Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Birgit Maaß, Berlin

ZWANGSARBEIT VON POLEN UND POLINNEN IM DRITTEN REICH

Der durch das nationalsozialistische Deutschland ausgelöste Zweite Weltkrieg war nicht allein ein militärischer Eroberungsfeldzug. Die Okkupation fremder Länder sollte die Voraussetzung dafür schaffen, die Lebensraum- und Rassenideologie der Nationalsozialisten, die "Neuordnung der Welt" nach rassistischen Kriterien durchzuführen. Im Verlauf des Krieges wurden mittels eines großen Verwaltungsapparates und umfangreicher Terrormaßnahmen Millionen von Menschen aus fast 20 europäischen Ländern zur Ausbeutung ihrer Arbeitskraft nach Deutschland deportiert und in ein rassistisch begründetes Unterdrückungssystem gezwungen: im August 1944 registrierten die deutschen Arbeitsbehörden 7 651 970 ausländische Arbeitskräfte, 5 721 883 sogenannte Zivilarbeiter und 1 930 087 Kriegsgefangene. Ein Drittel der als Zivilarbeiter deklarierten ausländischen Arbeitskräfte waren Frauen, wobei mehr als die Hälfte der Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der Sowjetunion kam. Als Angehörige von "Arbeitsvölkern" wurden die ausländischen Arbeitskräfte gegenüber den deutschen "Herrenmenschen" durch zahlreiche Bestimmungen deklassiert und entrechtet. Dabei zeigte die unterschiedliche Behandlung der verschiedenen Nationen ein hierarchisches System, bei dem die Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen aus der Sowjetunion auf der untersten Stufe standen, gefolgt von den Polen und Polinnen. Im Sommer 1944 betrug der Ausländeranteil der in der deutschen Wirtschaft beschäftigten Personen 26,5% (Zahlen nach U. Herbert: Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980. Berlin/Bonn 1986). Allein dieser hohe Anteil an ausländischen Arbeitskräften ermöglichte es, die Erhöhung der Rüstungsanforderungen nach der Kriegswende 1941/42 zu erfüllen sowie das Versorgungsniveau der deutschen Bevölkerung bis Ende 1944 vergleichsweise hoch zu halten.

Verordnung Himmlers über die Kennzeichnung polnischer Zwangsarbeiter
Verordnung Himmlers über die Kennzeichnung polnischer Zwangsarbeiter

Bereits seit Mitte der 30er Jahre zeichnete sich in Deutschland durch die verstärkte Kriegsproduktion ein Arbeitskräftemangel ab. Dieser Umstand wirkte sich besonders auf die Situation in der Landwirtschaft aus. Anfang 1938 fehlten dort, hauptsächlich wegen der Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte, ca. 250 000 Arbeitskräfte. Deshalb begann die NS-Führung ab 1936, Arbeitskräfte für die Landarbeit aus anderen Ländern anzuwerben. Bei Verhandlungen darüber stimmte die polnische Regierung für 1937 der Anwerbung von 10 000, für 1938 von 60 000 und für 1939 von 90 000 polnischen Landarbeitern zu. Mitte 1939 arbeiteten zudem 37 000 Italiener, 15 000 Jugoslawen, 12 000 Ungarn, 5 000 Bulgaren und 4 000 Holländer in der Landwirtschaft des Deutschen Reiches.

Die Anwerbeaktionen hatten jedoch den Nachteil, daß das Deutsche Reich für die ausländischen Saisonarbeiter Devisen bereitstellen mußte. Ferner stieß die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte aufgrund sicherheitspolitischer und weltanschaulicher Erwägungen auf interne Kritik. In grenznahen Gebieten, wie z.B. in Schlesien, wurden vom Reichstreuhänder der Arbeit 1937 Bedenken dahingehend geäußert, daß "bei dem ständigen Abwandern schlesischer Arbeiter ins Reich durch den Nachschub polnischer und tschechischer Staatsangehöriger mit einer weiteren Verbreitung der polnischen Sprache und der politischen Unsicherheit gerechnet werden muß." (zit. nach U. Herbert: Der "Ausländereinsatz". Berlin 1986) Ebenso widersprach die nationalsozialistische Rassenideologie dem Einsatz von "Fremdvölkischen", da sie als eine "Gefahr für das deutsche Volkstum" betrachtet wurden.

