister darin gegen uns aufgerufen für ein Jahrhundert. Warum ist überall und allenthalben dieser gnadenlose Nationalismus erwacht? [...] Nur wenn wir uns von früh bis spät [...] belügen, könnten wir von Menschenwürde reden und [sie] für etwas andres ansehen als giftiges Unkraut. Heut sind wir hinter das Mittelalter zurückverfallen.“

LITERATUR:

  • D. BRANDES: Großbritannien und seine osteuropäischen Alliierten. Die Exilregierungen Polens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens vom Kriegsausbruch bis zur Konferenz von Teheran. München/Wien 1988;
  • H. v. BRESCIUS: Gerhart Hauptmann. Zeitgeschehen und Bewußtsein in unbekannten Selbstzeugnissen. Eine politisch-biographische Studie. Bonn 1976;
  • M. BROSZAT: Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945, Taschenbuchausgabe. Frankfurt/M. 1965; 
  • W. JACOBMEYER: Nationalsozialistische Besatzungspolitik in Polen im Zweiten Weltkrieg. In: Deutschland und Polen von der nationalsozialistischen Machtergreifung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. XVIII. deutsch-polnische Schulbuchkonferenz der Historiker 28. Mai bis 2. Juni 1985 (Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung Bd. 22/IX). Braunschweig 1986
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Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X