Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Antoni Kuczyński, Breslau

DIE DEPORTATION VON POLEN DURCH DIE SOWJETMACHT IM ZWEITEN WELTKRIEG

Der Nichtangriffspakt, der am 23. August 1939 in Moskau zwischen dem deutschen Außenminister Ribbentrop und seinem sowjetischen Kollegen Molotow geschlossen wurde, beinhaltete auch das sogeannte Geheime Zusatzprotokoll mit der ausdrücklichen Klausel, daß im Falle "von territorialen Veränderungen auf dem polnischen Staatsgebiet die beidseitigen Interessen- sphären von Deutschland und der Sowjetunion annähernd von den Flüssen Narew, Weichsel und San begrenzt werden". Diese Beschlüsse nahmen am 28. August Gestalt an, als Molotow und der deutsche Botschafter Graf von der Schulenburg die Erklärung zum Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 unterschrieben.

Der deutsche Überfall auf Polen und später der Einmarsch der sowjetischen Armee im Osten Polens am 17. September 1939 bildeten den Anfang der sogenannten "ethnischen Säuberungen" in den besetzten Gebieten und führten zur Deportation unzähliger Polen in weit entfernte Gebiete der UdSSR. In Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Molotow-Ribbentrop-Paktes legten die Sowjetunion und das Deutsche Reich am 28. September die Demarkationslinie zwischen den von beiden Staaten besetzten Gebieten entlang der Flüsse Pisa, Narew, Bug, Weichsel und San fest. Jene Abgrenzung der "Interessensphären Deutschlands und der UdSSR" wurde Wirklichkeit und etwa 51% des Gebietes der Zweiten Polnischen Republik befanden sich nun unter sowjetischer Besetzung. Von deutscher Seite wurden durch ein Dekret vom 8. Ok- tober 1939 die sogenannten "angeschlossenen Ostgebiete" - d.h. die ehemaligen Wojewodschaften Posen, Pommerellen, Schlesien und Teile der Wojewodschaften Lodsch, Warschau, Kielce und Bialystok - an das Deutsche Reich angeschlossen. Ein weiteres Regierungsdekret vom 12. Oktober rief in den übrigen von Deutschland besetzten Gebieten das sogenannte Generalgouvernement aus. So hatte Polen zwar de facto, aber nicht de jure aufgehört, als selbständiger Staat zu bestehen.

Verallgemeinernd läßt sich wohl feststellen, daß der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und später die Beschlüsse der Konferenzen von Jalta (4.-11. Februar 1945) und Potsdam (17. Juli - 2. September 1945) als unmittelbarer Auslöser für große ethnische Migrationen und die Verschiebung der Staatsgrenzen und somit auch für die neue geopolitische Landschaft im Osten Europas angesehen werden können. Am politischen Horizont erschien dort die UdSSR als starker Verbündeter bei der Zerschlagung Nazi-Deutschlands. Sie diktierte auch die Bedingungen für die neue politische Ordnung in dem Teil Europas, den sie "befreit" hatte, legte neue Grenzen fest, wodurch es zu großen "Völkerwanderungen" kam.

Auch wenn mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion wieder erhebliche Grenzverschiebungen im Osten Europas eingetreten sind, bleiben jedoch weiterhin die Ergebnisse der Umsiedlungen, wie sie von den Beschlüssen von Jalta und Potsdam diktiert worden sind, bestehen. Millionen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und sich dort niederzulassen, wo die "Ordnung von Jalta" ihnen ihren neuen Wohnort zuwies und ihnen neue und bittere Erfahrungen auferlegte, was immer das Los von Vertriebenen ist - sei es als Strafe, sei es als Fügung des Schicksals, auf das sie keinen Einfluß hatten.