"Auf zur Arbeit nach Deutschland" - Propaganda der deutschen Arbeitsverwaltung
"Auf zur Arbeit nach Deutschland" - Propaganda der deutschen Arbeitsverwaltung

Zugleich aber stellte die Erhöhung der Arbeitsbelastung der deutschen Bevölkerung und eine umfangreiche Arbeitsverpflichtung von Frauen die NS-Führung vor Probleme. Einerseits wurde der Arbeitseinsatz der deutschen Frauen aufgrund ideologischer und bevölkerungspolitischer Überlegungen abgelehnt, andererseits sprach gegen eine weitere Anhebung der Arbeitsanforderungen in Form von Arbeitszeiterhöhung und Urlaubsverkürzung die Befürchtung, daß sich die Stimmung in der deutschen Bevölkerung zu sehr verschlechtern würde. Vor Kriegsbeginn überwogen jedoch die Bedenken gegenüber der Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte, und ihre Heranziehung - 1938 arbeiteten ca. 375 000 Ausländer in Deutschland - wurde noch als eine "vorübergehende Notstandsmaßnahme" deklariert.

Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 und die folgende Okkupation des Landes versetzte das Dritte Reich nicht nur in die Lage, sich des polnischen Territoriums, seiner Bodenschätze und Industrieanlagen zu bemächtigten, sondern es hatte gleichzeitig ein großes Potential an Arbeitskräften in seine Gewalt gebracht. Nach dem Sieg über Polen erklärte Hitler, das besetzte Polen sollte als Reservoir billiger Arbeitskräfte dienen. Am 17. Oktober 1939 teilte er in einer Unterredung dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Keitel, mit: "Es muß verhindert werden, daß eine polnische Intelligenz sich als Führerschicht aufmacht. In dem Lande soll ein niederer Lebensstandard bleiben: wir wollen dort nur Arbeitskräfte schöpfen." (zitiert nach J. August: Die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Deutschland) Im Gefolge der deutschen Wehrmacht hielten die Beamten des deutschen Arbeitsverwaltungsapparates Einzug ins militärisch besetzte Polen. Bereits am 3. September 1939 - zwei Tage nach dem Beginn der Kriegshandlungen - wurde in Rybnik, in Ostoberschlesien, das erste deutsche Arbeitsamt errichtet. Ende Januar 1940 war der flächendeckende Aufbau der Arbeitsverwaltung im besetzten Polen vollzogen. Damit schuf das NS-Regime auf administrativer Ebene die Voraussetzung für die Inbesitznahme und Ausbeutung der Arbeitskraft der polnischen Bevölkerung.

Die Arbeitsbehörden hatten die Aufgabe, die Arbeitslosen zu registrieren und sie den kriegswichtigen Produktionsstätten im besetzten Gebiet zuzuführen. Die Erfassung der Arbeitlosen sollte durch die Zahlung einer Unterstützungshilfe erleichtert werden, die an eine Arbeitsverpflichtung gekoppelt wurde und die Verschickung zum Arbeitseinsatz im Deutschen Reich vorbereitete. Im Generalgouvernement galt ab dem 26. Oktober 1939 ein genereller Arbeitszwang für die polnische Bevölkerung. Sie umfaßte alle Personen zwischen 18 und 60 Jahren und wurde im Dezember desselben Jahres auf Jugendliche vom 14. Lebensjahr an ausgedehnt. Zudem übernahmen die Arbeitsämter die Anwerbung von Landarbeitern für den Einsatz in der deutschen Landwirtschaft. Bis zum Jahresende 1939 waren 70-80 000 polnische Landarbeiter ins Deutsche Reich gebracht worden.

