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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X

Wiesław Lesiuk, Oppeln

Schlesien: Definitionen, Begriffe, Mißverständnisse

Schlesien - was ist das? Diese Frage ist nur scheinbar rhetorisch. Denn es gibt darauf keine direkte Antwort in Form einer allgemeinen Definition, die kurz und bündig und gleichzeitig präzise Schlesien begrifflich festlegen würde. Berücksichtigen müßte eine solche Definition Schlesien als geographische Landschaft und historisch-geographische Makroregion aus der Sicht unterschiedlicher wissenschaftlicher Bereiche und Disziplinen unter gleichzeitiger Berücksichtigung des territorialen Wandels dieser Region im Rahmen unterschiedlicher staatlicher Organisationen und deren räumlich-administrativer Strukturen im Lauf der letzten tausend Jahre.

Stadtansicht von Breslau 1672

Stadtansicht von Breslau 1672

Diese Schwierigkeit ist objektiv gegeben, sie tritt infolgedessen nicht nur im polnischen Schrifttum zutage, sondern gleichermaßen in der deutschen und tschechischen Sachliteratur - sei es in Geographie, Geschichte oder Landeskunde. Der semantische Umfang des Begriffes Schlesien unterlag nämlich im Zeitablauf Veränderungen, sobald zum Gebiet dieser Makroregion vorübergehend oder für immer einzelne Teile der benachbarten Länder und Landschaften hinzukamen - von Kleinpolen und Großpolen (im ethnisch polnischen Bereich), von Mähren (im tschechischen Raum) und der Lausitz (im Ethnikum der Sorben, dieses kleinsten slawischen Volkes ohne eigene Staatlichkeit). Und gerade die Berührungsfläche zwischen Schlesien, Großpolen und der Lausitz stellte zugleich im weiteren Sinne die Grenzzone zu Brandenburg dar.

Es ist ausgesprochen zweifelhaft, ob ein durchschnittlich gebildeter Pole, Deutscher oder Tscheche sich darüber im klaren ist, daß beispielsweise Beuthen kleinpolnischer Herkunft ist, wo es doch im allgemeinen Bewußtsein seit langem ein Synonym für eine oberschlesische Schwerindustriestadt darstellt. Und die wirtschaftlichen Prozesse, die nach 1945 den größten Teil der Schwerindustrieagglomeration des Oberschlesischen Industriegebiets und des Dombrowa-Beckens in die Schlesisch-Dombrowaer und später die Kattowitzer Wojewodschaft integrierten, bewirken bis heute in den anderen Regionen Polens sogar bei vielen gebildeten Polen eine Begriffsverwirrung, die z.B. Sosnowitz und Dąbrowa Górnicza gedanklich mit Oberschlesien verbindet, obwohl eine solche Assoziation falsch und unhistorisch ist.

Wenn wir unsere Frage beantworten wollen, müssen wir daher auf eine bestimmte Weise vorgehen. Und zwar scheint es notwendig zu sein, von einer - größtmöglich vereinfachten - geographisch-physischen Abgrenzung und einer knappen geographisch-historischen Bestimmung der mittelalterlichen Ausdehnung Schlesiens auszugehen. Das kann nämlich die Bezugsgrundlage bilden für viele andere Bezeichnungen, die die Änderungen der politischen Grenzen Schlesiens und seine administrative Gliederung in späteren Perioden wiedergeben, für landeskundliche, physiographische, politische oder einfach literarisch-publizistische Bezeichnungen, die an besondere Kennzeichen der Makroregion oder ihrer Subregionen anknüpfen und von da aus zu den sozio-ökonomischen (Industrialisierung und Urbanisierung), politisch-staatlichen und ethnisch-volkstumsmäßigen Wandlungen gelangen.

