Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Norbert Conrads, Stuttgart

Abriss der Geschichte Schlesiens bis 1945

Die Entwicklung Schlesiens zu einer geschichtlichen Landschaft war von geographischen Rahmenbedingungen begünstigt. Die Mittelachse des Landes bildet der Fluß Oder. Zu ihm gehört das Einzugsgebiet der Nebenflüsse, das im Westen und Süden von Gebirgskämmen und im Osten von sumpfigen Niederungen umschlossen wird, was dem Land eine natürliche Einheit gibt, in der sich politisches Leben entwickeln konnte. Uralte Handelswege kreuzten die Oder an einem zentralen Ort, den der böhmische Herzog Wratislaus I. befestigte, so daß sich dort die spätere Landesmetropole Breslau entwickeln konnte, die noch in ihrem Namen (lateinisch Wratislavia, polnisch Wrocław) an ihren Gründer Wratislaus erinnert. In Sichtweite von Breslau liegt auch der Berg Zobten mit seinen vorgeschichtlichen Zeugnissen. Vom älteren Namen dieses Berges "Zlenz" aus erhielt zunächst seine Umgebung und dann das ganze Land seinen Namen Schlesien.

Bei seinem Eintritt in die europäische Geschichte Ende des ersten Jahrtausends war Schlesien noch ungeeint und von verschiedenen slawischen Stämmen besiedelt. So geriet es in das Schnittfeld seiner politisch expandierenden Nachbarn Böhmen, Polen und dem Reich (Meißen). Im Ringen um den Besitz Schlesiens setzte sich zunächst das junge Königreich Polen gegenüber Böhmen und dem Reich durch. Folglich ging die Gründung des Bistums Breslau im Jahr 1000 vom polnischen Erzbistum Gnesen aus. Es war wegweisend, daß die Grenzen des neuen Bistums Breslau ungefähr jenen Raum absteckten, innerhalb dessen sich in der Folge das politische Territorium Schlesiens entwickeln sollte.

Seit dem elften Jahrhundert war Schlesien zunächst in die staatliche Entwicklung Polens eingebunden. Aber als Herzog Boleslaw Krzywousty ("Schiefmund") 1138 für Polen die Senioratsverfassung einführte, in deren Folge Schlesien eines von vier polnischen Teilherzogtümern wurde, löste er unbeabsichtigt die Sonderentwicklung Schlesiens aus, die dann im 14. Jahrhundert zur Abtrennung Schlesiens von Polen führen sollte. Damals unter Herzog Wladyslaw II. Wyganiec von Polen und Schlesien begann die Abzweigung einer eigenen schlesischen Linie des polnischen Königshauses der Piasten, die sich unter seinen Söhnen und Nachkommen fortsetzte. Das von ihnen regierte schlesische Herzogtum wurde durch Erbteilungen in eine Vielzahl kleinerer Territorien aufgeteilt. Bis zum Jahre 1675 gab es in Schlesien Herzöge aus piastischem Stamm, länger als in Polen selbst.

Unter allen Erbteilungen sollte die von 1202 am folgenreichsten sein, weil damals eine dynastische Trennungslinie zwischen den nördlichen und südlichen Piasten Schlesiens gezogen wurde, mit der Folge, daß sich Oberschlesien und Niederschlesien in politischer, rechtlicher und mentalitätsmäßiger Hinsicht voneinander unterschieden. Selbst die deutsche Siedlung des Mittelalters hat diesen Unterschied nie ausgeglichen. Seit dem 15. Jahrhundert sprach man vom Doppelherzogtum Ober- und Niederschlesien.

Die deutsche Siedlung des 12. und 13. Jahrhunderts war Teil eines europäischen Ausgleichs- und Angleichungsprozesses, der, soweit er Schlesien erfaßte, vor allem von Herzog Heinrich I. von Schlesien, dem Bärtigen (reg. 1201-1238), eingeleitet wurde. Westeuropäische Mönche und Siedler wurden angeworben, um moderne Methoden und Techniken des Ackerbaus, der städtischen Selbstverwaltung, der handwerklichen Fertigkeiten und des alteuropäischen Rechtswesens zur Anwendung zu bringen. Das war ein vielschichtiger Vorgang, für den es keine zentrale Planung gab und ebensowenig einen Drang der Deutschen nach Osten. Vielmehr folgten die Siedler einer Aufforderung, die letzten Endes von den polnisch-schlesischen Landesherren ausging. An dieser Ostsiedlung hatten Zisterziensermönche ihren Anteil, die 1175 von Pforta an der Saale aus das Kloster Leubus gründeten, oder die Zisterzienserinnen von Bamberg, die sich 1203 in Trebnitz niederließen. Beide Orte wurden zu Mutterklöstern anderer Gründungen wie Heinrichau (1227) oder Grüssau (1242/92). Noch eindrucksvoller war das Netz der Städtegründungen nach dem moderneren Stadtrecht der Deutschen. Da ein mongolischer Einfall nach Schlesien 1241 das Land verheert hatte, konnten im Anschluß auch bereits vorhandene Siedlungen - wie zum Beispiel Breslau - in vorbildlicher Weise neuangelegt werden. Noch heute läßt sich am Grundriß vieler schlesischer Städte ablesen, daß ihre Gründung auf dieses deutsche Recht zurückgeht. Man erkennt an der Anlage des zentralen Marktplatzes, des "Ringes", und dem von hier ausgehenden regelmäßigen Straßenschema ihre planmäßige Gründung. Mit den Siedlern und ihrer Kultur gelangte auch die deutsche Sprache und Lebensform nach ganz Ostmitteleuropa.