Foto für die Propagandazeitung "Signal", hg. vom Oberkommando der Wehrmacht, Heft 16, 1944 Originaltext: "Auf einem Obstgut in Werder bei Potsdam: der Bauer mit seinen ausländischen "freiwilligen" Hilfskräften bei der morgendlichen Arbeitsverteilung. Von links: ein Bulgare, ein Russe, eine Weißruthenin, ein Pole, der Bauer selbst und eine Ukrainerin."
Foto für die Propagandazeitung "Signal", hg. vom Oberkommando der Wehrmacht, Heft 16, 1944 Originaltext: "Auf einem Obstgut in Werder bei Potsdam: der Bauer mit seinen ausländischen "freiwilligen" Hilfskräften bei der morgendlichen Arbeitsverteilung. Von links: ein Bulgare, ein Russe, eine Weißruthenin, ein Pole, der Bauer selbst und eine Ukrainerin."

Die Formen der Arbeitskräfterekrutierung verschärften sich rapide, nachdem im Herbst 1939 das Reichsernährungsministerium einen Arbeitskräftemangel von mindestens 800 000 Landarbeitern errechnet hatte. Vom Agrarminister Darrˇ wurde für das Jahr 1940 sogar die Bereitstellung von ca. 2 Millionen polnischer Arbeitskräfte gefordert. Im Januar 1940 beauftragte Generalgouverneur Frank die Arbeitsverwaltung in den besetzten Gebieten damit, "Bereitstellung und Transport von mindestens 1 Million Land- und Industriearbeitern und -arbeiterinnen ins Reich - davon etwa 750 000 landwirtschaftliche Arbeitskräfte, von denen mindestens 50% Frauen sein müssen - zur Sicherstellung der landwirtschaftlichen Erzeugung im Reich und als Ersatz für die im Reich fehlenden Industriearbeiter" vorzunehmen. (zit. nach Herbert: Der "Ausländereinsatz")

Zunächst versuchten die deutschen Behörden durch Aufrufe, Plakataktionen und Anwerber der Arbeitsämter, die polnische Bevölkerung für einen Arbeitseinsatz in der deutschen Landwirtschaft zu gewinnen. Als sich jedoch abzeichnete, daß das Kontingent von einer Million Arbeitskräften so nicht gestellt werden konnte, entschieden sich die Besatzungsbehörden im April 1940 dazu, Zwangsmaßnahmen anzuwenden. Neben Inhaftierungen, die bei Razzien besonders in den Städten vorgenommen wurden, zwang man die polnischen Gemeindevorsteher, Arbeitskräfte für den Arbeitseinsatz zu bestimmen. Ab dem 24. April 1940 galt zudem die Bestimmung, daß sich alle 15-25jährigen Polen und Polinnen zum Arbeitseinsatz nach Deutschland zu melden hatten. Mit Einschüchterungsmaßnahmen durch Polizei und SS sollte der polnischen Bevölkerung deutlich gemacht werden, daß jegliche Weigerung, der Aufforderung zum Arbeitseinsatz im Reich nachzukommen, zwecklos sei.

Die Aussage des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Sauckel, vom 1. März 1944 - bezogen auf die gesamte Maßnahme - verdeutlicht das Ausmaß der Zwangsrekrutierung: "Von den 5 Millionen ausländischer Arbeiter, die nach Deutschland gekommen sind, sind keine 200 000 freiwillig gekommen." Der Begriff der "Freiwilligkeit" ist jedoch irreführend. Die Gründe für die "freiwillige" Meldung standen oftmals im Zusammenhang mit der durch die Okkupation hervorgerufenen Situation der polnischen Bevölkerung. Die Entscheidung, "freiwillig" in Deutschland zu arbeiten, basierte zum Teil auf der Hoffnung, der drastisch verschlechterten ökonomischen Lage in Polen zu entfliehen. Ein anderer Grund lag in der Chance, durch eine freiwillige Meldung den Ort des Arbeitseinsatzes möglicherweise mitbestimmen zu können, um so der Zwangsdeportation in weit vom Heimatort entfernte Gebiete zu entgehen oder bereits abtransportierten Familienangehörigen folgen zu können. In wiederum anderen Fällen war die Entscheidung politisch motiviert. So meldeten sich z.B. Mitglieder der Widerstandsbewegung freiwillig zum Arbeitseinsatz nach Deutschland, um dort konspirativ tätig zu werden. Wesentlich ist jedoch, daß es bei der Behandlung in Deutschland keine Unterschiede zwischen angeworbenen Arbeitskräften und deportierten Polen und Polinnen gab. Die polnischen Arbeitskräfte unterstanden generell den am 8. März 1940 erlassenen Bestimmungen zur Behandlung der Zivilarbeiter und -arbeiterinnen polnischen Volkstums im Reich.

