Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X

Jan Goczoł, Oppeln

Nationale Zugehörigkeit und Sprache in Oberschlesien

Es ist Anfang Mai des Jahres 1920. Die historische Uhr in Oberschlesien, auch in Oppeln, zeigt in diesem Moment nicht ganz neun Monate nach dem ersten Aufstand an, nicht ganz vier Monate vor dem zweiten und schließlich knapp elf Monate vor der Abstimmung und zwölf Monate vor dem dritten, längsten, am weitesten ausgedehnten und blutigsten schlesischen Aufstand. Die Stimmung unter den Einwohnern dieses mitteleuropäischen Ecks ist aufgeregt und erhitzt. Nationalistische Parolen und chauvinistisches Vorgehen sind in den Alltag eingedrungen. Aber in diesem Fall haben wir einen Festtag - Sonntag, den 2. Mai. Das ist für manche auch der Vortag des polnischen Nationalfeiertages - des Jahrestages der "Konstitution des 3. Mai" (von 1793). Aus den nahe bei Oppeln am linken Oderufer liegenden Dörfern nähert sich der Stadt ein propolnischer Aufzug.

Die Demonstration führt Szymon Koszyk an, ein in Oppeln geborener und dort aufgewachsener junger Aktivist der polnischen Bewegung. Die Nachricht über den Aufzug formiert in der Stadt einen deutschen Gegenaufzug. Diesen führt ein Mann aus Grudschütz an, einem nahe bei Oppeln im Osten gelegenen Dorf, Mitglied der KPD, Jan Mrocheń. Beide Aufzüge treffen sich auf der Oderbrücke - unweit der Oppelner Kathedrale des Heiligen Kreuzes. Bevor sie aufeinanderprallen, entwickelt sich auf der Brücke ein Prolog fast nach mittelalterlich-ritterlichem Vorbild: Beide Anführer treten vor das Glied und überschütten den Gegner mit Drohungen, Schimpfworten und Beleidigungen. Jedoch Szymon Koszyk, der, wie gesagt, in der Stadt, in Oppeln, geboren und aufgewachsen war, sprach entschieden viel besser deutsch als polnisch, schleuderte also seine verbalen Geschosse gegen Mrocheń und seine Leute auf deutsch.

Mrocheń hingegen, im Dorf aufgewachsen, war wiederum der deutschen Sprache nicht sehr mächtig, wetterte also - im Namen des deutschen Aufzugs gegen Koszyk - in seiner heimischen, oberschlesisch-polnischen Mundart. Danach begann eine große Prügelei, eine sehr verbissene und gehässige. Unter den Opfern war auch Szymon Koszyk, der vom Kampfplatz ins Hospital gebracht wurde - "mit 28 Wunden und Verletzungen", wie es der ärztliche Befund für das örtliche Gericht feststellte. Denn diese Prügelei hatte ihr gerichtliches Nachspiel.

In dieser Zeit nämlich stand Oppeln schon unter Kontrolle einer Interalliierten Regierungs- und Abstimmungskommission, die die Macht in Oberschlesien bis zur Abstimmung am 20.3.1921 ausüben sollte. Ein Schauprozeß gegen die Übeltäter dieses Zwischenfalles war bestimmt geeignet, die Glaubwürdigkeit und Grundsätzlichkeit der Kommission zu bestätigen. Jedenfalls, aus den Verfahrensprotokollen sollte man vielleicht noch eine interessante, von Mrocheń - mit Hilfe eines Dolmetschers - gegebene Antwort ins Kolorit des vor uns sichtbar werdenden Bildes einfügen. Es ist die Antwort auf die deutlich ironisch-provokatorische Frage eines Mitglieds des Richterkollegiums. Der Richter, in Anspielung auf die KPD-Mitgliedschaft Mrocheńs, fragte: "Herr Mrocheń, wie konnten Sie Ihre Führung beim Überfall auf die Polen mit den Ideen des Internationalismus, welche ihre Partei verficht, in Einklang bringen?" Der Protokollant schreibt folgende Antwort nieder: "Hohes Gericht! Zuallererst bin ich Deutscher und dann erst Kommunist."