Ebenso wie die angesessenen piastischen Landesfürsten Schlesiens sich diesem westlichen Einfluß öffneten, deutsche Sprache und Kultur übernahmen, folgte eine Assimilierung der ansässigen Bevölkerung zugunsten des Deutschen, zunächst in den Städten, langsamer auf dem Land. Das begann in Nieder- und Oberschlesien links der Oder, die schon Ende des Mittelalters deutsch wurden. Auf der östlichen Oderseite, die man lange die polnische nannte, dauerte dieser Vorgang bis in die neuere Zeit. Abweichend davon verlief die Entwicklung in weiten Teilen Oberschlesiens, wo auf dem Land die polnische Sprache vorherrschend blieb und teilweise das Deutsche assimilierte. Im 19. Jahrhundert, als das oberschlesische Industrierevier entstand, verstärkte der Zuzug polnischer Arbeiter noch einmal den zweisprachigen Charakter des südlichen Schlesien.

Dennoch läßt sich zum ethnischen Charakter Schlesiens bei Ausgang des Mittelalters feststellen, daß zwischen Oder und Riesengebirge ein neuer deutscher Stamm mit eigenen regional abweichenden Mundarten entstanden war. Als man Anfang des 14. Jahrhunderts im schweizerischen Zürich die zeitgenössische Dichtung sammelte und sie in der sogenannten Manessischen Liederhandschrift zusammenstellte, befand sich unter den dort angeführten deutschen Dichtern bereits ein piastischer Herzog aus Breslau. Die deutschen Schlesier lebten ohne sonderliche Konflikte mit polnisch sprechenden Nachbarn zusammen, denn für alle waren die gemeinsamen Bindungen an Landesfürsten und Landeskirche bedeutsamer als ethnische oder sprachliche Unterschiede.

Die zunehmende Prägung Schlesiens als deutsches Land wurde im späten Mittelalter durch die politische Ablösung von Polen und die Angliederung des Landes an Böhmen begünstigt. Nacheinander hatten fast alle 18 schlesischen Teilfürstentümer böhmische Lehnshoheit angenommen, was König Kasimir III. (d.Gr.) von Polen schließlich 1335 im Vertrag von Trentschin anerkannte. Dadurch konnte Schlesien an dem Aufstieg Böhmens zu einer politischen und kulturellen Kernlandschaft des Reiches und Europas teilnehmen, ja leistete selbst einen merklichen Beitrag dazu. Für den böhmischen König Karl, der von 1347-1378 als Kaiser Karl IV. das römisch-deutsche Reich regierte, war Schlesien ein wesentlicher Teil seiner Machtbasis. Er fügte es 1348 als eigenständiges Kronland auf Dauer der Ländergruppe der böhmischen Kronländer hinzu. Da Böhmen als ganzes zum Reich gehörte, war fortan auch Schlesien als Teil Böhmens ein Reichsland. Mit der Gründung der ersten nordeuropäischen Universität in Prag 1348 wurde die böhmische Hauptstadt zu einem Zentrum des Frühhumanismus. Schlesische Gelehrte und Studenten waren maßgeblich daran beteiligt.

Erst die religiös-nationale Bewegung des böhmischen Hussitismus Anfang des 15. Jahrhunderts und die anschließenden kriegerischen Auseinandersetzungen entfremdeten Schlesien wieder von Böhmen. Von Süden griff zudem das kraftvoll emporsteigende ungarische Königreich ein. König Matthias Corvinus von Ungarn brachte ganz Schlesien und die Lausitzen unter seine Herrschaft und legte das Fundament für den verfassungsmäßigen Zusammenschluß Schlesiens, der auch nach seinem Tode 1490 von Dauer blieb.

So stand der Übergang Schlesiens zur Neuzeit eher zufällig unter ungarischer Vorherrschaft, eine Zeit voller administrativer, kultureller und konfessioneller Vorentscheidungen, aber ohne dauernde politische Bindungswirkung an Ungarn. Schlesien erhielt damals seine Verfassung der "Fürsten und Stände" mit einem ständischen Landesparlament und Gericht. Es wurde somit bis in das 18. Jahrhundert hinein ein Ständestaat unter der böhmischen Krone mit eigenem Landesbewußtsein. Der politischen Dynamik entsprach auch eine kulturelle Blüte.