Nehmen wir also vereinfacht an, jenseits enzyklopädischer Definitionen, daß im geographischen Sinn unter Schlesien in seinen frühen historischen Grenzen die Landschaft im Bereich der Wasserscheiden der Oder zu verstehen ist oder, genauer gesagt, im Einzugsgebiet der oberen und teilweise der unteren Oder. Das mittelalterliche Schlesien war nämlich von den historischen Grenzen umschlossen, die entlang der Oder und der Lausitzer Neiße flußaufwärts zu den Sudeten verliefen, von diesen weiter über das Altvatergebirge und die Mährische Pforte, von dort nach Osten, die Przemsza entlang bis Woischnik, weiter nach Nordwesten, die Lisswarthe entlang zur Bartsch, am Nordrand ihres Urstromtals bis Guhrau, weiter nach Fraustadt und Schwiebus und schließlich nach Südwesten bis zur Mündung der Lausitzer Neiße in die Oder.

Diese Bestimmung der Grenzen Schlesiens ist im übrigen auch fiktiv, man muß ja bedenken, daß sein Gebiet auch im Mittelalter Veränderungen unterlag. Im 13. Jahrhundert wurde der Begriff Schlesien übrigens eingeengt gebraucht, indem das Gebiet östlich der schlesischen Schneise ausgeschlossen wurde, d.h. der natürlichen und künstlichen Festungssperren im Zuge der Urwälder, die Nieder- und Mittelschlesien - im heutigen Verständnis - vom Fürstentum Oppeln trennten, das der Kern des sich später herausbildenden Oberschlesien war. Das Fürstentum Teschen (Teschener Schlesien) wurde schon ab dem 12. Jahrhundert als Bestandteil Schlesiens anerkannt (obwohl seine Herzöge ihr Land bis zum 14. Jahrhundert nicht als schlesisches, sondern als polnisches Fürstentum bezeichneten) und das Troppau-Jägerndorfer Schlesien eigentlich erst seit dem 16. Jahrhundert. Ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts operieren die schriftlichen Quellen wiederum mit einem breiten Verständnis von Schlesien im räumlichen Sinn, zudem in Begriffen, die gleichzeitig seine Zweiteiligkeit und deren Verbundenheit bezeichnen.

Diese Bezeichnungen - die ebenso für Kanzleizwecke wie im öffentlichen Leben benutzt wurden - behaupteten sich beinahe bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, d.h. bis zu den Schlesischen Kriegen. Die Bezeichnung des "verbundenen Schlesien", durch den Terminus beider Schlesien (utraque Silesiae) ausgedrückt, faßte zu jener Zeit zwei untergeordnete Begriffe zusammen, indem er Oberschlesien (Silesia superior) Niederschlesien (Silesia inferior) gegenüberstellte. Mit völliger Sicherheit ist dies auch in geographisch-historischem Sinn die grundlegendste und schlüssigste Unterteilung, und die erwähnten Begriffe Oberschlesien und Niederschlesien bilden die wichtigste Kategorie in dem reichen Schatz von Namen, Termini und Bezeichnungen Schlesiens, die diese Makroregion von unterschiedlichen Gesichtspunkten aus definieren. Sie entstanden, änderten ihren Bedeutungsumfang und verschwanden - in engem Zusammenhang mit der politischen und sozio-ökonomischen Geschichte des Landes. Sie stellten sich dar als Transportmittel historischer, politischer und geographisch-landeskundlicher Inhalte, festigten in onomatologischen Formen die Folgen gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse und gingen für immer in die Schatzkammer der Geschichte Schlesiens ein.

Die Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schlesiens ist außerordentlich kompliziert, nicht nur in der Dimension der Regionalgeschichte, sondern vor allem als Bruchstück der Geschichte Polens, Preußens (Deutschlands) und Böhmens (der Tschechoslowakei, Tschechiens) und der wechselseitigen Beziehungen zwischen diesen Ländern - somit als wichtiges Element der allgemeinen Geschichte Ostmitteleuropas. Eben der oft dramatische Verlauf dieser Geschichte schuf zahlreiche Bezeichnungen, Namen und Termini für Schlesien und seine einzelnen Teile. Um sie leichter in Zeit und Raum zu beurteilen, müssen wir, wenn auch in aller Kürze, die politische Geschichte Schlesiens vom frühen Mittelalter bis zu den uns nächsten Zeiten skizzieren.