Gustav Freytag

SCHLESISCHER CHARAKTER UND SCHLESISCHER DIALEKT

Nur unsichere Ahnungen hatte man früher in der Außenwelt von dem schlesischen Gemüt: dem allerliebsten Gemisch von polnischer Lebhaftigkeit und altsächsischer Bedächtigkeit, von gutmütiger Einfalt und kalkulierendem Scharfsinn, von sentimentaler Weichheit und reflektierender Ironie; von lauter Fröhlichkeit und andächtigem Ernst. Wer unterhält seine Kameraden auf der Gesellenbank? Der Schlesier. Wer weint mit seiner Geliebten im Mondenschein? Der Schlesier. Wer wischt sich diese Tränen mit dem Tabaksbeutel ab und denkt zuletzt: "Es ist alles Wurst"? Der Schlesier. Wem steigt der Wein am schnellsten zu Kopf und wer hält doch am längsten beim Becher aus? Wieder der Schlesier. Wer verzückt sich am tiefsten in mystischer Gottseligkeit und wer spricht am gleichgültigsten mit dem Teufel? Immer der Schlesier. Alles was man auf Erden nur werden kann, wird der Schlesier mit Leichtigkeit: Engländer und Russe, Minister und Seiltänzer, Posaune und Klapphorn, fromm und gottlos, reich und arm. Am liebsten wird er allerdings Poet, weil ihm das die Einseitigkeit erspart, irgend etwas Spezielles zu werden.

Der deutsche Dialekt, welcher sich in diesem Stamme allmählich aus dem Zusammenstoß fränkischer und sächsischer Kolonistensprache mit slawischen Lauten gebildet hat, ist so wunderlich, wie die Anlage des Volkes. Bald dehnt er phlegmatisch kurze Laute zu unerhörter Länge, bald schnellt er ungeduldig lange Silben als kurze heraus; platt und behaglich drückt er die Worte zwischen Zunge und Lippen, dunkle Doppelvokale macht er hell, er dröhnt nicht aus der Brust und rollt nicht aus der Kehle, sondern bildet sich die Laute zur Vermeidung von Anstrengungen im Vorderteil des Mundes mit breiter Zunge und sehr beweglichem Munde. Er ist, wie die Dialekte in allen spät kolonisierten Ländern, fast auf jeder Quadratmeile ein anderer, und doch haben alle diese verschiedenen Sprechweisen so viel Gemeinsames, daß sie dem Hörer den Eindruck derselben Individualität machen. [...]

Der schlesische Dialekt steht seinem Charakter, nicht seinen Lauten nach, etwa zwischen dem plattdeutschen und dem alemannischen, zwischen der derben trockenen Laune des Nordens und der gefühlvollen Beweglichkeit des Südens. Er klingt breit und behaglich, aber auch kindlich und schelmisch, und einfältiger als irgend ein anderer. Daher gelingt in ihm am besten die Rede pfiffiger Einfalt, derben Scherzes. Für die flüchtige Sentimentalität des Schlesiers, welche im Volke allerdings ein hervorstechender Zug ist, eignet er sich wenig.


Trotz des KPD-Makels glückte es Mrocheń, die Nazizeit zu überleben. Auch Szymon Koszyk kam bis 1945 davon. Nach seiner politischen Arbeit im Zusammenhang mit der Abstimmung und nachdem er als Kompanieführer an den schlesischen Aufständen teilgenommen hatte, verbrachte er die nächsten zweieinhalb Jahrzehnte nach der Teilung Schlesiens 1921 in dem Teil Oberschlesiens, der an Polen gefallen war. Dort engagierte er sich weiterhin polnisch-patriotisch, u.a. als Herausgeber einer deutschsprachigen Zeitschrift, Der weiße Adler, die sich an deutschsprachige Oberschlesier im Industrierevier wandte. Nach Kriegsende wurde er Bürgermeister in Ziegenhals, einer kleinen Stadt am südlichen Rand des Oppelner Schlesien. Er amtierte dort nicht ganz vier Jahre. In dieser kurzen Zeit erwarb er sich die Anerkennung und die Achtung der Einwohner und auch einen verdient guten Ruf außerhalb dieses kleinen Kurortes. Aber im Jahre 1949 verlieren die früheren patriotischen Haltungen - die Abstimmungsarbeit und die Teilnahme an den schlesischen Aufständen - ihren positiven Wert, sie werden nicht mehr zu den Verdiensten gezählt. Szymon Koszyk - wie viele ihm ähnliche, wie fast alle seine ehemaligen Mitkämpfer beim polnisch-deutschen Ringen in Oberschlesien - wird seines Amtes und seiner Arbeit enthoben. Menschen wie er unterliegen jetzt einer Brandmarkung, sie hatten nationale, und nicht internationale Aufstände vorbereitet, wie die kommunistische Doktrin über eine allgemeine, weltweite Revolution es vorsah, sie werden des Nationalismus beschuldigt und sehr oft durch Verhaftung und Gefängnis erniedrigt. Jetzt ist die Zeit günstig für Mrocheń und seine Genossen aus der ehemaligen, zwar national jetzt in Schlesien fremden, aber ideologisch doch vertrauten "Schwester- Partei". Nach der Gründung der Wojewodschaft Oppeln wurde einer der ersten Chefs der Wojewodschaftsverwaltung eben Jan Mrocheń. - Heute ruhen sowohl er -seit sechs Jahren - wie Szymon Koszyk - seit gut zwanzig Jahren - auf demselben Oppelner Kommunalfriedhof, nicht weit voneinander.