Um 1500 zeigte sich Schlesien und insbesondere Breslau als ein zentraler Ort des östlichen Humanismus, seiner Literatur und Kunst, des Handels und der städtischen Entwicklung. Damals wurde das Breslauer Rathaus zum repräsentativen Wahrzeichen des Breslauer Bürgertums ausgebaut. Alles zusammen bereitete den Boden für die religiöse Reformation vor, die von Sachsen her ungehindert nach Schlesien einströmte und noch vor Beginn der habsburgischen Herrschaft 1526 die wesentlichen Erfolge erzielt hatte.

So gewann Schlesien auf doppelte Weise eine enge Anbindung an die Entwicklung Deutschlands. Einerseits schloß sich das Land überwiegend an den Protestantismus Wittenberger Prägung an und ließ seine evangelischen Pfarrer an den lutherischen Universitäten des Reiches ausbilden, während es zugleich mit der habsburgischen Oberherrschaft einen katholischen, deutschen Landesherrn erhielt. Da dieser zumeist auch Träger der Kaiserwürde des Alten Reiches war, fiel davon mancher Glanz auch auf Schlesien.

Die über zweihundertjährige Epoche habsburgischer Herrschaft in Schlesien 1526-1740 hat dieses Land nachhaltig geprägt. Die vorgefundenen Ansätze einer modernen Landesverfassung wurden von König Ferdinand I. (reg. 1526-1564) genutzt, um den Landesausbau voranzutreiben. Den Ansatz dazu bot die unberechenbare türkische Bedrohung Schlesiens, vor der das Land durch zwei lange Belagerungen Wiens 1529 und 1683 gewarnt worden war. Um sich dagegen wehren zu können, war ein Landesverteidigungssystem erforderlich, zu dessen Finanzierung das Land eine Steuerverfassung und bald eine zentrale Landesverwaltung erhielt. Auch wenn dem Land eine unmittelbare Konfrontation mit den Türken erspart blieb, so erreichte der Landesherr damit eine Durchsetzung seines Herrschaftsanspruches über das Dutzend schlesischer Fürsten und Fürstentumslandtage, die sich diesem Anspruch unterordnen mußten.

Jedenfalls hatte für Habsburg die politische Integration Schlesiens in den eigenen Herrschaftsbereich Vorrang vor der konfessionellen Einheit seiner Länder. Erst mit dem Scheitern der konfessionellen Einigung in Deutschland erlangte auch die Religionsfrage in Schlesien einschneidende Bedeutung. Hier waren die großen Städte und die meisten Landesfürsten zum Luthertum übergegangen, während der Breslauer Bischof, die großen Landklöster wie Grüssau, Heinrichau, Leubus und eine Minderheit der Bevölkerung katholisch blieben. In dieser Haltung wurden sie vom habsburgischen Landesherrn unterstützt.

Eine äußere Voraussetzung für die weitere Entwicklung war, daß die katholische Kirche sich auf ihre alten Kräfte besann und auf dem 1563 beendeten Konzil von Trient die Rückgewinnung verlorener Gemeinden und Länder anstrebte. Einige katholische Herrscher machten sich dieses Ziel zu eigen, da es zugleich auch einen Ansatzpunkt zur Durchsetzung eigener politischer Ziele bot. Das lag im Trend einer allgemeinen Konfessionalisierung aller gesellschaftlichen und politischen Fragen. Kompromisse, wie sie auf protestantischer wie auch katholischer Seite noch lange gefunden worden waren, wurden damit immer schwieriger. Bald konnte jede Entscheidung des Privatlebens, der Öffentlichkeit oder der Landesverwaltung zur Gewissensfrage gemacht werden, die keinen Kompromiß gestattete. Anlässe dazu boten sich überall, ob es Schulbildung, Studium, Feiertage, Gottesdienste oder Personalentscheidungen der öffentlichen Ämter betraf. In Schlesien wurde diese konfessionspolitische Polarisierung unter Kaiser Rudolf II. (1576-1612) politisch wirksam, und sie hielt auch unter Kaisern wie Ferdinand II. (1619-1637) und Leopold I. (1658-1705) an.

Wenige Jahre nach dem Tod Rudolfs II. wurde Schlesien in den böhmischen Aufstand von 1618 hineingezogen. Zwar kam Schlesien bei diesem Konflikt noch relativ glimpflich davon, aber aus gleichem Anlaß begann der Dreißigjährige Krieg, der auch Schlesien verheeren und innenpolitisch umgestalten sollte. Schwedische, sächsische und kaiserliche Heere verwüsteten das Land, Seuchen und Pestepidemien dezimierten die Bevölkerung. Es sollte über hundert Jahre dauern, bis Schlesien wieder die Bevölkerungszahl von etwa einer Million Einwohnern erreicht hatte, die es vor Ausbruch des Krieges besaß.