Bevor jedoch die polnische Bevölkerung aus den sogenannten "Ostgebieten", die nach dem Zweiten Weltkrieg zur UdSSR gehörten, in die sogenannten "wiedergewonnenen Gebiete" umgesiedelt wurden, die über Jahrhunderte zu Deutschland gehört hatten, wurden viele Polen 1940 und 1941 nach Kasachstan, Sibirien, in den Fernen Osten und andere Gebiete der Sowjetunion deportiert. Im totalitären Sowjetsystem war die Strafumsiedlung der Zivilbevölkerung nichts Ungewöhnliches. Dem waren die Bürger des Vielvölkerstaates unterworfen, und diese Praxis wurde allgemein angewandt.

Schon am 11. Oktober 1939 begannen die sowjetischen Sicherheitsbehörden durch den Sondererlaß Nr. 001223 mit der Vorbereitung der "Deportationen von antisowjetischen polnischen Elementen" aus der sogenannten Westukraine und Westweißrußland, die nach sowjetischer Propaganda im September 1939 von der Roten Armee aus der Herrschaft des bour- geoisen polnischen Staats befreit worden waren.

Deportierte polnische Kinder betrauern ihre Mutter
Deportierte polnische Kinder betrauern ihre Mutter

Die Erklärungen zu diesem Erlaß legten genau fest, welche Kategorien und gesellschaftlichen Gruppen von Polen aus diesen Gebieten deportiert werden sollten. Zugleich definierten sie den Ablauf der Verschikkungen, die Transportbedingungen, den Zeitpunkt der Aktionen, die Fahrtroute der Züge, ihre Sicherung usw. Die Aktionen wurden von Sonderabteilungen der Truppen des Innenministeriums, sogenannten Konvoibrigaden, beaufsichtigt, deren Sonderbefugnisse bis hin zur Erschießung von Deportierten gingen. Doch schon vor den Massendeportationen der Jahre 1940 und 1941 wurde ein großer Teil von Polen in den so- wjetisch besetzten Gebieten inhaftiert, erschossen oder in den asiatischen Teil der UdSSR verschleppt. Diese Repressionen umfaßten auch viele Tausende von polnischen Kriegsgefangenen, darunter die Offiziere, die dann in Katyń und an anderen Orten erschossen wurden. Auch wenn das Ausmaß dieser ersten Repressionen nicht klar zu umreißen ist, gehen Schätzungen von 250 000 Personen aus, die in Gefängnissen und Lagern ums Leben kamen. Diese sind nicht in die Zählungen der Massendeportationen aufgenommen, die dann im Februar, April, Juni/Juli 1940 und im Juni 1941 vorgenommen wurden.

Die erste Massendeportation von polnischen Zivilisten wurde am 10. Februar 1940 durchgeführt. Von ihr betroffen waren Bahnarbeiter, Förster, Waldhüter und Waldarbeiter, mittlere und niedere Staatsbeamte und die Familien von Armeeangehörigen. Nach polnischen Schätzungen wurden ungefähr 250 000 Menschen, größtenteils ganze Familien, deportiert. Die Transportbedingungen waren außerordentlich schwer. Die Außentemperatur betrug -40 Grad Celsius. Die Leute wurden nachts überrascht und hatten wenig Zeit, ihre Häuser zu verlassen. Der gesamte Besitz verblieb an Ort und Stelle. Die Transportwaggons, die nicht für die Beförderung von Menschen bestimmt waren, vergrößerten das Leid. Abhängig vom Zielort dauerte die Fahrt zwischen drei Wochen und anderthalb Monaten. Einige Transporte überquerten die Grenze zwischen Europa und Asien, nach Sibirien, wo sich die klimatischen Bedingungen noch verschlechterten. In den ungeheizten Waggons litten die Menschen an verschiedenen Krankheiten, die Sterblichkeit war hoch, es quälten sie Hunger und andere Entbehrungen. Die Deportierten wurden im Zuflußgebiet der Nördlichen Düna, bei Archangelsk, in der Komi-Republik im Norden der Sowjet- union, in Westsibirien, bei Krasnojarsk und in Jakutien untergebracht. Ein Bild von der Art der Verschickungen geben uns die zahlreichen Berichte von Überlebenden. Hier ein solches Bild aus den Erinnerungen einer deportierten Person:

"Nachts hörte ich, wie jemand heftig gegen die Tür hämmerte. Der Hund, der den Hof bewachte, bellte laut. Als Vater auf den Hof trat, wurde er von drei Soldaten mit gespanntem Karabiner umstellt. Man führte ihn in die Scheune, wo einer der Soldaten ihn bewachte. Die anderen beiden gingen in unsere Wohnung und befahlen uns, uns anzuziehen, weil wir in eine andere Ortschaft umsiedeln müßten. Wir hatten eine Stunde, um die wichtigsten Sachen zusammenzupacken. Auf dem Hof war es sehr kalt. Mutter nahm ein paar warme Sachen und etwas Nahrung mit. Während dessen spannte Vater das Pferd vor den Wagen, auf den wir unsere Besitztümer luden. Der Rest blieb da. So fuhren wir nachts zur Eisenbahnstation, die fast fünf Kilometer vom Dorf entfernt war. Vor und hinter uns fuhren andere Gespanne. Auf dem Bahnhof waren schon viele Leute aus unserem Dorf und den Nach-bardörfern. Weinen von Kindern und Schreien von Frauen mischten sich mit den Befehlen von Soldaten - "bystrej" [schneller]. Wir wurden in einen Güterwaggon gepfercht, in dem zum Schlafen einige Pritschen übereinander angebracht waren. In der Mitte standen ein kleiner Ofen und ein kleiner Haufen Kohle. Die reichte für zwei Tage. Später wurde nicht mehr geheizt, und so fuhren wir fast einen Monat". (Zofia Kobazińska, 75 Jahre)

Die zweite Deportationswelle fand vom 13. bis zum 15. April 1940 statt. Nun deportierte man Fabrikbesitzer, Bankbeamte, politisch und gesellschaftlich Aktive, die Familien von Staatsbeamten, Polizisten und Armee- angehörigen sowie die Familien von bereits Inhaftierten, die größtenteils in der Haft ermordet worden waren. Nach polnischen Quellen wurden ungefähr 300 000 Personen vor allem nach Kasachstan und nach Zentral- und Ostsibirien deportiert. Einer der Überlebenden erinnert sich an die Fahrt ins Ungewisse folgendermaßen:

"Ich war damals 15 Jahre alt und erinnere mich gut daran, wie wir festgenommen wurden. Es war in der Nacht. Es kamen Soldaten und ein Zivilist, ein Ukrainer aus unserem Dorf. Sie überprüften uns und befahlen uns, uns schnell anzuziehen, denn das Fuhrwerk warte vor dem Haus. Wir luden die wichtigsten Sachen darauf - Kleidung und Lebensmittel. Die Soldaten bewachten uns auf dem ganzen Weg zum Bahnhof. In den Viehwaggons waren schon viele Leute. In unserem zählte ich 45. Sie lagen auf dem Boden und auf den oberen Brettern. Als Abort diente ein Loch im Boden, das durch ein Stück Stoff verdeckt wurde. Die Fenster waren vergittert und mit Brettern verschlagen. Unser Echelon zählte 35 Waggons, und wir fuhren einen Monat, bevor wir in Kasachstan ankamen. Ein paar Leute waren während der Fahrt gestorben, und wenn der Zug anhielt, wurden die Leichname herausgetragen und neben die Gleise gelegt". (Stanisław Majewski, 70 Jahre).

Ähnliche Berichte gibt es viel, viel mehr, hunderte, tausende, und jeder davon wiederholt immer wieder die gleichen Bilder von Menschen, die nachts aus den Betten gerissen wurden und ins Ungewisse fuhren, und gibt so Auskunft über ihre komplizierte psychologische und soziologische Situation. Zwar wissen wir nichts Genaues über die Sterblichkeitsrate während des Transports, doch legen die Berichte den Schluß nahe, daß der Tod ein ständiger Begleiter war. Verursacht wurde er durch die psychische Anspannung - den Verlust der Heimat, die fehlende Hoffnung, nach Hause zurückkehren zu dürfen, die Sehnsucht nach denen, die die Deportation hatten umgehen können usw. So war das bei allen Deportationen, einzig, daß sich je nach den klimatischen Bedingungen die Gefahr vergrößerte, krank zu werden, wobei die Deportation vom Februar 1940 mit fast 40¡ Frost als eine der schwersten Transportaktionen anzusehen ist.