Diese merkwürdige Geschichte aus dem Leben dieser beiden Schlesier könnte für das Thema dieses Aufsatzes genügen. Ähnliche Geschichten könnte man zu Dutzenden erzählen. Man darf sogar sagen, daß das in Oberschlesien typische Familiengeschichten sind (auch in meiner eigenen Familie). Diese groteske, manchmal gleichzeitig tragische, manchmal tragikomische und possenhafte Verwicklung oder auch Spaltung des Denkens, der Leidenschaften, Überzeugungen und Entscheidungen, wurde und wird im Schicksal des einzelnen Menschen zum eigenartigen "Identitätsnachweis" als Einwohner dieser Region. Natürlich, man möchte über dieses Thema lieber in solchen fast literarischen, ein wenig grotesken Geschichten aus der Vergangenheit erzählen, in Geschichten nur aus der Vergangenheit. Aber eben diese Fragen von nationaler Zugehörigkeit und Mundart in Oberschlesien werden doch bis heute - seit zweihundert Jahren schon - sehr oft aufs neue mythologisiert.

Wenn ich sage, daß die Mundart der ansässigen Oberschlesier mindestens seit zweihundert Jahren (d.h. vor allem seit der Einnahme Schlesiens durch das Königreich Preußen) als hinterfragbar präsent ist, dann denke ich z.B. an eine sehr interessante und in ihrem Inhalt denkwürdige Broschüre des deutschen Pastors Johann Wilhelm Pohle aus Breslau, die dieser im Jahre 1791 unter dem Titel "Der Oberschlesier", verteidigt gegen seine Widersacher veröffentlichte. Es muß also schon damals genügend Gründe - einerseits emotionaler und politischer wie andererseits bestimmt auch wissenschaftlicher und gesellschaftlich-kultureller Art - gegeben haben, um einen Geistlichen, einen ohne Zweifel gebildeten, nachdenklichen Mann, zu folgenden Formulierungen geneigt zu machen:

"Welches ist denn die einheimische Sprache in Schlesien? Die Deutsche doch wohl nicht? An der bedeutenden Benennung der Städte und Dörfer eines Landes erkennt man doch wohl unzweifelhaft, welche Sprache bei ihrer Erbauung die allgemeine war. Was heißt Glogau, Buntzlau, Wohlau, Jauer, Breslau, Brieg wohl auf deutsch? Aber im Polnischen ist alles bedeutend! Ist unwahr geschloßen, daß als man diese Städte erbaute, die polnische Sprache in Schlesien die Landessprache war? Könnte man nicht mit mehrern Scheine des Rechtes dem Niederschlesier Vorwürfe wegen dem Deutschen machen, als man sie dem Oberschlesier wegen dem Polnischen macht? So viel Unwissenheit verrathen eure Aufklärer, die euch so laut schelten. Das, was sie tadeln, ist zu loben. Wahrlich, ein Volk ist zu beklagen, wenn es wegen seiner Muttersprache, an welcher es doch ganz unschuldig ist, ausgehöhnet wird, und dies von Menschen, denen es an allem fehlt, um wahr und gründlich urtheilen zu können".

Man darf sagen, daß man mit dieser Broschüre eine riesige Bibliographie zum Thema eröffnen könnte. Es wäre das ein Verzeichnis hunderter, wenn nicht tausender, gebundener und noch mehr loser, flüchtiger Publikationen, offizieller und vertraulich-geheimer Dokumente. Es wäre eine Bibliographie, die überwiegend Publikationen mit eindeutig subjektiven, sehr oft nationalistischen, politisch-propagandistischen Inspirationen nachwiese. Mehr oder weniger geschickt werden aus sehr oberflächlichen, wenn nicht sogar primitiven publizistischen, pseudowissenschaftlichen, falschen und gefälschten Prämissen die gewünschten Argumentationen geschmiedet. Vorübergehenden Zielen (des Staates, einer bestimmten Partei oder ideologischen Bewegung) zugeordnet, mythologisierten sie den Stoff ihrer Eingriffe zum Nutzen der vorausgesetzten Gegebenheit. Sagen wir auch gleich, daß dies ebensoviele deutschsprachige wie polnische Publikationen betrifft.