Die von Göring als Bevollmächtigtem für den Vierjahresplan und Himmler in seiner Funktion als Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei erlassenen Bestimmungen zielten darauf ab, den Widerspruch zwischen Masseneinsatz "fremdvölkischer" Arbeitskräfte und rassenideologischen Grundsätzen abzumildern. Durch diskriminerende und repressive Vorschriften sollte der Rassenideologie des Dritten Reiches, die in den Angehörigen "nicht-arischer" Völker eine "Gefahr für das deutsche Volkstum" sah, Rechnung getragen werden.

Da eine "rassische Auslese" der Million Polen und Polinnen nicht möglich sei, wie Himmler Ende Februar 1940 vor dem Stellvertreter des Führers und den Gauleitern betonte, sollten sie "insgesamt als Polen behandelt" werden. Das hieß: öffentliche Diskriminierung durch das Tragen eines auf gelben Untergrund aufgedruckten "P" in lila Farbe, welches gut sichtbar auf der Kleidung angebracht werden mußte. Damit waren die polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen die erste Gruppe, die durch diese Art der Kennzeichnung stigmatisiert wurden. Darüber hinaus sollte jeglicher soziale Kontakt zwischen Polen und Polinnen und der deutschen Bevölkerung unterbunden werden. Die "Betriebsführer" hatten zudem dafür Sorge zu tragen, daß auch während der Arbeitszeit der Umgang zwischen "deutschen Volksgenossen" und "Arbeitskräften polnischen Volkstums [...] auf das unbedingt notwendige Maß beschränkt" bliebe. Dies schloß eine "geschlossene Unterbringung in besonderen Unterkünften", z.B. Schnitterkasernen und eigens errichtete Barackenlagern, ein.

Im Zwangsarbeiterlager in der Sickingenstraße in Berlin-Moabit
Im Zwangsarbeiterlager in der Sickingenstraße in Berlin-Moabit

Aber auch die Bauern kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe wurden dazu angehalten, ihre polnischen Arbeitskräfte getrennt vom übrigen Gesinde unterzubringen und sie auch bei den Mahlzeiten zu separieren. Um sexuelle Beziehungen zwischen Polen und deutschen Frauen zu unterbinden, wurde das Reichsarbeitsministerium aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, daß ebensoviel polnische Frauen wie Männer in einer Region zum Arbeitseinsatz kämen. Falls dies nicht möglich sei, wie z.B in bestimmten Industriegebieten, sollte der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes die Errichtung von Bordellen mit polnischen Mädchen vornehmen. Nach den Vorstellungen der NS-Ideologen sollte so das deutsche Volk vor der "tierischen Triebhaftigkeit dieser Rasse" bewahrt werden.

Welchen Strafmaßnahmen die polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen ausgesetzt waren, wurde ihnen bei ihrer Ankunft in Deutschland unmißverständlich mitgeteilt. Bei Nichterfüllung der Arbeitsanforderungen oder bei eigenmächtigem Verlassen der Arbeitsstelle drohte ihnen die Einweisung in ein Konzentrations- oder Arbeitserziehungslager durch die Gestapo. Jeder intime Kontakt zwischen polnischen Arbeitskräften und der deutschen Bevölkerung stand für die polnischen Beteiligten unter Todesstrafe. Den "Gefahren für das deutsche Volkstum" durch sexuelle oder freundschaftliche Kontakte zwischen deutschen Frauen und Polen wurde von der NS-Führung besondere Beachtung geschenkt. Um einen möglichst hohen Grad an Abschreckung zu erlangen und die Verabscheuungswürdigkeit derartiger "Ehrverletzungen" der deutschen Bevölkerung vorzuführen, wurden die beschuldigten deutschen Frauen vor ihrer Einweisung ins Konzentrationslager - inszeniert durch die örtlichen Parteifunktionäre - öffentlichen Demütigungen ausgesetzt.