Der dritte Abtransport fand Ende Juni/Anfang Juli des Jahres 1940 statt. Er umfaßte viele Polen, die aus dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebiet geflohen waren, aber auch große Teile der Bevölkerung, die an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie vom 4. Oktober 1939 lebten. Nach Schätzungen wurden 300-400 000 Zivilisten deportiert, darunter auch zahlreiche Juden. Die Transporte wurden diesmal ins Krasnojarsker Gebiet, ins Altai-Gebiet in Sibirien, nach Archangelsk, in die Komi-Republik sowie in die Mordwinische, Tschuwaschische, Baschkirische sowie die Mari-Republik gelenkt.

Die vierte Massendeportation fand schließlich am Vorabend des Deutsch-Sowjetischen Kriegs im Juli 1941 statt. Überlebende erinnern sich daran, daß die Eisenbahntransporte nicht selten unter Beschuß deutscher Bomber standen und häufig nicht ihr Ziel erreichten, sondern von deutschen Truppen bei ihrem Einmarsch in die 1939 von der UdSSR besetzten Gebiete eingeholt und aufgelöst wurden. So beschreibt ein damals Deportierter diese Lage:

"Die [deutschen, A. K.] Flugzeuge griffen die Station aus geringer Höhe an. Das Heulen von Motoren, das Pfeifen fallender Bomben, explodierende Geschosse - alles das war unerträglich. Nachdem die Flugzeuge weggeflogen waren, zeigte es sich, daß 40 Leute während des Angriffs geflohen waren. Wenn immer seit dieser Zeit deutsche Fluzeuge über unserem Transport auftauchten, winkten wir mit Schirmen, auf die wir Nickelkreuze und Bettücher geheftet hatten, um zu zeigen, daß wir kein Truppentransport sind. Infolge der Flucht wurden die Waggons vollständig verschlossen, so daß wir in der schwülen Luft kaum noch atmen konnten. Wir erhielten nur unregelmäßig Nahrung, vor allem Fisch (roh, getrocknet und gepökelt), Brot in bescheidenen Mengen und kipjatok (heißes Wasser)". (Kazimierz Odyniec, 67 Jahre)

Nicht alle Deportationstransporte kamen an ihrem Bestimmungsort an. Einige bombardierte Transporte blieben unterwegs stecken, was sicherlich etlichen Deportierten das Leben rettete. Insgesamt wurden nach Schätzungen 280 000 bis 300 000 Zivilisten verschleppt - Intelligenzler, Handwerker, Kaufleute, Bahnangestellte, qualifizierte Arbeiter und Flüchtlinge aus den vom Dritten Reich besetzten Gebieten. Sie wurden in Zentral-, Ost- und Nordsibirien unter Bedingungen untergebracht, die ein Hohn auf alle Grundsätze der Hygiene und des elementaren materiellen Daseins waren.

Die Gesamtheit der deportierten Zivilbevölkerung bewegte sich in der Größenordnung von 1,2 Millionen Personen, davon 200 000 Kinder, unter denen eine hohe Sterblichkeit herrschte, und niemand kann heute sagen, wie viele von ihnen umgekommen sind. Bekannt ist dagegen, daß die Deportationsaktionen das ganze von der Sowjetunion 1939 besetzte Gebiet umfaßten. In der erwähnten geschätzten Gesamtzahl der Ausgesiedelten von über 1,2 Millionen - es gibt auch niedrigere Schätzungen - kamen mehr als 40% aus den bisherigen Wojewodschaften Lemberg, Stanislau und Tarnopol, später aus den Gebieten um Bialystok, Wilna, Grodno, aus Podlesien und Wolhynien.