Für den Abschluß des Westfälischen Friedens war der Kaiser in anderen Teilen seines Machtbereiches zu erheblichen Zugeständnissen bereit, aber in Schlesien wehrte er alle fremden Ansprüche ab. Die bis dahin strittigen Konfessionsfragen erhielten 1648 eine politische Lösung. Überall dort, wo der Kaiser unmittelbarer Landesherr war, in den sogenannten Erbfürstentümern, wurde nun der Katholizismus zur Staatsreligion. Nur in den wenigen Mediatfürstentümern unter piastischer bzw. württembergischer Herrschaft, nämlich den Fürstentümern Liegnitz, Brieg, Wohlau sowie Oels, und innerhalb der Stadt Breslau behielt das augsburgische Bekenntnis seine volle Religionsfreiheit. Allerdings kannte auch dieser Frieden einige Kompromisse, die auf die tatsächliche Konfessionsverteilung im Land Rücksicht nahmen. Damals wurden den Protestanten der Bau der berühmten Friedenskirchen in Schweidnitz, Jauer und Glogau gestattet. Ebenso erhielten die Protestanten das Recht zur Kirchfahrt in alle erreichbaren protestantischen Kirchen, so daß über hundert alte und neue Kirchen entlang der Grenzen der evangelischen Gebiete Schlesiens oder des benachbarten Auslandes zu vielbesuchten Grenz- und Zufluchtskirchen wurden. In dieser Zeit der Gegenreformation war die oberschlesische Hälfte Schlesiens ohne jede evangelische Kirche. Erst nach dem Tode Kaiser Leopolds 1705 und unter dem äußeren Druck der Bedrohung durch den schwedischen König Karl XII. 1707 begann eine konfessionspolitische Kurskorrektur, als deren bekanntestes Ergebnis die Erlaubnis von 1709 zur Errichtung weiterer sechs Toleranzkirchen (Gnadenkirchen) in evangelischen Gebieten bekannt ist. Die größte dieser Gnadenkirchen wurde im oberschlesischen Teschen erbaut.

Christian Günther
Christian Günther

Die lange Krisenzeit des 17. Jahrhunderts, in der Krieg, existentielle Bedrohung und Glaubensnot zusammenkamen, leitete eine schlesische Kulturepoche ein, die insofern erklärungsbedürftig ist, da auch andere Gebiete Deutschlands Ähnliches erlitten hatten, ohne daß es dort zu einem auffälligen Wandel des geistigen Lebens gekommen wäre. In diesem Zusammenhang ist mit Recht darauf verwiesen worden, daß Schlesien ein Land mit hoch entwickeltem Bildungsbewußtsein war. Politische und konfessionelle Gründe hatten die Stiftung einer eigenen Landesuniversität verhindert, so daß viele junge Schlesier ihren Ehrgeiz daransetzten, an den besten deutschen und europäischen Universitäten zu studieren. Die geistige Elite der schlesischen Provinz verfügte mithin über einen umfassenden Horizont und eine entsprechende Kenntnis aller zeitgenössischen Strömungen und Wissenschaften. Der Bunzlauer Martin Opitz wurde zur Leitfigur einer literarischen Bewegung in Schlesien, die mit Andreas Gryphius, Angelus Silesius, Daniel Casper von Lohenstein, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Johann Christian Günther und weiteren Dichtern Schlesien vorübergehend zur führenden Literaturlandschaft Deutschlands werden ließ.


Andreas Gryphius
Andreas Gryphius

Als nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges der Wiederaufbau des Landes begann, traten neben die schöngeistigen Künste auch Malerei, Bildhauerei und Architektur mit bedeutenden Leistungen hinzu, wobei die katholische Kirche - und im Wettstreit mit ihr auch die protestantische - auswärtige Künstler heranzogen und Schlesien zu einer barocken Kulturlandschaft umformten. Beispiele dafür sind die evangelischen Gnadenkirchen von Hirschberg und Landeshut oder der Bau der endlich 1702 begründeten katholischen Jesuitenuniversität "Leopoldina" von Breslau mit der zugehörigen Kirche und der prachtvollen Universitätsaula.

1740 nutzte der eben zur Regierung gelangte preußische König Friedrich II. die politische Lähmung Österreichs nach dem Tod Kaiser Karls VI. dazu, sich gewaltsam in den Besitz Schlesiens zu setzen. Da ihm in Maria Theresia von Österreich unerwartet eine Gegnerin von großem Format erwuchs, sollte es dreier schlesischer Kriege bedürfen, bis sich Preußen mit dem Frieden von Hubertusburg 1763 seiner Erwerbung sicher sein konnte. Es war insbesondere der Siebenjährige Krieg 1756-1763 mit seinen verlustreichen Schlachten (Leuthen, Kunersdorf), der alle beteiligten Staaten an den Rand der Erschöpfung führte. Vom historischen Schlesien verblieben lediglich Teile des Bistumslandes, von Troppau und Jägerndorf sowie das Herzogtum Teschen bei Österreich und führten als Österreichisch-Schlesien noch ein eigenes politisches Leben bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Das übrige preußisch gewordene Schlesien war staatsrechtlich nach mehr als vierhundertjähriger Zugehörigkeit zu Böhmen eine preußische Provinz außerhalb des Reiches geworden. Damit ging eine Umpolung Schlesiens vom süddeutsch-katholischen Österreich auf das norddeutsch-protestantische Königreich einher, die zu einem auffälligen Umbruch oder auch "Stilbruch" in vielen Bereichen führte.