Polnische Häftlinge in Sachsenhausen
Polnische Häftlinge in Sachsenhausen

In zahlreichen Propagandaaktionen wurde die deutsche Bevölkerung auf die Behandlung der Polen und Polinnen als "Untermenschen" und Feinde des deutschen Volkes eingeschworen: "Werdet nicht zu Verrätern an der deutschen Volksgemeinschaft! Die Polen gehören nicht zur deutschen Volksgemeinschaft. Wer sie wie Deutsche behandelt oder gar noch besser, der stellt seine eigenen Volksgenossen auf eine Stufe mit den Fremdrassigen. [...] Wenn es nicht zu vermeiden ist, daß sie mit Euch unter einem Dach wohnen, dann bringt sie so unter, daß jede engere Berührung mit Eurer Familie ausgeschlossen ist." "Deutsche, seid zu stolz, Euch mit Polen einzulassen." "Seid gegenüber den Polen selbstbewußt." "Seid stolz auf eure Überlegenheit in jeder Beziehung." "Laßt keinen Zweifel daran, daß ihr die Herren im eigenen Land seid." (zit. nach J. August: Erinnern an Deutschland. Berlin 1986; U. Herbert: Fremdarbeiter. Berlin/Bonn 1985)

Mit solchen Aufrufen sollte ein Herr-Knecht-Verhältnis zwischen Deutschen und Polen installiert werden, um zu gewährleisten, daß die deutsche Bevölkerung die Ausbeutung der Polen und Polinnen auf der Grundlage rassistischer Politik mitträgt.

Die Einhaltung der Behandlungsvorschriften gegenüber den polnischen Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen wurde, wie das Beispiel des Bürgermeisters Erich Vogler aus Herzsprung (Kreis Ostprignitz) zeigt, von den örtlichen Polizeibehörden kontrolliert und bei Zuwiderhandlung sofort bei der Geheimen Staatspolizei angezeigt. In einem Schreiben der Staatspolizeistelle Potsdam an den Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Potsdam vom 25. Februar 1941 heißt es: "Es wurden mehrere Bauern festgestellt, die mit den Polen zusammen am Tisch aßen. Bei ihren Vernehmungen erklärten die Beschuldigten, daß der Bürgermeister Vogler seinen Polen genau so behandle. Vogler wurde zur Sache vernommen. Er gab in seiner Vernehmung zu, daß sein Pole bei ihm mit am Tisch aß, und daß er hierüber auch öffentlich gesprochen hat. [...] Die Einstellung des Bürgermeisters muß von hier auf das Schärfste verurteilt werden. Ich bitte daher, gegen Vogler in eigener Zuständigkeit vorzugehen und mich über den Ausgang des Verfahrens zu unterrichten." (Documenta Occupationis, Bd. 10. Poznań 1976)

Obwohl es innerhalb der deutschen Bevölkerung unterschiedliche Verhaltensweisen gegenüber den Polen und Polinnen gab, wurde jedoch ihre Behandlung als "Menschen 2. Klasse" von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung offensichtlich akzeptiert, zumal der Einsatz von Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen für sie zum Teil konkrete Vorteile brachte. Durch die Zwangsrekrutierung polnischer Arbeiter und Arbeiterinnen wurde den Bauern, die bereits vor Kriegsbeginn gegen Arbeitskräftemangel zu kämpfen hatten, dringend benötigte Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt. Nach der am 8. Januar 1940 in Kraft getretenen Reichstarifordnung für polnische landwirtschaftliche Arbeiter brauchten sie den Polen und Polinnen nur 50-85% des Lohnes einer deutschen Arbeitskraft zu zahlen. Da die Verweigerung noch so hoher Arbeitsanforderungen oder gar das Verlassen des Arbeitsplatzes unter Strafe stand, verfügten die Arbeitgeber über einen hohen Grad an "Befehlsgewalt".