Die Verschleppten wurden in drei Kategorien unterteilt: Zur ersten Kategorie gehörten Häftlinge und Zwangsangesiedelte. Sie wurden in "Arbeitsbesserungslager" im gesamten Gebiet des riesigen sowjetischen "Gulag" gelenkt. Man schätzt, daß die durch Sondergerichte Verurteilten in ungefähr 2 500 Lager gebracht wurden. Dort arbeiteten sie nach einem kräftezehrenden Akkordsystem mehr als zehn Stunden täglich unter harten klimatischen Bedingungen und bei schlechter Ernährung. Sie förderten Gold, Kohle, Erze, Erdöl, bauten Kanäle, rodeten Wälder und arbeiteten in der Holzindustrie. Nur wenige überlebten.

Die zweite Kategorie bildeten die "Sonderumsiedler", die in abseits gelegenen Gebieten in Siedlungen unter Sonderaufsicht der Sicherheitsbehörden untergebracht wurden. Polen wurden vermutlich in 3 000 dieser Sondersiedlungen angesiedelt, in denen Arbeit, Bewachung und Disziplin dem Lagersystem ähnelten. Diese Ortschaften befanden sich im Archangelsker Gebiet, in Sibirien und in Kasachstan. Die Angesiedelten arbeiteten z.B. in der Holzindustrie, in Bergwerken, Ziegeleien, Fabriken, bei Erdarbeiten usw. Sie wurden für ihre Arbeit mit Lebensmittelrationen bezahlt und erhielten zumeist 300 bis 400 g Brot pro Tag und manchmal eine wäßrige Suppe. Das Prinzip "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" wurde allgemein angewandt. Viele Deportierte dieser Kategorie starben an Entkräftung, Krankheit und aufgrund des schlechten Klimas.

Lebensmittelkarte
Lebensmittelkarte

Zur dritten Gruppe, der die meisten Zivilisten angehörten, gehörten die sogenannten "freien Verbannten", die in abgelegene Gebiete der UdSSR, zumeist nach Sibirien und nach Mittelasien, verschickt wurden. Freilich war ihr Schicksal nicht einfach, auch wenn sie nach sowjetischer Terminologie "Freie" waren. Sie unterlagen an ihrem neuen Wohnsitz zwar keinerlei Repressionen, doch man kümmerte sich gleichfalls nicht um eine Wohnung, um Arbeit oder Lebensmittel. Auf sich allein gestellt, suchten sie Arbeit in Kolchosen, Sowchosen sowie in landwirtschaftlichen und holzverarbeitenden Betrieben. Diejenigen, die keine solche Arbeit fanden, verhungerten. Eine Frau, die nach Kasachstan verschickt wurde, erinnert sich:

"Meine Mutter suchte viele Tage Arbeit. Nachdem man uns auf einem Bahnhof in Nordkasachstan ausgeladen hatte, kamen die Leiter der nahen Kolchosen und suchten Leute für die Arbeit. Wer schwach oder alt war, oder mit Kindern belastet, hatte keine Chance, in einer Kolchose aufgenommen zu werden. Nachdem wir einige Tage gewartet hatten, daß uns jemand anstellt, beschloß meine Mutter, selbst in eine nahe Kolchose zu fahren. Sie kam zurück, und wir fuhren zu unserem neuen Wohnsitz. In der Kolchose arbeitete fast nur Kasachen. Wir wohnten in einer Lehmhütte, einem sog. Ssaman, wo uns die Einheimischen eine Stube gaben. Für Kleidung, bunte Tücher, erhielt meine Mutter ein paar Lebensmittel, Milch und Weizenkörner. Daraus machte sie Grütze, und das war unsere erste warme Mahlzeit seit etlichen Wochen. Meine Mutter arbeitete in der Kolchose, und wir Kinder hatten die Aufgabe, Kühe und Schafe zu hüten. Wir stellten auch kiziak her, Briketts aus Mist, mit denen wir im Winter den Ofen heizten". (Janina Trembicka, 72 Jahre)