Vom Ende des 10. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts verblieb Schlesien in organischer Verbindung mit der polnischen Piastenmonarchie. Nachdem Kasimir d.Gr. 1335 auf seine Oberherrschaft über Schlesien zugunsten der Luxemburger verzichtet hatte, war dieses Land fast zweihundert Jahre politisch vom böhmischen Staat abhängig und befand sich danach seit 1526 unter der Herrschaft der Habsburger. Mitte des 18. Jahrhunderts, als Ergebnis der Schlesischen Kriege zwischen Österreich und Preußen, wurde fast ganz Schlesien dem preußischen Staat angegliedert und lag bis 1945 innerhalb der Grenzen des späteren Deutschen Reiches - mit Ausnahme des östlichen Teils von Oberschlesien, der infolge einer Volksabstimmung 1921 bis 1939 in dem nach den Teilungen wiederentstandenen Polen - der Zweiten Republik - die autonome Schlesische Wojewodschaft bildete, die auch einen Teil des Teschener Schlesiens umfaßte. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag fast ganz Schlesien erneut innerhalb Polens. Teile der Gebiete, die zu verschiedenen Zeiten zu Schlesien gehörten, liegen jedoch auch in Deutschland und Tschechien. In jedem dieser Länder war Schlesien Grenzland. Auch jetzt bildet die historische schlesische Region real und (im Hinblick auf die durch Jahrhunderte gefestigten Grundzüge der Bevölkerung in ihren autochthonen Schwerpunkten) in bedeutendem Maß auch soziohistorisch ein Grenzland an der Berührungsfläche von Polen, Deutschland und Tschechien. Schlesien ist mithin unter vielen Gesichtspunkten in jenem Teil Europas eine besondere Makroregion, geradezu ein Ausnahmefall, was keines Beweises bedarf.

Um uns dem grundlegenden Ziel der vorliegenden Skizze zuzuwenden, d.h. der Zusammenstellung und Erläuterung der sich auf Schlesien beziehenden Begriffe, Namen und Bezeichnungen, so ist zunächst zu sagen, daß man diese in zahlreichen polnischen, deutschen und tschechischen wissenschaftlichen Arbeiten wie auch in historisch-geographischen Wörterbüchern finden kann. Selten jedoch sind Publikationen, die unseren Bedürfnissen zur Gänze genügen könnten - im Hinblick auf den inhaltlich problematischen Bereich, aber auch und besonders auf die Art der populären Darstellung und den Verständlichkeitsgrad. Im polnischen Schrifttum besitzt alle diese Vorzüge eine Wörterbuchausarbeitung von Stanisław Ziemba von vor dreißig Jahren unter dem Titel Sląsk w nazwach dawnych i obecnych (Schlesien in alten und neuen Namen). Trotz geringfügiger Fehler und Ungenauigkeiten kann sie bis heute als ausgezeichneter Führer durch die Kompliziertheit des Schlesien betreffenden geographisch-historischen und historisch-administrativen Namengutes dienen. Sie hätte voll und ganz eine deutsche und tschechische Übersetzung verdient, denn im deutsch- und tschechischsprachigen Schrifttum gibt es keine vergleichbaren Bearbeitungen. Die Auswertung, wenn auch nur teilweise, dieser sehr instruktiven terminologischen Zusammenstellung und die Anpassung, in gekürzter Form, einiger darin enthaltener Definitionen und Beschreibungen sind daher für die Erfordernisse unserer Skizze vollkommen zweckdienlich und erlauben außerdem, diese wertvolle populärwissenschaftliche Publikation in Erinnerung zu bringen, die auch Verweise und bibliographische Angaben für diejenigen bereithält, die ihre Kenntnis des Gegenstands vertiefen wollen.