Roman Pas, der im Februar 1940 zum Arbeitseinsatz nach Niederschlesien gebracht wurde, stellt die Empfindung, dem deutschen Arbeitsmarkt als Arbeitssklave zur Verfügung gestellt zu werden, anschaulich dar: "Es waren überwiegend ältere Männer in grünen Schnürstiefeln mit darübergezogenen steifen Gamaschen. Auf dem Kopf hatten fast alle grüne Hüte mit einer Art Rasierpinsel. Es waren Bauern, die hierher gekommen waren, um sich die gelieferte menschliche Ware anzusehen, um jemanden zu kaufen oder zumindest zu handeln, und so guckten sie sich taxierend die ihnen gelieferten Sklaven an. Aber die antiken Sklavenmärkte in Ägypten, Rom oder Griechenland waren doch Geschichte, die ganze Zeitalter von uns entfernt war! Schließlich gab es seit Lincoln keine Sklaverei mehr auf der Welt. Bis dahin hatte ich das geglaubt. Und jetzt befand ich mich in unserem Zeitalter im Jahre 1940 im III. Reich auf einem Sklavenmarkt. [...] da die Räumlichkeiten des dortigen Arbeitsamtes die "Ware" und die "Käufer" nicht fassen konnten, [...] wurde ein provisorisches Arbeitsamt in einem großen Wirtshaus eingerichtet [...]. Dort saßen oder standen die mit mir antransportierten jungen Polen, und zwischen ihnen liefen die wohlhabend aussehenden Hofbesitzer umher, schätzten die Muskelkraft und sahen sich die Hände an. Die, deren Hände die meisten Schwielen von der Arbeit hatten, fanden am meisten Abnehmer." (zit. nach August: Erinnern an Deutschland)

Um die totale Kontrolle über die polnischen Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen sicherzustellen, unterlagen diese einer Meldepflicht bei den örtlichen Polizeibehörden. Durch das grundsätzliche Verbot, den Aufenthaltsort zu verlassen, wurden sie ihrer Bewegungsfreiheit beraubt. Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel oblag der Genehmigung der Polizeibehörden, und selbst der Besitz eines Fahrrades war ihnen verboten. Auf diese Weise unterstanden sie der ständigen Verfügungsgewalt ihrer Arbeitgeber und der Arbeitseinsatzverwaltung. Dementsprechend wurden ihnen gemäß den Arbeitsanforderungen der Wirtschaft die Arbeitsstätten zugewiesen. Irena G., die 1943 bei einer Razzia in Skomlin von der Polizei zusammen mit anderen Mädchen festgenommen und zum Arbeitsamt in Wielun gebracht worden war, wurde von dort einer deutschen Familie in Oppeln zugewiesen, um als Kindermädchen zu arbeiten. Eineinhalb Jahre später, nachdem sich durch die anhaltende Kriegssituation der Bedarf an Arbeitskräften in der Industrie erhöht hatte, wurde sie wiederum zwangsweise zur Arbeit in einer Eisenhütte in Königshütte abtransportiert (nach A. Mendel: Zwangsarbeit im Kinderzimmer, Frankfurt/Main 1994).

Die Absicht der NS-Führung, die Polen und Polinnen als billige Arbeitskräfte auszubeuten, wurde im Januar 1940 durch eine eigens für die polnischen Landarbeiter und -arbeiterinnen erstellte Reichstarifordnung umgesetzt. Im November 1941 folgten weitere vom Reichsarbeitsministerium erlassene Bestimmungen, die die soziale Schlechterstellung gegenüber den deutschen Arbeitskräften garantierten: bei krankheitsbedingtem Arbeitsausfall erhielten die polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen keinen Lohn; sie wurden generell nach der niedrigsten Tarifgruppe bezahlt und die Zahlung von Zulagen wurde ihnen verwehrt. Ein weiteres Mittel, den Lohn zu drücken, bestand in der Einführung einer 15%igen Sondersteuer, die vom Staat einbehalten wurde. Die Folge dieser Bestimmungen war, daß die polnischen Arbeitskräfte grundsätzlich niedriger entlohnt wurden als deutsche; ihre Bezahlung wurde auf das Existenzminimum beschränkt.