Die Lebensbedingungen aller Deportierten waren hart: Sie litten Hunger; Krankheiten waren allgegenwärtig; das Arbeitssystem, die administrativ-polizeiliche Aufsicht setzte ihnen zu; es fehlte an hygienischen Mitteln; ständig war man der Gefahr ausgesetzt, inhaftiert oder ins Lager oder Gefängnis geschickt zu werden. Kinder, deren Eltern starben, wurden in Waisenhäuser gebracht, wo sie sich manchmal assimilierten. Einige von ihnen kehrten nach Jahren der Haft nach Polen zurück, doch die meisten blieben in der UdSSR, ohne sich ihrer polnischen Wurzeln bewußt zu sein.

Nach Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges im Juli 1941 wurde zwischen der UdSSR und der polnischen Exilregierung der sogenannte Sikorski-Majskij-Pakt geschlossen, auf dessen Grundlage in der Sowjetunion die Polnische Armee aufgebaut wurde. Aufgrund eines Amnestiedekrets wurden Tausende von Polen aus Lagern und Gefängnissen entlassen. Ein Teil derer, aus denen sich die Polnische Armee unter General Władysław Anders formierte, hatte Lagererfahrungen aus Kolyma, Workuta und Karaganda. Andere rekrutierten sich aus den sogenannten "freien Verbannten". Durch die Amnestiebeschlüsse siedelten Tausende von Polen aus dem Norden in den Süden um, wo die sowjetische Regierung besondere Regionen zur Formierung der Polnischen Armee bestimmt hatte. Trotz des Abkommens hielt die UdSSR allerdings nicht die Bedingungen ein, die die freie Bildung eines polnischen Heeres in der Sowjetunion gewährleisten konnten. Daher beschlossen die polnischen Behörden, die Polnische Armee in den Nahen Osten zu evakuieren. Mit ihr flohen gleichzeitig 30 000 Zivilisten. Daraufhin löste die UdSSR einseitig den Sikorski-Majskij-Vertrag auf.

Die anderen polnischen Deportierten in der Sowjet-union mußten neue Schikanen über sich ergehen lassen. Ihnen gegenüber wurde die sogenannte kollektive Verantwortung angewendet. Die Amnestie wurde zurückgezogen, eine neue Verhaftungswelle setzte ein, die behördlichen Restriktionen verschärften sich. Man versuchte, Polen zur Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft zu zwingen. Mit der Zeit milderte aber auch die Sowjetunion ihre harte Gangart gegenüber den Deportierten. 1943 bis 1945 formierte sich in der Sowjetunion die polnische Division Tadeusz Kościuszko und dann die polnische Armee unter General Zygmunt Berling. Es bildete sich der Bund polnischer Patrioten (Związek Patriotów Polskich), der nicht nur politisch auf die polnischen Deportierten einwirkte, sondern sich auch um ihre Versorgung mit Grundgütern kümmerte. Auf die Initiative des Bundes hin konnten einige der Deportierten aus den Jahren 1940/41 in die Ukraine umsiedeln, wo die Lebensbedingungen wesentlich günstiger waren.

Erst nach Abschluß der polnisch-sowjetischen Verträge von 1946 konnten die 1940/41 ins Innere der UdSSR Deportierten nach Polen zurückkehren. Hierbei war ihnen freilich ihre Heimat versperrt. Der "Wind von Jalta und Potsdam" trieb sie in bis dahin völlig unbekannte Regionen, in die sogenannten "wiedergewonnenen Gebiete". Hier begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. Sie wurden Zeugen, wie die deutsche Bevölkerung ausgewiesen wurde und fühlten häufig herzlich mit ihr - waren sie doch selbst einmal nachts von der Roten Armee aus ihren Häusern gerissen worden, und hatten sie doch selbst in den kasachischen Steppen und in der sibirischen Taiga und Tundra ein menschenunwürdiges Leben geführt. Aber das wäre schon ein völlig neues Thema ...

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