Unsere grundlegende namenkundliche Zusammenstellung muß von den beiden Schlüsselbegriffen ausgehen, die gleichzeitig die ältesten sind. NIEDERSCHLESIEN - im geographischen Sinn - umfaßt in Süd-Nord-Richtung das Gebiet zwischen den Sudeten und dem jetzigen Großpolen und in West-Ost-Richtung das Gebiet zwischen Lausitzer Neiße und Glatzer Neiße sowie der unteren Stober. Im alltäglichen Sprachgebrauch wurde mit diesem Ausdruck einst das Gebiet bezeichnet, das sich im Streifen entlang dem Oderlauf ab Breslau erstreckte; später umfaßte er dazu auch das Gebiet von Brieg bis Breslau. Im Rahmen des preußischen Staates wurde der Begriff Niederschlesien mit der administrativen Gliederung verbunden. Als 1815 die PROVINZ SCHLESIEN gebildet wurde (als eine von zehn derartigen Einheiten in Preußen), wurde sie anfangs in vier Regierungsbezirke unterteilt: Oppeln, Breslau, Reichenbach und Liegnitz. Einzig der letzte davon wurde damals mit dem Ausdruck Niederschlesien identifiziert. Der Regierungsbezirk Reichenbach wurde 1820 abgeschafft und sein Gebiet unter den Regierungsbezirken Breslau und Liegnitz aufgeteilt. In der Periode der preußischen Verwaltungsreform erfolgten auch räumliche Änderungen in Niederschlesien. 1816 wurden aus dem Regierungsbezirk Liegnitz der Kreis Schwiebus und ein Teil des Kreises Sagan ausgegliedert und der Provinz Brandenburg angeschlossen. In der Folge wurde der Regierungsbezirk Liegnitz 1816 (und damit zugleich Niederschlesien in politisch-administrativem Sinne) um drei Oberlausitzer Kreise vergrößert: Lauban, Görlitz und Rothenburg, sowie um einen Teil des Kreises Zittau und 1824 um den sich anschließenden Oberlausitzer Kreis Hoyerswerda. Von den 1815 auf dem Wiener Kongreß von Preußen (zuungunsten Sachsens) gewonnenen Lausitzer Gebieten wurden der Rest der Oberlausitz und die Niederlausitz an Brandenburg angeschlossen. Nach dem Ersten Weltkrieg, im Zusammenhang mit der Umstrukturierung der Provinz Schlesien und den deutschen territorialen Verlusten in Großpolen (fast die ganze Provinz Posen), kam der Begriff Niederschlesien zu einer Bedeutungserweiterung. Die Regierungsbezirke Liegnitz und Breslau bildeten nämlich seit 1919 die PROVINZ NIEDERSCHLESIEN, in deren Grenzen auch der kleine Rest des posenschen/großpolnischen Kreises Fraustadt eingeschlossen wurde. Von diesem Zeitpunkt an umfaßte die Bezeichnung Niederschlesien den überwiegenden Teil Schlesiens, einen Teil der Oberlausitz und einen Streifen von Posen/Großpolen. Nach 1945 befand sich der größte Teil dieser Gebiete innerhalb Polens, in den Wojewodschaften Breslau und, teilweise, Posen.

Es folgten gewisse territoriale Veränderungen im Lausitzer Raum, weil Polen von dessen bisherigem Gebiet im Regierungsbezirk Liegnitz nur den Oberlausitzer Kreis Lauban und Teile der Kreise Görlitz und Zittau bekam und darüber hinaus den bis dahin zur Provinz Brandenburg gehörenden Niederlausitzer Kreis Sorau. Alle diese Gebiete wurden später neu eingeteilt. Als 1950 die Wojewodschaft Oppeln gebildet wurde, wurden ihr auch zwei historisch niederschlesische Kreise aus dem vorherigen Regierungsbezirk Breslau angeschlossen - Brieg und Namslau. Die im selben Jahr entstandene Wojewodschaft Grünberg umfaßte die niederschlesischen Gebiete der Wojewodschaft Posen und einen bedeutenden Teil der bisherigen Wojewodschaft Breslau. Die letzte Reform der Verwaltungsgliederung Polens 1975 hatte zur Folge, daß sich die genannten niederschlesischen Gebiete in den Wojewodschaften Grünberg, Liegnitz, Hirschberg, Waldenburg, Breslau und Oppeln befinden.