Darüber hinaus wurden den polnischen Arbeitern und Arbeiterinnen schlechtere und beschwerlichere Arbeiten zugewiesen, die sie bis zu 12 Stunden am Tag ausführen mußten. Henryk Adamczewski, der von Mitte Juli 1940 bis Kriegsende in einem Metallbetrieb in Teltow bei Berlin arbeitete, beschreibt die Arbeitsbedingungen, denen er 1940 ausgesetzt war, folgendermaßen: "Die Maschinen wurden ausschließlich von Deutschen bedient, und ich, der Sklave, hob die schweren Geschosse von der Erde hoch zu der Maschine, damit in die Öffnung für den Zünder das Gewinde gedreht werden konnte, und das zwölf Stunden lang täglich. Die Geschosse waren sehr schwer, für meine jungen Kräfte zu schwer. Nach ein paar Tagen dieser Arbeit konnte ich morgens kaum aufstehen. Alle Bein- und Armmuskeln taten mir weh. Ich hatte auch starke Schmerzen in der Wirbelsäule und immer häufiger wurde mir schwindelig." (zit. nach August: Erinnern an Deutschland)

Weihnachten 1943 auf einem Bauernhof in Zauche/Brandenburg. Im Vordergrund polnische Zwangsarbeiter
Weihnachten 1943 auf einem Bauernhof in Zauche/Brandenburg. Im Vordergrund polnische Zwangsarbeiter

Besonders im Bergbau waren die polnischen Arbeitskräfte unmenschlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. 1943 führte die Gendarmerie in Warthenau (Regierungbezirk Oppeln) eine Untersuchung über die Arbeitsverhältnisse der Polen und Polinnen dieses Bezirks durch. Grundlage dieser Erhebung war die Annahme, daß die zunehmende Zahl von Überfällen auf die schlechte soziale Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen zurückzuführen sei. In diesem Bericht heißt es: "Besonders katastrophal sind die Arbeits- und Lohnverhältnisse in der Erzgrube Zarki bei Ostrow, Amtsbezirk Porai. Hier ist der polnische Grubenarbeiter, der für unsere Rüstungsindustrie arbeitet, nicht nur menschenunwürdig an seiner Arbeitsstelle untergebracht, sondern darüber hinaus noch schlecht bezahlt. Die Grubenhölzer sind infolge des Erddruckes teilweise geborsten oder infolge der allgemeinen Nässe abgefault und gebrochen, so daß die Hunde kaum noch durchgezwängt werden können. [...] Es fehlt an jeglicher Kleidung und Schuhzeug. [...] Die Arbeiter waren zerlumpt und meist nur in Fetzen gehüllt. Sie kamen aus ihren Löchern heraus und baten den Abteilungsführer auf polnisch, ob es nicht möglich sei, Kleidung und Schuhzeug zu bekommen. [...] Wenn die Arbeiter in der Erzgrube Zarki krank werden, dann bekämen sie keinerlei Unterstützung, so daß sie in diesem Zustand arbeiten müssen, bis es nicht mehr ginge." (Documenta Occupationis, Bd. 10)