Eine solche Bibliographie kann jedoch auch sachliche Arbeiten nachweisen, leidenschaftslose wissenschaftliche Analysen, die autoritativ, nüchtern und überzeugend über die tatsächliche Wirklichkeit berichten. Bevor ich mich jedoch wenigstens auf zwei solcher Arbeiten berufe, möchte ich noch kurz auf die Ortsnamen kommen - zu den uns, meiner Generation, zeitgenössischen Kapiteln dieser kläglichen Verbiegungen oder Anpassungen, gekünstelter und manipulierter Veränderungen im Bereich der Orts- und Flurnamen in Oberschlesien.

Ich denke an die 30er Jahre, an das Vorgehen der Nazis auf diesem Felde. 1933 erschien im Oberschlesier (Heft 9) - dem Zentralorgan der Vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier e.V. - ein Leitartikel unter dem Titel "Fort mit der polnischen Fassade". Es ging um bestimmte, in Oberschlesien bestehende Ortsnamen. Dieser Zeitungsaufruf war nur ein öffentliches Signal für den Beginn der heimlich im Amt für oberschlesische Landeskunde ausgearbeiteten und vorbereiteten Änderung aller Ortsnamen von nichtdeutschem, d.h. slawisch-polnischem Klang und ebensolcher etymologischer Bedeutung. Infolgedessen verschwanden Tag für Tag jahrhundertealte Namen, welchen neue, amtlich verordnete folgten. So hieß z.B. Alt Budkowitz ab Inkrafttreten der Änderung am 21.7.1936 Alt Baudendorf; Budkowitzer Mühle ab 24.9.36 Obere Mühle; Grzenda Mühle ab demselben Tag Untere Mühle; Morczinek Kolonie - Martinsgrund (19.5.36); Podkraje - Habichtswald (21.7.36); Kobylice - Pferdeau (24.9.36); Kwaschno - Sauerfeld; Zelazno - Eisenau usw. Auch mein Heimatdorf im ehemaligen Kreis Groß Strehlitz, Rosmierz, hieß jetzt für fast neun Jahre (nach vorherigen 700) Angerbach; die Nachbardörfer Grodisko - Burghof, Suchau - Strelau, Rosmierka - Groß Massdorf. Hunderte gab es von diesen neuen, "umgetauften" Namen. Dazu kamen dann noch Ende der dreißiger und Anfang der 40er Jahre die viel zahlreicheren topographischen Flurnamen: Namen von Feldern, Wiesen, Wäldern, Teichen, Bächen. Über die Notwendigkeit dieser Änderung lesen wir in der geheimen Anweisung des Amtes für Oberschlesische Landeskunde:

"Die Eindeutschung ist notwendig, da doch die Erfahrungen der Abstimmungszeit uns belehrt haben, daß das Sprachgebiet immer die erste Ausfallpforte für fremde Strömungen im Grenzland ist. Die Säuberung der Flurnamen soll man im Stillen, ohne Pressenotizen u.ä., durchführen. Die spätere Popularisierung der neuen Benennungen soll auf Grund neuer Katasterkarten, um Herstellung welcher wir uns bemühen, über die Gemeinden, Schulen, Parteiorganisationen usw. geführt werden. Es ist nicht vorgesehen, das betreffende Material über die Flurnamen zu veröffentlichen. Die Sammlungen befinden sich in Diensträumen, dieses garantiert, daß kein unerwünschter fremder Forscher zu ihnen Zutritt finden wird".

Bemerken wir nur noch am Rande und in Klammern zu dieser so verhängnisvoll belasteten Problematik der oberschlesischen Ortsnamen, daß die heutigen Forderungen mancher Kreise der deutschen Minderheit in Oberschlesien, neben den polnischen auch die deutschen Ortsnamen in den von ihr bewohnten Gebieten anzuwenden, sich in fast jedem Fall eben auf die in den 30er Jahren eingeführten Namen beziehen. Welche Assoziationen das unter den polnischen Nachbarn (und auch in polnischen politischen Kreisen) weckt, kann man sich leicht vorstellen.