OBERSCHLESIEN im geographischen Sinn umfaßt dagegen den östlichen und südlichen Teil Schlesiens, der im Einzugsgebiet der oberen Oder und des ersten Abschnitts der oberen Weichsel liegt. Auch dieser Begriff ist mehrdeutig, und sein semantischer Umfang unterlag zahlreichen Änderungen. In geographisch-historischem Sinne wurde Oberschlesien ebensooft einschränkend verstanden als z.B. echtes oder Bergbau-Oberschlesien wie auch erweiternd, indem er alle östlichen und südlichen schlesischen Gebiete umfaßte, einschließlich des Teschener und Troppauer Schlesien. Es lohnt, sich in Erinnerung zu rufen, daß nach den Schlesischen Kriegen eine gewisse Zeit lang in Preußen die Bezeichnung Oberschlesien ausschließlich zur Bestimmung des Teils von Schlesien benutzt wurde, der bei der Habsburger Monarchie verblieben war, d.h. eben für das Teschener und das Troppauer Schlesien. Hier ist auch die passende Gelegenheit, sich die Bezeichnung NEUSCHLESIEN ins Gedächtnis zu rufen, mit der in den Jahren 1794 bis 1807 in Preußen das von diesem bei der Dritten Polnischen Teilung an sich gerissene Fürstentum Siewierz bezeichnet wurde (es umfaßte u.a. einen Teil des heutigen Gebietes des Dombrowaer Beckens), das dicht an Oberschlesien grenzte und Schlesien angeschlossen wurde. Dieses Gebiet löste sich von Preußen 1807 auf der Grundlage des Tilsiter Vertrages und kam zum Fürstentum Warschau und später zu Kongreßpolen (russisches Teilungsgebiet). Die Bildung des REGIERUNGSBEZIRKS OPPELN 1816 (dem etappenweise die Kreise Neisse, Grottkau und Kreuzburg angegliedert wurden) setzte den Ausdruck Oberschlesien für immer gerade mit dieser administrativen Einheit gleich. Für eine kurze Zeit wurde sie sogar als REGIERUNGSBEZIRK OBERSCHLESIEN bezeichnet. 1919 wurde die PROVINZ OBERSCHLESIEN gebildet, sie bestand jedoch nur aus dem Regierungsbezirk Oppeln, infolgedessen muß man eher von der Erhöhung seines Status in den Rang einer Provinz reden. Der größere Teil seines Gebietes bildete zusammen mit geringen Teilen des Regierungsbezirks Breslau 1920-1922 das oberschlesische Abstimmungsgebiet, das 1922 zwischen Deutschland und Polen aufgeteilt wurde. Ohne Volksabstimmung fiel der südliche Teil des Kreises Ratibor der Tschechoslowakei zu, der als HULTSCHINER LÄNDCHEN oder, seltener, HULTSCHINER SCHLESIEN bezeichnet wurde. In der Tschechoslowakei bildete er einen Kreis im damaligen Bezirk Troppau-Mährisch Ostrau.

Die im Teschener Schlesien geplante Volksabstimmung fand nicht statt, und dieses Gebiet wurde, ohne daß die Meinung der Bevölkerung eingeholt worden wäre, zwischen Polen und der Tschechoslowakei geteilt. Aus den von Polen im Teschener Schlesien und im "eigentlichen" Oberschlesien gewonnenen Gebieten wurde 1922 die autonome Schlesische Wojewodschaft mit der Hauptstadt Kattowitz gebildet. Die Bevölkerung der verkleinerten Provinz Oberschlesien (d.h. des Regierungsbezirks Oppeln) äußerte bei dem Volksentscheid 1922 ihren Willen nicht dahingehend, diese staatliche Einheit von Preußen zu lösen und innerhalb des Deutschen Reiches ein separates Land Oberschlesien zu schaffen.

Nach der Annektion der Schlesischen Wojewodschaft durch das Dritte Reich 1939 wurde aus deren Gebiet der REGIERUNGSBEZIRK KATTOWITZ gebildet, der zusammen mit dem Regierungsbezirk Oppeln (unter Wegnahme seines Provinzstatus) in die Provinz Schlesien mit der Hauptstadt Breslau eingegliedert wurde. Kurz darauf wurde die nächste Einteilung durchgeführt, bei der die PROVINZ OBERSCHLESIEN erneut geschaffen wurde, jedoch mit der Hauptstadt Kattowitz (die Regierungsbezirke Kattowitz und Oppeln), und die PROVINZ NIEDERSCHLESIEN mit der Hauptstadt Breslau (die Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz). Diese Einteilung bestand bis 1945. In diesem Zeitraum gehörten nicht zum Regierungsbezirk Oppeln die Kreise Beuthen, Gleiwitz und Zabrze/Hindenburg (Regierungsbezirk Kattowitz). Er umfaßte dagegen den Kreis Lublinitz und einen kleinen Teil des Kreises Rybnik (die 1922-1939 Teile der polnischen Wojewodschaft Schlesien waren) und ebenfalls ein beträchtliches Gebiet, das bis 1918 innerhalb Kongreßpolens lag. Die Provinz Oberschlesien umschloß daher in der Zeit des Dritten Reiches außer dem Teschener-Oberschlesischen Kerngebiet auch einen Teil der Vorkriegswojewodschaften Krakau und Kielce.