Schlesien erlebte eine umfassende Änderung seiner bisherigen Verfassung. König Friedrich schob alle vorgefundenen Privilegien Schlesiens, seiner Fürstentümer und Städte beiseite und schaffte das ständische Landesparlament mit seinen Institutionen ab. An ihrer Stelle organisierte er das Herzogtum nach dem Muster der anderen preußischen Provinzen neu. Das frisch eroberte Land erhielt aber insofern eine Sonderstellung, da es bis 1806 von besonderen Provinzialministern regiert wurde. Intensiver als je ein Herrscher zuvor verschaffte sich der König auf zahlreichen Revuereisen eine genaue Kenntnis seiner Länder und kümmerte sich bis in Einzelheiten um den Aufbau und Umbau der schlesischen Provinz. Dadurch wurde das Land zu einer straff verwalteten Musterprovinz, die dem preußischen Staat hohe Erträge einbrachte. Erstaunlich war nur, wie es dem König gelang, trotz großer Anforderungen an die Bevölkerung deren Loyalität zu erringen. Hier zahlte sich der Modernisierungsvorsprung des von der Aufklärung geprägten Preußen aus. Es verfügte über ein entwickeltes Rechtswesen, das auch den Bauern Schutz bot, und es förderte systematisch Handel und Industrie.

Für die Bevölkerung des konfessionell gemischten Landes war nach wie vor die Behandlung der Konfessionsfrage ein Gradmesser der Politik. Auch hier war der Wandel prinzipiell. Zwar blieb der Katholizismus im Schutz des 1740 vorgefundenen Status quo, aber seine Stellung als Staatsreligion war von selbst aufgehoben. Preußen war ein traditionell protestantischer Staat. Den König interessierten konfessionelle Fragen jedoch nur in ihrer Wirkung auf die Politik. In diesem Rahmen gewährte er Toleranz. Damit traf er auf eine schon länger in Schlesien angelegte Grundströmung, so daß später die "schlesische Toleranz" als Besonderheit jener Epoche und des Landescharakters vermerkt wurde.

Die vom preußischen Staat in Schlesien durchgeführten Reformen waren von beispielhafter Wirkung auf Österreich. Der aus Schlesien stammende österreichische Minister Graf Haugwitz gab dort den Anstoß zu einer Staatsreform, die schließlich ihren Höhepunkt in den Reformen Kaiser Josephs II. fand.

Die relative Friedenszeit nach 1763 wurde erst von den Erschütterungen der Französischen Revolution beendet. Friedrich der Große war bereits 1786 verstorben, als sich die von ihm aufgebaute Armee 1806 dem französischen Kaiser Napoleon geschlagen geben mußte. Auch Schlesien lag vorübergehend unter französischer Besatzung. Der preußische Staat vermochte sich aber unter Führung seiner Minister Stein und Hardenberg durch eine zielstrebige Reformpolitik aus seiner Krise zu befreien. Mit einer Reihe von Reformgesetzen über die Bauernbefreiung, die Gewerbefreiheit, die städtische Selbstverwaltung, das Heerwesen, die Säkularisation und die Gleichstellung der Juden löste er sich von überkommenen Vorstellungen und Privilegien des Ancien Rˇgime. Im Anschluß daran konnte Preußen im Verein mit seinen Verbündeten den "Befreiungskrieg" gegen Napoleon führen, wofür Schlesien zum Ausgangspunkt wurde. In Breslau, dem Sammelplatz der Freiwilligen, erließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. 1813 seinen Aufruf "An mein Volk" und stiftete den Orden des Eisernen Kreuzes.