Ab dem 4. Dezember 1941 wurden die polnischen Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen einem Sonderstrafrecht unterstellt. Bereits "hetzerische Betätigung einer deutschfeindlichen Gesinnung" oder "deutschfeindliche Äußerungen" wurden zu Straftatbeständen erklärt, die die Verhängung der Todesstrafe rechtfertigten. Angesichts dieser Strafrechtsbestimmungen konnte jedes Aufbegehren gegen Demütigungen und Tätlichkeiten seitens deutscher Vorgesetzter den Tod bedeuten. Als Beispiel kann das am 5. August 1943 von einem Sondergericht in Breslau gegen den damals 20jährigen Marian Kaczmarek verhängte Todesurteil dienen. Kaczmarek, der 1942 in Niederschlesien Gleisbauarbeiten für die Reichsbahn ausführen mußte, hatte sich den tätlichen Angriffen des deutschen Vorarbeiters widersetzt und zurückgeschlagen. Bereits in einem ersten Verfahren im Februar 1943 war er wegen einfacher Körperverletzung nach der Polenstrafrechtsverordnung zu sechs Jahren verschärften Straflagers verurteilt worden. Dieses Urteil wurde jedoch vom Generalstaatsanwalt aufgehoben, da "Milde" gegenüber den Polen und Polinnen - wie es in der Begründung heißt - angesichts der derzeitigen Niederlagen der deutschen Wehrmacht im Osten ihren Widerstandswillen unterstützen würde. Während im ersten Verfahren das Geschehen aufgrund unterschiedlicher Schilderungen nicht eindeutig festgestellt werden konnte, stützte sich das Gericht in der zweiten Verhandlung nur auf die Aussagen der deutschen Zeugen; die polnischen Arbeiter wurden als Zeugen nicht zugelassen: "Selbst wenn jedoch die vom Angeklagten genannten polnischen Zeugen seine Behauptung bestätigen sollten, würde das Gericht nach wie vor davon überzeugt sein, daß nur die deutschen Zeugen Walter und Zwiersch die Wahrheit gesagt haben." Im Todesurteil heißt es: "Die Selbstachtung des deutschen Volkes erfordert, daß den Anordnungen der Volksgenossen, die mit der Beaufsichtigung und Führung von Polen betraut sind, Folge geleistet wird und jede Auflehnung gegen berechtigte Anforderungen strengstens geahndet werden." (Documenta Occupationis, Bd. 10) Der Einsatz und die Behandlung von ausländischen Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen entsprach nicht nur den ökonomischen Anforderungen der Kriegswirtschaft. Die Verordnungen und Erlasse zu ihrer Behandlung brachten gleichzeitig den Willen des NS-Regimes zum Ausdruck, eine nach "rassischen" Prinzipien hierarchisierte Gesellschaft zu etablieren.

Durch administrative Bestimmungen und Terrormaßnahmen wurden insgesamt 2 826 000 ins Deutsche Reich deportierte Polen und Polinnen in ein System der Diskriminierung, Ausbeutung und Entrechtung gezwungen. Bei der Durchsetzung ihrer sozialen und rechtlichen Deklassierung stieß die NS-Führung auf keine Proteste innerhalb der Administration oder von seiten der deutschen Öffentlichkeit.

Polnische Zwangsarbeiter bei ihrer Rückkehr in die Heimat 1945
Polnische Zwangsarbeiter bei ihrer Rückkehr in die Heimat 1945

Zeitzeugnisse

 

LITERATUR:

J. AUGUST: Die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Deutschland in den 30er Jahren und der Masseneinsatz ausländischer Arbeitskräfte während des Zweiten Weltkrieges. Das Fallbeispiel der polnischen zivilen Arbeitskräfte und Kriegsgefangenen. In: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 24, 1984;

DERS.: Erinnern an Deutschland. Berichte polnischer Zwangsarbeiter. In: Herrenmensch und Arbeitsvölker. Ausländische Arbeiter und Deutsche 1939-1945. Berlin 1986;

W. BENZ: Die Ausbeutung "fremdvölkischer" Arbeitskräfte. In: Der nationalsozialistische Krieg, hrsg. von Frei, Kling. Frankfurt/Main 1988; M.

BROSZAT: Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945. Stuttgart 1961;

DOCUMENTA OCCUPATIONIS, Bd. 10. Poznań 1976;

U. HERBERT: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des "Ausländer-Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des dritten Reiches. Berlin/Bonn 1985;

DERS.: Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter. Berlin/Bonn 1986;

DERS.: Der "Ausländereinsatz". Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in Deutschland 1939-1945 - ein Überblick. In: Herrenmenschen und Arbeitsvölker. Ausländische Arbeiter und Deutsche 1939-1945. Berlin 1986;

Cz. LUCZAK: Einleitung. In: Documenta Occupationis, Bd. 9. Poznań 1975;

DERS.: Polnische Arbeiter im nationalsozialistischen Deutschland während des zweiten Weltkrieges. In: Europa und der "Reichseinsatz". Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945. Essen 1991;

A. MENDEL: Zwangsarbeit im Kinderzimmer. Frankfurt/Main 1994.

Inhaltsverzeichnis


Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X