Nach dem Kriege befand sich das oberschlesische Gebiet anfangs innerhalb der Schlesisch-Dombrowaer Wojewodschaft (darunter auch das Teschener Schlesien und das Dombrowaer Becken). Ein beträchtlicher Teil des Regierungsbezirks Oppeln in seiner Form von 1922-1939 (ohne die höchstindustrialisierten Kreise, dafür aber mit zwei niederschlesischen Kreisen) kam in den Bereich der Wojewodschaft Oppeln in ihren Grenzen 1950 bis 1975. Nach der letzten Reform der administrativen Gliederung wurden die früheren Kreise Ratibor (an die neue Wojewodschaft Kattowitz) und Rosenberg (an die Wojewodschaft Tschenstochau) herausgelöst. Die auf dem historischen Territorium des Teschener Schlesien gelegenen früheren Kreise wurden in der Folge der Wojewodschaft Bielitz angeschlossen. So befindet sich also gegenwärtig das Gebiet von Oberschlesien im weiteren Sinne in seinem polnischen Teil innerhalb von vier Wojewodschaften: Kattowitz, Oppeln, Bielitz und Tschenstochau.

In der Zeit von 1816 bis 1919 wurde häufig die Bezeichnung MITTELSCHLESIEN oder ZENTRALSCHLESIEN benutzt, mit dem der Regierungsbezirk Breslau bezeichnet wurde, der den mittleren Raum unter den schlesischen Regierungsbezirken einnahm und Oberschlesien und Niederschlesien in ihrer damaligen engen Bedeutung voneinander trennte. Heute wird dieser Ausdruck nur selten gebraucht und wenn, dann eher in geographisch-landeskundlichen Beschreibungen.

Lebendig ist dagegen die Bezeichnung OPPELNER SCHLESIEN, 1922 in Polen in diese Formel gebracht als Bezeichnung des Teils des Regierungsbezirks Oppeln, der nach der Abstimmungsteilung 1922 innerhalb Deutschlands verblieben war. Diese Bezeichnung stellte eine Opposition dar gegen Versuche, den Begriff DEUTSCHES SCHLESIEN in Gebrauch zu bringen. Nach dem Krieg wurde sie im Lauf der Zeit mit der Wojewodschaft Oppeln gleichbedeutend, in der Publizistik auch, sprachlich nicht sonderlich gelungen, als OPOLCZYZNA bezeichnet. Dieser Ausdruck wird jedoch oft erweitert (historisch: zusammen mit den früheren, hochindustrialisierten Kreisen Beuthen, Gleiwitz und Zabrze/Hindenburg) oder eingeengt (administrativ: als Wojewodschaft Oppeln, und das eher in ihrer größeren Ausdehnung vor 1975) benutzt. Der Ausdruck Oppelner Schlesien bezeichnet heute ein Gebiet, das, im Raum des historischen Oberschlesien gelegen, infolge vielseitiger historischer Prozesse Merkmale einer Region erworben hat, die seine Eigenart und zahlreiche Unterschiede im Verhältnis zum hochindustrialisierten Ostteil Oberschlesiens nachweisen.