Diese sich über die schlesische Sprachlandschaft hinwegwälzenden schwülen Witterungen verhüllen, natürlich, die wirklichen Umrisse und Gestaltungen dieser Landschaft, verwischen ihre Perspektiven und Strukturen und erlauben nicht, ihre Vielfältigkeit und gleichzeitig klare Logik, Konsequenz, Disziplin und die bezaubernde Harmonie des in ihr pulsierenden Lebens wahrzunehmen. Sprachwissenschaftliche Beobachtungen und Analysen zeigen dies jedoch mit ganz faszinierender und gleichzeitig rücksichtsloser Deutlichkeit und Eindeutigkeit. Zwei hervorragende deutsche Gelehrte will ich hier herbeirufen, einwandfrei sehr bedeutende Forscher mit unbezweifelter Autorität in diesem Bereich, Karl Weinhold und Reinhold Olesch. Beide stammten aus Schlesien - Weinhold aus Reichenbach in Niederschlesien, Oleschs Familie aus Annaberg in Oberschlesien. Der erste von ihnen (vor allem mit der Universität in Breslau verbunden) lebte und führte seine Forschungsarbeiten im vergangen Jahrhundert; Reinhold Olesch in unseren Zeiten: er starb vor einigen Jahren in Brühl bei Köln, wo er am Ende seines Lebens wohnte.

Von den Arbeiten Weinholds sollte unsere Aufmerksamkeit vor allem auf sein 1853 im Wiener Carl Gerold Verlag herausgegebenes Werk Laut- und Wortbildung und die Formen der schlesischen Mundart, mit Rücksicht auf Verwandtes in deutschen Dialecten gerichtet sein. In diesem "Studium" zeigt Weinhold die Spracherscheinungen und Sprachprozesse in Schlesien vor einem breiten und tiefen kulturell-gesellschaftlichen (wenn jemand unbedingt will, dürfte man auch sagen: kulturell-politischen) Hintergrund - von welchem diese Erscheinungen und Prozesse belebt, entwickelt und gesättigt sind. Hier ein umfangreiches Zitat aus dieser Beschreibung:

"Die schlesische Mundart ist der östlichste der mitteldeutschen Dialecte, die von der Mosel her über das südliche Hessen, über Thüringen, Franken, Meissen, Lausitz einen breiten Gürtel um das deutsche Land legen. Die geschichtlichen Verhältnisse des Landes, durch welche es bis in die neuere Zeit dem südöstlichen Deutschland politisch verbunden war, die Einmauerung zwischen Polen, Mären und Czechen, die Mischung aus slavischem und deutschem Blute, die Kolonisation aus mehreren deutschen Stämmen, bedingen die Abweichungen, welche dem schlesischen eigen sind. [...] Die Seiten des schlesischen Wesens äussern sich auch in dem sprachlichen Ausdruck, in der Wortverbindung, in der Betonung: ich verweise auf Holteis schlesische Gedichte wo sich Belege finden werden, namentlich wenn man sie schlesisch auszusprechen vermag."

Und weiter:

"Schlesien ist ein germanisiertes Land. Die Meinung, es seien von den früheren germanischen Bewohnern, den Lygiern, Silingen, Wandalen, Reste in den Gebirgen zurückgeblieben, während das Flachland nach Außzug der Hauptmasse den Slaven anheim viel, wird durch die urkundlichen Beweise widerlegt, daß im Anfange des 13. Jahrhunderts auch das Gebirge völlig slavisch war. Die Rückeroberung gieng seit dem Ende des 12. Jahrhunderts langsam genug vor sich: im Jahre 1175 erhielt das Kloster Leubus bei seiner Stiftung durch Boleslav I. für die deutschen Ansiedler seiner Güter die Befreiung von den polnischen Lasten; die ersten urkundlichen Zeugnisse wirklich erfolgter deutscher Einwanderung sind den Jahren 1202-1207 und weisen auf die Gegend zwischen Goldberg und Jauer, Striegau, Landshut, nach Frankenstein und Schwibus. Bis 1230 sind Deutsche in größerer Menge nachzuweisen bei Lähn, Freiburg, um den Zobten, bei Reichenbach, Zülz, Neumarkt, Hundsfeld, Ohlau. Kostenthal zwischen Leobschütz und Kosel, das noch heute eine deutsche Sprachinsel ist, wurde 1225 mit Deutschen besetzt; die deutsche Ansiedlung um Ujest und Rosenberg, ebenso bei Perschütz im Trebnitzischen verkamen aber. Zum Schlusse des 13. Jahrhunderts war in Niederschlesien auf der linken Oderseite der Sieg des Deutschen entschieden, in Oberschlesien leistete der polnische Adel, die Herzöge an der Spitze, nachhaltigen Widerstand. Erst seit dem Anfange des 19. Jahrhunderts beginnt das Deutsche auf dem rechten Oderufer, von Breslau ab, mächtiger um sich zu greifen. Festenberg (Twardowice), Goschütz, Wüstendorf bei Breslau (Dobrzykowice) und manche andere Orte, welche 1815 noch ganz polnisch waren, sind jetzt ganz deutsch; die Stadt Trebnitz, die damals noch zur Hälfte von Polen bewohnt war, ist jetzt rein deutsch; die Kreise Polnisch-Wartenberg und Namslau sind nunmehr bereits gemischt und werden binnen einem Menschenalter das polnische aussterben sehen.