Im Zuge der Reformen hatte Schlesien seine bisherige provinzielle Selbständigkeit verloren und war seit 1806 der Berliner Zentrale unterstellt. Auf dem Wiener Kongreß von 1815 war die Provinz um Teile der sächsischen Oberlausitz erweitert worden. Seither stand nicht mehr ein Provinzialminister mit weitgehenden Befugnissen, sondern ein beamteter Oberpräsident an der Spitze des Landes. Für die politische und soziale Entwicklung Schlesiens waren auch die Entscheidungen in unmittelbarer Nachbarschaft wichtig. Der polnische Staat war zwischen 1772 und 1794 von seinen russischen, preußischen und österreichischen Nachbarn dreimal verkleinert und schließlich beseitigt worden. Polen durfte erwarten, auf dem Wiener Kongreß seine Selbständigkeit wiederzuerlangen. Statt dessen schuf der Kongreß ein Restkönigreich Polen unter russischem Protektorat (Kongreßpolen) und bestätigte die preußischen und österreichischen Annexionen. Da das 19. Jahrhundert zum Zeitalter der Nationalstaaten und Nationalismen werden sollte, erzeugte die Unterdrückung Polens dort erst recht nationalen Widerstand und verfestigte die wechselseitigen Vorurteile. Eine andere Folge der Angliederung fremder Gebiete an Preußen war die Binnenwanderung polnischer Arbeiter in die entstehenden Industriereviere Oberschlesiens und des Ruhrgebietes. Als nach dem Ersten Weltkrieg wieder ein polnischer Staat möglich wurde, konnte daher die ethnische Zugehörigkeit Oberschlesiens als strittig angesehen werden.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die seit 1702 bestehende katholische Teiluniversität Breslau im Zuge der Humboldtschen Reformen umgegründet, indem die protestantische Universität von Frankfurt an der Oder nach Breslau verlegt und mit der katholischen "Leopoldina" vereinigt wurde. Schlesien erhielt damit 1811 eine leistungsfähige Volluniversität, die als Besonderheit zwei konfessionsverschiedene theologische Fakultäten aufwies.

Weberelend
Weberelend

Der von den preußischen Reformern beabsichtigte Umbau des Staates gelang aber nur halb. Statt der Einlösung des gegebenen Verfassungsversprechens kam es zu reaktionärer Ängstlichkeit der Regierungen vor weiteren "revolutionären Umtrieben". Die unvollendet gebliebenen Reformen und eine ganz Europa umfassende industrielle Anpassungskrise verschärften die soziale Not der schlesischen Handwerker, Gewerbetreibenden und Bauern. Auch die Zollpolitik innerhalb des Deutschen Bundes, zu dem Schlesien gehörte, und außerhalb desselben erschwerte den Zugang zu den bisherigen Märkten. 1844 kam es zu einem Aufstand schlesischer Weber, der insbesondere wegen seiner rücksichtslosen Niederschlagung weites Aufsehen erregte. Das Verlangen nach politischen und sozialen Änderungen ließ sich aber nicht länger polizeilich unterdrücken. Als 1848 eine neue Revolution ausbrach und bald ganz Europa erfaßte, fand sie in Schlesien und Breslau spontanen Widerhall.

Die Mehrzahl der von Schlesien aus in die neue Frankfurter Nationalversammlung entsandten Abgeordneten stand auf dem linken Flügel der Revolution. Zu ihnen gehörten einer der führenden Politiker in Frankfurt, der Demokrat Heinrich Simon, und einer der frühen schlesischen Kommunisten, Wilhelm Wolff. Karl Marx widmete diesem Freunde 1867 den ersten Band seines Hauptwerkes "Das Kapital".

Wenn auch die 48er Revolution scheitern sollte, so hatte sie doch Entwürfe einer deutschen Demokratie und politischer Parteien vorgegeben, an deren Verwirklichung Schlesien in den kommenden Jahrzehnten beteiligt war. Natürlich fanden sich hier konservative Vertreter der Agrar- und Industrieinteressen, aber auf der Gegenseite formierte sich auch in Schlesien eine starke Arbeiterschaft. Es war der in Breslau geborene Ferdinand Lassalle, der 1863 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete, aus dem über einige Zwischenstufen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hervorging. Noch heute bewahrt das Archiv der SPD die erste Fahne des Breslauer ADAV von 1873 als ihre älteste Traditionsfahne.

Die seit den Befreiungskriegen diskutierte Frage eines deutschen Nationalstaates mit oder ohne Österreich war für die Schlesier mit ihrer doppelten Geschichte von besonderer Bedeutung. Als aber der preußische Ministerpräsident Bismarck den deutschen Krieg von 1866 gegen Österreich auslöste und damit für die von ihm gewollte "kleindeutsche" Lösung eine militärische Entscheidung herbeiführte, stand die öffentliche Meinung Schlesiens ganz auf seiten Preußens. Ein Zwischenergebnis dieses Krieges war die Schaffung des Norddeutschen Bundes. Der anschließend geführte Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 gab Bismarck den Handlungsspielraum zur Vollendung seiner Konzeption der deutschen Einheit. Mit der Ausrufung des Wilhelminischen Kaiserreiches unter preußischer Führung 1871 wurde Berlin die Hauptstadt des Deutschen Reiches und Schlesien mit seinen inzwischen fünf Millionen Einwohnern eines der wichtigsten Einzugsgebiete der neuen Metropole.