Einige Namen des historisch-politischen Typs bedürfen dagegen keiner allzu breiten Erklärung, denn sie erklären sich durchaus mit dem gesunden Menschenverstand. So eine Bezeichnung ist z.B. ÖSTERREICHISCHES SCHLESIEN, d.h. der südöstliche Teil Oberschlesiens, der nach den Schlesischen Kriegen innerhalb Österreichs verblieb. Dieser Ausdruck wurde vom Hubertusberger Frieden (1763) bis zum Ende des Ersten Weltkrieges verwendet. Er umfaßte das Teschener Schlesien (auch OSTSCHLESIEN genannt) und das Troppauer Schlesien (auch anders als WESTSCHLESIEN bezeichnet), die durch mährisches Gebiet voneinander getrennt waren. Der Teil des Teschener Schlesien, der nach dessen Teilung nach dem Ersten Weltkrieg Bestandteil der Tschechoslowakei wurde, wurde in der Folge oft als TSCHECHISCHES SCHLESIEN bezeichnet. In Polen wurde dieses Territorium in den Jahren 1938-1939 nicht sehr glücklich als Zaolsie ("Hinterolsien") bezeichnet, um den Ausdruck Tschechisches Schlesien für die Gebiete links der Olsa zu vermeiden, die sich Polen 1938 einverleibte. Dieser selbe Name wurde eine ganze Zeit früher von der Bevölkerung auf der linken Seite der Beskiden mit umgekehrter Bedeutung benutzt (d.h. zur Bezeichnung des rechtsseitigen Teils der schlesischen Beskiden, auf der polnischen Seite der Olsa), deshalb strengte man sich auf der polnischen Seite an, diese Bezeichnung durch den Namen SLASK ZAOLZANSKI (SCHLESIEN JENSEITS DER OLSA) zu ersetzen.

Von den Schlesischen Kriegen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war die Bezeichnung PREUSSISCHES SCHLESIEN in allgemeinem Gebrauch, die das von Preußen in seinem Erbfolgekrieg mit Österreich an sich gerissene schlesische Land kennzeichnete. Diesen Begriff trifft man auch heute an, jedoch ausschließlich in historischem Schrifttum.

Um hundert Jahre jünger war der Ausdruck POLNISCHES SCHLESIEN, Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt und in ethnographisch-historischer Bedeutung im polnischen Schrifttum bis in die ersten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg benutzt. Er wurde verwendet zur Bezeichnung derjenigen Teile Oberschlesiens, Mittelschlesiens und des Teschener Schlesien, in denen die ethnisch polnische Bevölkerung überwog. Nach der Teilung Oberschlesiens 1922 wurde dieser Ausdruck weiterhin gebraucht - nun jedoch vorwiegend in staatsrechtlicher Bedeutung - als gleichbedeutend mit dem oberschlesischen Teil der Wojewodschaft Schlesien.

Die bereits oben erwähnten Bezeichnungen OST-SCHLESIEN und WESTSCHLESIEN, die sich auf das österreichische Schlesien beziehen, traten auch mit völlig anderer Bedeutung auf. Die erste davon wurde 1922-1939 in Deutschland als euphemistisches Äquivalent des Ausdrucks POLNISCHES OBERSCHLESIEN, d.h. des oberschlesischen Teils der Wojewodschaft Schlesien, benutzt. Der Name OSTOBERSCHLESIEN wurde im Dritten Reich anfangs auch auf den 1939 geschaffenen Regierungsbezirk Kattowitz übertragen, der, wie oben erwähnt, auch Teile der Wojewodschaften Krakau und Kielce umfaßte. Es ist kennzeichnend, daß eine ähnliche Praxis in der Zwischenkriegszeit auf polnischer Seite nicht angewandt wurde, um die Bezeichnung DEUTSCHES OBERSCHLESIEN zu umgehen. Eine politische Wirkung ließ sich mit dem Ausdruck Oppelner Schlesien (Sląsk Opolski) viel geschickter erzielen, weil in dem Wort "Opolski" die Wurzel "polski = polnisch" enthalten ist, die nach dem Prinzip einer einfachen Verknüpfung die gewünschte Begriffsassoziation beschwor. Die Bezeichnung WESTSCHLESIEN wurde dagegen nach 1945 in Polen nur kurz und keineswegs allgemein gebraucht im Vergleich zu Oppelner Schlesien und Niederschlesien.