Über die Herkunft der deutschen Ansiedler in Schlesien sind wir leider durch die Urkunden nur dürftig unterrichtet. Es werden Flamländer und Franken am meisten genannt und nach dem Überwiegen des flämischen Ackermasses wären die Niederländer am zahlreichsten eingewandert. Die Mundart führt indessen auf die mitteldeutschen Landschaften als dem Stammlande der Hauptmenge der Kolonisten, namentlich auf thüringische und fränkische Gegenden. Die Mönche von Stift Leubus, die ersten Verbreiter deutschen Wesens in Schlesien, waren aus dem thüringischen Pforta; wie natürlich, daß sie aus jenem Lande ihre Ansiedler nahmen? Gerade mit den mitteldeutschen Fürstenhäusern von Thüringen, Meissen und Anhalt stunden die niederschlesischen Piasten in reger Verbindung, auch in Verwandschaft, was notwendig bei ihrem Bestreben, das Land zu germanisieren, die Einwanderung von dort nach sich zog. So wurde das deutsche Element stark genug, über das polnische den Sieg zu gewinnen; es wurde unterstützt durch die Vortheile, welche die Herzöge und Bischöfe dem Anschlusse an das Deutsche zu Lohn gaben, durch die Gefahren eines starren Festhalten am polnischen, durch die stille Macht der deutschen Bildung. Zwei Dritteile des Landes giengen zur deutschen Fahne über. Dadurch empfing die Sprache der deutschen Schlesier slavisches in dem Wortschatze und auch die Betonung wurde gefärbt. Daß das schlesische Wesen aus dem slavischen eine starke Beimischung aufnahm, ist nicht zu leugnen; macher Fehler hat dort seinen Ursprung, aber auch manche der guten Eigenschaften. Wir kreuzten uns mit Polen".

Jetzt möchte ich zu den Untersuchungen und Feststellungen von Reinhold Olesch kommen. Sie gestalteten einen ebenso wesentlichen Teil unseres Wissens über die Sprachverhältnisse in Schlesien. Denn so wie Weinhold der deutschen schlesischen Mundart nachging und sie in wissenschaftlichen Diagnosen beschrieb, wandte Olesch seine Aufmerksamkeit vor allem der polnischen Mundart in Oberschlesien zu (was auch dadurch zu erklären ist, daß er selbst aus einem vorwiegend polnischsprachigen Raum kam). Eine vollkommene Synthese seiner Forschungsergebnisse, welche auch, so meine ich, auf die wichtigsten Fragen unseres Themas antworten, finden wir in der Vierteljahresschrift Oberschlesien (Nürnberg, 1979, Heft 1) im Artikel Die polnische Sprache in Oberschlesien und ihr Verhältnis zur deutschen Sprache. Wiederum wird es nötig sein, ein paar ausführliche Zitate aufzurufen. So wie Weinhold betont Olesch, daß die sprachliche Eigenart Schlesiens durch seine Geschichte als Grenz- und Kolonialland geprägt ist, daß im Laufe einer mehrere Jahrhunderte währenden Kolonisationstätigkeit das Land vorwiegend deutschsprachig wurde:

"Das Slavische war vor der Aussiedlung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkriege bis an die Grenzen Schlesiens zurückgedrängt worden, und nur in Oberschlesien ist es in relativer Geschlossenheit erhalten geblieben [...] und zwar in dem Raum Oberschlesiens, der das Abstimmungsgebiet von 1921 ausmachte, ausgenommen den von deutschen Mundarten belegten größten Teil des Kreises Leobschütz. [...] Wenn wir von einem relativ geschlossenen Gebiet polnischer Mundarten sprechen, so bedarf diese Bezeichnung einer gewissen Präzision. Betrachten wir die sprachlichen Verhältnisse bis zur Abstimmungszeit, d.h. in den Jahren vor der Teilung Oberschlesiens, so lassen sie sich in einer gewissen Verallgemeinerung auf die Formel bringen, daß polnische Mundarten hauptsächlich auf dem Lande und von der Arbeiterschaft der Industriegebiete gesprochen wurden. Die großen Städte waren vorwiegend deutschsprachig, die kleineren Landstädte deutsch- und polnischsprachig, wobei der Gebrauch der einen oder anderen Sprache in der Regel vom sozialen Status des Sprechers abhängig war."