Der erste Reichskanzler Bismarck sah das von ihm geschaffene Reich als von innen und außen bedroht an. Der politische Katholizismus und der Sozialismus schienen ihm gefährliche "innere Reichsfeinde" zu sein. Gegen sie richteten sich der sogenannte "Kulturkampf" und die Sozialistengesetze, die beide bis 1890 scheitern sollten. Aufsehen erregte 1875 die Flucht des Breslauer Fürstbischofs Heinrich Förster nach Österreichisch-Schlesien, der damit seiner Amtsenthebung zuvorkommen wollte. Das katholische Oberschlesien ging zur politischen Opposition über und entsandte überwiegend Abgeordnete der katholischen Zentrumspartei in den deutschen Reichstag. Umgekehrt wurde im eher protestantischen Niederschlesien die Sozialdemokratische Partei zur stärksten politischen Kraft. Die Oberschlesier mit polnischer Muttersprache fühlten sich überwiegend als Preußen oder Deutsche. Andere sahen sich aber durch Bismarcks antipolnische Politik in ihrem nationalen Empfinden als Minderheit gestärkt und organisierten sich politisch. Ihre Polenpartei erreichte in Oberschlesien in der Reichstagswahl von 1907 ihren größten Erfolg, als sie in Berlin fünf Abgeordnete stellte. Unter ihnen befand sich bereits Wojciech Korfanty, der 1921 zu den Anführern des polnischen Aufstandes in Oberschlesien zählen sollte.

Zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts befand sich Schlesien in allen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen in einer Aufbruchsphase. In Oberschlesien hatte das Reich sein zweites großes Industrierevier neben dem Ruhrgebiet. Im Industriedreieck zwischen Gleiwitz, Beuthen und Kattowitz hatte sich ein rascher Prozeß der Verstädterung vollzogen. Bevölkerungsanstieg und Produktionszahlen erreichten Rekordwerte. Steinkohle, Eisen- und andere Erze wurden mit moderner Technologie gefördert und verhüttet. Die Kehrseite dieser Erfolge war die Verschärfung der sozialen und nationalen Spannungen. Kunst und Literatur nahmen sich solcher Themen an. Gerhart Hauptmann erhielt dafür 1912 den Literaturnobelpreis.

Der Ausbau der meisten Städte erfolgte im historischen Stil der Gründerzeit. Davon hoben sich avantgardistische Bauten wie die Breslauer Jahrhunderthalle von 1913 mit ihrer Stahlbetonkuppel ab. Die 1910 in Breslau gegründete Technische Hochschule zeugte von der Bereitschaft, sich neuen Bildungsanforderungen zu öffnen. Zusammen mit der Universität und weiteren Bildungseinrichtungen wie dem Jüdisch-Theologischen Seminar hatte das schlesische Bildungswesen ein solides Niveau. Mehrere Nobelpreisträger kamen aus Schlesien, unter ihnen 1908 der Mediziner Paul Ehrlich und 1918 der Chemiker Fritz Haber. Beide Gelehrte stammten aus dem schlesischen Judentum, das in Wirtschaft, Wissenschaft und KuKultur eine hohe Bedeutung einnahm. Breslau hatte nach Berlin und Frankfurt am Main die drittgrößte jüdische Bevölkerung Deutschlands.

Der Erste Weltkrieg (1914-1918) brachte für das östliche Europa den Zusammenbruch der bisherigen Ordnung. Anstelle der drei Kaiserreiche Deutschland, Österreich und Rußland trat eine Vielheit junger Nationalstaaten. Schlesien war davon insofern betroffen, als die neuentstandenen Nachbarstaaten, nämlich Polen und die Tschechoslowakei, aus ethnischen und historischen Gründen Territorialansprüche stellten. Der Versailler Vertrag verfügte die Abtretung des Hultschiner Ländchens an die CSR und einiger Grenzabschnitte Schlesiens an Polen. Wegen der Forderungen Polens nach ganz Oberschlesien wurde am 20. März 1921 eine Volksabstimmung abgehalten, deren Ergebnis mit rund 60% für den Verbleib bei Deutschland ausfiel. Obwohl die Abstimmung selbst und das ganze Gebiet von alliierten Truppen kontrolliert wurde, kam es dennoch zwei Monate danach zu einem polnischen Aufstand. Am bekanntesten wurden die Kämpfe zwischen Polen und Deutschen um den Besitz des oberschlesischen Annabergs, der seitdem für Deutsche und Polen ein Ort von symbolhafter Bedeutung blieb. Der Genfer Schiedsspruch vom Oktober 1921 interpretierte das Referendum so, daß der östliche Teil Oberschlesiens (Ostoberschlesien mit dem Zentrum Kattowitz) mit dem wertvolleren Teil des Industriegebietes an Polen abgetreten wurde. Es waren über 3 200 km2 mit mehr als 890 000 Einwohnern.

Die Abtretung alter schlesischer Gebiete, die als bedrohlich empfundene Randlage Schlesiens und die hier besonders spürbaren Folgen der Reparationsleistungen und der allgemeinen Weltwirtschaftskrise prägten die politische Stimmung zur Zeit der Weimarer Republik. Hier liegen auch die Gründe dafür, daß der Nationalsozialismus am Ende der Weimarer Republik, vor allem in der Reichstagswahl von 1932, große Stimmengewinne erzielte, auch wenn er in Oberschlesien unter der 30%-Marke blieb.