Stark auf die Vorstellung und das allgemeine Bewußtsein einwirkende Benennungen Schlesiens waren physiographische Ausdrücke, die an physische, landschaftliche, aber auch sozio-ökonomische Merkmale einzelner seiner Subregionen appellierten. Ein gutes Beispiel für diese Art von Bezeichnungen sind die polnischen Namen Weißes, Schwarzes und Grünes Schlesien. Diese Ausdrücke entstanden in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, erlangten große Beliebtheit und fanden den Weg in die Publizistik und die Schöne Literatur. Das WEISSE SCHLESIEN umfaßte die Gebiete nördlich und nordwestlich des Oberschlesischen Industriegebiets und war gekennzeichnet durch Bleicherde und Kreidemergelerde, Reichtum an Kalkstein und Dolomit, die die Basis der Entwicklung von Kalk- und Zementproduktion bildeten (Kreise Tarnowitz, Strehlen, Oppeln und Kreuzburg). Das SCHWARZE SCHLESIEN, das den zentralen Platz in dieser Komposition einnahm, umfaßte den am stärksten industrialisierten Teil Oberschlesiens, der sich ins Dombrowaer Becken fortsetzte. Das GRÜNE SCHLESIEN schließlich umfaßte die Gebiete südlich des Schwarzen Schlesien, vorwiegend landwirtschaftlich oder landwirtschaftlich-industriell, teilweise stark bewaldet, übergehend in das Vorgebirge und die Schlesischen Beskiden. Die Grenzen dieser Regionen waren Konventionen, denn die Industrialisierungsprozesse vergrößerten fortwährend den Wirkungsbereich des Schwarzen Schlesien, namentlich auf Kosten des Grünen Schlesien.

Diese Beispiele erschöpfen den auf Schlesien bezogenen Reichtum an Benennungen nicht, denn er umfaßt noch Dutzende anderer Termini und Bezeichnungen, z.B. zahlreiche Namen von schlesischen Fürstentümern aus dem Mittelalter, teilweise den größeren Namen historischer Gebiete gleichbedeutend, Bezeichnungen von räumlich-wirtschaftlichen oder administrativen Einheiten sowie schließlich zahlreiche sprachliche Neuschöpfungen aus den neuesten Zeiten (z.B. die Bezeichnung "ziemie" = "Länder" als Synonym für ehemalige Kreise oder größere Subregionen). Es ist nicht nötig, sie aufzuzählen und zu erklären. Wichtig ist dagegen das Bewußtsein, daß alle diese spezifischen Zeugnisse der schlesischen Geschichte überaus wichtig sind. Ihr Reichtum an sich ist ein Beweis für den besonderen Charakter dieser grenznahen und multikulturellen Makroregion Schlesien, ihre historischen Bindungen und Beziehungen zu den Nachbarregionen, darunter auch zu Brandenburg.

LITERATUR

W. SEMKOWITZ: Historyczno-geograficzne podstawy Sląska. In: Historia Sląska od najdawniejszych czasów do roku 1400, Bd. 1. Kraków 1933;

S. ZIEMBA: Sląsk w nazwach dawnych i obecnych. In: Rocznik Ziem Zachodnich i Północnych. Warszawa-Białystok-Bydgoszcz-Gdańsk-Katowice-Koszalin-Opole-Olsztyn-Poznań-Szczecin-Wrocław-Zielona Góra 1964.


Am 1. November 2003 verstarb überraschend einen Monat vor seinem 60. Geburtstag Prof. Dr. hab. Wiesław Lesiuk, der jahrelang als Direktor dem Staatlichen Schlesischen Instituts in Oppeln vorstand. Lesiuk stammte aus Borysław in der ehemaligen Woiwodschaft Lemberg (Lwów). Seit der Vertreibung seiner Eltern wohnte er in Oppeln. Der Historiker und Politologe befaßte sich über 35 Jahre mit Oberschlesien. Insgesamt hatte Lesiuk über 500 Publikationen veröffentlicht. Dazu gehören u.a. die Enzyklopedie der schlesischen Aufstände und eine Monographie der Stadt Oppeln. Für seine wissenschaftliche Arbeit wurde Lesiuk in Polen mehrfach geehrt. Er war auch Ehrendoktor der Schlesischen Universität in Troppau. Zuletzt leitete Wieslaw Lesiuk die aus polnischen, tschechischen und deutschen Historikern zusammengesetzte Arbeitsgruppe zur Erarbeitung eines Handbuches zur Geschichte Oberschlesiens.



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