Weiter weist Olesch darauf hin, daß der Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen die günstigsten Voraussetzungen für eine Darstellung des Verhältnisses der deutschen und polnischen Sprache in Oberschlesien bildet. Bevor sich aber Olesch dieser Frage zuwendet, sieht er es als nötig an, zumindest mit knappem Hinweis, das mehrschichtige und schwer einsehbare Verhältnis von Sprache und Nationalitätsbewußtsein in sprachlichen Mischgebieten anzudeuten:

"die Gleichsetzung beider Begriffe steckt voller Ungenauigkeiten und ist nicht in jedem Fall als gültig anzusehen, denn gerade in Mischgebieten sind etwa Sprachkarten nicht voll identisch mit Nationalitätenkarten. Historische, soziale und familiäre Faktoren wirken sich von Persönlichkeit zu Persönlichkeit unterschiedlich aus. Sprachexterne Wirkungen von Schule, Erziehung, Film und anderen Medien tun das ihrige, um die Entscheidung der nationalen Zugehörigkeit zu beeinflussen, die in sprachlichen Mischgebieten letztlich eine individuelle ist, bei der die Sprache zwar einen wesentlichen, aber nicht den einzig entscheidenden Faktor darstellt. Wir klammern deshalb die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Nationalitätsbewußtsein, so wichtig sie an sich ist, diesmal aus. In sprachlichen Grenzlandschaften mit politischer Brisanz, wie dies vor dem Kriege für Oberschlesien zutraf, kann es auch bei wohlmeinend patriotischen Gefühlen zu sachlich falscher Auslegung kommen und Spannungen schaffen, die dem ursprünglichen Wesen der Sprache als menschenverbindendem Kommunikationsmittel entgegenstehen".

Bei der sprachlichen Betrachtung Oberschlesiens klärt Olesch auch einen terminologischen Begriff. Es geht um das oft gebrauchte und meist falsch verstandene Wort "Wasserpolnisch", wenn von den polnischen Mundarten Oberschlesiens die Rede ist. Dazu Olesch:

"Um es kurz zu sagen: Die Wissenschaft verwendet diesen Terminus nicht. Er begegnet weder in der polnischen noch in der deutschen noch in irgendeiner anderen slavistischen Fachwissenschaft als ernstzunehmender Begriff. Er ist, schlicht gesagt, unwissenschaftlich. Seine ihm heute anhaftende Nuance von verwässertem Polnisch ist politischen Ursprungs und jung. Wir kennen ihn im 17. Jahrhundert aus dem Werk des Kreuzburger Pastors Adam Gdacius als „Wasserpolowie“ und aus Meisners „Silesia loquens“ vom Jahre 1705 als „dialectus aquatico-polonicus“, jedoch ohne den späteren pejorativen Sinn, entstanden als Bezeichnung der an der Oder (am Wasser) anliegenden Mundarten".

Diese Feststellung ist für den Sprachwissenschaftler selbstverständlich, da:

"die phonetische und morphologische Struktur der polnischen Mundarten Oberschlesiens zweifelfrei polnisch ist - mit teilweise archaischen Zügen. Das war und ist die sachlich begründete Auffassung der slavistischen Sprachforschung immer gewesen. Das Deklinations- wie Konjugationssystem ist einwandfrei slavisch in polnischer Ausprägung. Der Verbalaspekt, ein das Slavische vom Deutschen grundsätzlich unterscheidendes Sprachmerkmal, ist bis heute intakt geblieben. [...] Die polnischen Mundarten Oberschlesiens [...] weisen die Mundarten üblicherweise eignenden Charakteristika auf. Archaische Elemente stehen neben dialektalen Neuerungen. Daneben sind die polnischen Mundarten Oberschlesiens durch eine Vielzahl deutscher Lehnwörter ausgezeichnet, eine Erscheinung, die auch im Sinne gutgemeinter patriotischer Gefühle zum Anlaß wurde, von verwässertem Polnisch zu sprechen. Sachlich unbegründet dagegen war es, das oberschlesische Polnisch als eine sich auflösende Sprache zu bezeichnen, die sich vom Slavischen weg zum Deutschen hin entwickle. Wir dürfen diese unwissenschaftliche Äußerung durchaus unbeachtet lassen. In der wissenschaftlichen Diskussion hat sie nie eine Rolle gespielt. Es sind nun einmal polnische Dialekte, die wegen der langen Abgeschiedenheit Schlesiens von Polen, seit den 30er Jahren des 14. Jahrhunderts, den historischen Gegebenheiten zufolge, viel deutsches Wortgut übernommen haben, dieses jedoch in ihr slavisch-polnisches Sprachsystem integrierten. Dieses deutsche Wortgut, das in der langen Abwesenheit Schlesiens außerhalb des polnischen Staates in böhmischer, österreichischer und preußischer Zeit in die polnischen Mundarten Oberschlesiens übernommen wurde, war besonders seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durch eine Fülle moderner technischer und administrativer Begriffe vom Deutschen her angereichert worden. Es wurde jedoch phonetisch und morphologisch integriert und es hat nicht vermocht, die polnische Struktur dieser Mundarten grundsätzlich zu verändern oder gar aufzulösen. [...] Wir können ähnlichen Erscheinungen in den verschiedensten Gegenden des europäischen Sprachraums begegnen. Eines der auffälligsten Beispiele bildet wohl das Rumänische, das trotz reichlicher slavischer Wortübernahmen seinen romanischen Sprachcharakter bewahrt hat; denn die grammatische Struktur ist in ihrer ostromanischen Eigenart verblieben.
Es macht keine Schwierigkeiten, den polnischen Charakter der oberschlesischen Mundarten nachzuweisen, der in der wissenschaftlichen dialektologischen Forschung übrigens nie in Frage gestellt war."

Am Ende seiner sehr eingehenden Beispiele und deren Analyse deutet Olesch noch auf eine, für den schlesischen Sprachraum bezeichnende Erscheinung:

"Im gesamten Oberschlesien, in besonderem Maße aber in Westoberschlesien, und zwar zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, vollzog sich bei der jüngeren Generation auf dem Lande des öfteren der Übergang von der Altsprache in die Neusprache, d.h. von der polnischen Mundart in die Deutschsprachigkeit. [...] Über das Maß an lexikalischen Einheiten, die von den polnischen Mundarten in das mundartliche Deutsch des Oberschlesiers aufgenommen wurden, vermittelt eine ungefähre Vorstellung das dreibändige Schlesische Wörterbuch des langjährigen Direktors des Deutschen Sprachatlasses in Marburg, Walter Mitzka. Es sind einige hundert polnisch mundartliche Wortpositionen, die in diesem Schlesischen Wörterbuch erfaßt sind, allerdings nicht nur für das oberschlesische, sondern für das gesamtschlesische Gebiet. Das macht im wesentlichen die Eigenart des oberschlesischen Deutsch aus, das auf keiner deutschen Mundart beruht, vielmehr ein Schriftdeutsch mit polnisch-mundartlichem Substrat darstellt. [...] In ihren charakteristischen Zügen stellt sich somit die oberschlesische Sprachlandschaft der Zwischenkriegszeit als ein typisches sprachliches Mischgebiet dar, in dem das Deutsche und das Polnische in jeweils variierten Ausprägungen nebeneinander und miteinander existierten".

Soweit Reinhold Olesch. Wenn ich jetzt noch überhaupt etwas dazu sagen soll, dann möchte ich vielleicht sehr kurz auf zwei der letzten Worte Oleschs zurückkommen: zu dem, daß das Deutsche und Polnische in Oberschlesien nebeneinander und miteinander existierten. Diese intentionellen Worte - noch mit dem dritten Begriff "zueinander" - höre ich oft in Schleswig-Holstein, wenn dort vom Zusammenleben der Deutschen und Dänen, aber auch der Friesen die Rede ist - und das nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen oder im Landtag während der Debatten über Minderheitenpolitik. Im heutigen Schlesien jedoch scheint es noch (oder wiederum) ein langer Weg zu sein zu einem ruhigen Wahrnehmen der eigenen Geschichte, so wie sie aus wissenschaftlichen Analysen und Feststellungen zu sehen ist. Dies aber könnte auch dort die ziemlich grotesken Leidenschaften, das Mißtrauen und die Vorurteile beilegen.

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