Auf die Machtergreifung Hitlers in Berlin folgte rasch die Gleichschaltung aller Provinzen und ihrer Institutionen. Unter den Oberpräsidenten der beiden Provinzen Oberschlesien und Niederschlesien bis zu den Beamten im Schuldienst fand eine politische "Säuberung" und die Ersetzung durch Parteiangehörige statt.

Äußere Erfolge, wie die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit und die beschwichtigende Haltung des Auslandes, täuschten viele über den Charakter des nationalsozialistischen Regimes hinweg. Der außenpolitisch bestätigte Gewinn des Sudetenlandes und der "Anschluß" Österreichs an das Reich wurden gerade in Schlesien besonders gefeiert. Der Überfall auf Polen 1939 schien nur der Rückgewinnung des 1921 verlorenen Ostoberschlesien zu gelten.

Tatsächlich hatte 1939 ein bewußt herbeigeführter Weltkrieg begonnen, zu dessen Zielen die Unterwerfung und Versklavung der östlichen Nachbarn und die Gewinnung von zusätzlichem "Lebensraum" gehörte. Polen wurde das erste Opfer dieser ideologischen Planungen. Polen und Juden wurden nach Osten vertrieben und deportiert, und ein Ansiedlungsprogramm für Volksdeutsche durchgeführt. Hatte der Nationalsozialismus von Anfang an seine politischen Gegner rücksichtslos verfolgt und sie in Konzentrationslagern eingesperrt und terrorisiert, so wurde diese Form der Ausschaltung nun auf alle eroberten Gebiete ausgedehnt. Das bedeutete Zug um Zug die Aufhebung der demokratischen Parteien und die Ausgrenzung der ihnen nahestehenden Persönlichkeiten. Vor allem waren davon Juden betroffen.

Die systematisch geplante und dann auch durchgeführte Ermordung der europäischen Juden geschah überwiegend in auf polnischem Gebiet gelegenen Vernichtungslagern wie Auschwitz. Das schlesische Judentum war davon nicht ausgenommen, auch wenn die Mehrzahl der schlesischen Juden zwischen 1933 und 1938 aus Deutschland fliehen konnte. Ein Schicksal für viele war das der jüdisch-katholischen Philosophin Edith Stein, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Das Unrechtsregime des Nationalsozialismus hat in Schlesien Widerstand gefunden, dessen Bedeutung vor allem in seiner moralischen Qualität liegt. Denn weder die Verschwörung des Kreisauer Kreises um Helmuth James Graf Moltke noch die Opposition der Bekennenden Kirche konnte das Geschehen aufhalten.

Die Wende des Krieges bekam Schlesien erst 1944 zu spüren, als es in die Reichweite der alliierten Bomber geriet. Im Herbst 1944 begann der Zusammenbruch der deutschen Ostfront gegenüber der neuformierten Roten Armee. Als der sowjetische Vorstoß am 19. Januar 1945 die schlesischen Grenzen erreichte, war es zu spät, um die Zivilbevölkerung zu evakuieren. Die jetzt erlaubte Flucht geschah planlos und bei eisiger Witterung. Sie forderte zahlreiche Menschenleben, schon bevor die Einnahme Schlesiens unsägliches Leid über alle dort verbliebenen Menschen brachte. Das zur Festung erklärte Breslau leistete bis zum 6. Mai 1945 Widerstand und kapitulierte nach einer mutigen Fürsprache seitens der deutschen Geistlichkeit beim Festungskommandanten.

Die wenigsten ahnten, daß die Sieger auf den Konferenzen von Teheran und Jalta über die Abtretung ganz Schlesiens an Polen verhandelt hatten und daß wegen der geplanten Westverschiebung Polens eine weitgehende Vertreibung der Deutschen aus den Provinzen östlich von Oder und Neiße vorgesehen war. Erst mit Kriegsende begann diese "Tragödie Schlesiens", die Vertreibung seiner deutschen Bewohner, deren Zahl bei Kriegsbeginn annähernd fünf Millionen betragen hatte. Davon ausgenommen blieb nur jene Bevölkerung des oberschlesischen Abstimmungsgebietes von 1921, die als "autochthon" betrachtet wurde und als industrielle Arbeitskraft unentbehrlich schien. Es ist eben jene Bevölkerung, aus der heraus sich gegenwärtig in Oberschlesien die deutsche Minderheit formiert hat und deren Zahl in Deutschland auf bis zu 800 000 Personen geschätzt wird.

LITERATUR:

N. CONRADS (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Schlesien. Berlin 1994; H. WECZERKA (Hrsg.): Schlesien. Handbuch der historischen Stätten. Stuttgart 1977.

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Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X