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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Wieslaw Lesiuk, Oppeln

PLEBISZIT UND AUFSTÄNDE IN OBERSCHLESIEN

Die Internationalisierung der oberschlesischen Frage führte in der letzten Phase des Ersten Weltkriegs dazu, daß auf der Friedenskonferenz in Paris das weitere Schicksal der Region, auf die sowohl Polen als auch die Tschechoslowakei Ansprüche gegenüber dem besiegten Deutschen Reich stellten, de facto in die Zuständigkeit der Entente überging.

Stab des Freikorps Schwarze Schar in Oberschlesien
Stab des Freikorps Schwarze Schar in Oberschlesien
Sztab niemieckiego korpusu ochotniczego Schwarze Schar na Górnym Slasku

Im Februar 1919 stellten die Tschechoslowakei und Polen ihre territorialen Forderungen in bezug auf Oberschlesien vor, wobei die Interessen beider Staaten erheblich kollidierten. Prag forderte nämlich die südlichen Teile der Kreise Ratibor und Leobschütz, die historisch mit dem Troppauer Schlesien verbunden waren, sowie die Gebiete südlich der Linie Bauerwitz-Rybnik-Pleß bis zur Grenze des Teschener Schlesien. Polen beanspruchte dagegen den gesamten Ostteil des Regierungsbezirks Oppeln und die nordöstlichen Kreise des Regierungsbezirks Breslau, in denen eine ethnisch polnische Bevölkerung geballt lebte, was auch die amtlichen deutschen Volkszählungen bestätigten.

Im April 1919 wurde in Paris beschlossen, die Forderungen der polnischen Delegation wie auch teilweise die tschechoslowakischen Gebietsansprüche anzuerkennen. Die Tschechoslowakei erhielt ohne weitere Bedingungen das Hultschiner Ländchen zugesprochen. Polen bot man an, den Forderungen nach den oberschlesischen Gebieten zu entsprechen - allerdings ohne den Kreis Namslau, dafür aber mit einem Teil des Kreises Leobschütz. Darüber hinaus sollten kleine Landstreifen in den niederschlesischen Kreisen Guhrau und Militsch, die Hälfte des Kreises Groß Wartenberg und ein Viertel des Kreises Namslau Polen angeschlossen werden.

Dieses Konzept wurde der deutschen Delegation bei den Vorverhandlungen zum Friedensvertrag am 7. Mai 1919 vorgestellt, aber drei Wochen später vom Reich zurückgewiesen. Die Lostrennung Oberschlesiens stellte Berlin als den zwangsläufigen Verlust der Fähigkeit dar, den Reparationszahlungen nachzukommen. Die Taktik der deutschen Diplomatie erwies sich als wirkungsvoll, und so ließen die Großen Vier den ursprünglichen Plan fallen und beschlossen statt dessen - wie bei anderen europäischen Streitfällen (z.B. Schleswig, Ost- und Westpreußen, Teschener Schlesien) -, die oberschlesische Frage durch Volksabstimmung zu lösen.

Oberschlesisches Abstimmungsgebiet
Das Oberschlesische Abstimmungsgebiet

Der Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 sanktionierte dann ein oberschlesisches Plebiszit unter internationaler Aufsicht. Zwar protestierten anfänglich sowohl Deutschland als auch Polen gegen diese Lösung, doch nahmen schließlich beide Staaten die Bedingungen des Vertrags an. Die bevorstehende Abstimmung kennzeichnete nun für einige Jahre die Achse des Geschehens in der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Geschichte Oberschlesiens.

Vom gesamten Regierungsbezirk Oppeln (13.200 km2), in dem nach der 1910 durchgeführten Volkszählung 2.207.981 Menschen lebten, machte das Abstimmungsgebiet mehr als 83% der Fläche (11.008 km2) mit ca. 2.112.700 Bewohnern aus. Ausgenommen aus dem Abstimmungsgebiet waren nach Artikel 88 des Versailler Vertrags die deutschsprachigen Kreise Neiße und Grottkau, aber auch der Kreis Falkenberg, ein großer Teil des Kreises Neustadt und ein kleiner Teil des Kreises Leobschütz, der bei einem polnischen Sieg an die Tschechoslowakei fallen sollte. In das Abstimmungsgebiet war dagegen ein Teil des Kreises Namslau einbezogen, der zum Regierungsbezirk Breslau gehörte.

Nach damaligen amtlichen polnischen Schätzungen lebte im Abstimmungsgebiet eine ethnisch polnische Bevölkerung von mindestens 1,3 Millionen. Obwohl weiterhin unter preußisch-deutscher Souveränität, sollte das Gebiet von einer Interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission verwaltet werden. Das Stimmrecht wurde allen über zwanzig Jahre alten Personen zuerkannt, die entweder im Abstimmungsgebiet ihren ständigen Wohnsitz hatten oder dort geboren, aber ausgewandert waren. Ein Zusatz zu Artikel 88 des Versailler Vertrags setzte fest, daß "das Abstimmungsergebnis nach Gemeinden durch die Mehrheit der Stimmen in jeder Gemeinde bestimmt werde" und daß die neue Grenzlinie "dabei sowohl den ausdrücklichen Willen der Bevölkerung als auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaft berücksichtigen" müsse.

Die Zulassung sogenannter Emigranten zur Abstimmung - übrigens fatalerweise von der polnischen Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz gefordert und später erfolglos bekämpft - sollte sich hinderlich darauf auswirken, den Willen der Bevölkerung im Abstimmungsgebiet abzulesen. Konnten doch nun Auswanderer, die nicht mehr ständig im strittigen Gebiet lebten, über dessen staatliche Zugehörigkeit mitentscheiden.

Gruppe von Franzosen auf dem Weg nach Gleiwitz
Gruppe von Franzosen auf dem Weg nach Gleiwitz
Grupa Francuzów w drodze do Gliwic

Bevor es jedoch zum Plebiszit kam, wurde ein großer Teil Oberschlesiens durch den Ersten Aufstand erschüttert. Er hatte verschiedene Ursachen, vor allem aber die Verflechtung zwischen den in der polnischen Bevölkerung - insbesondere in den oberschlesischen Industriegebieten - anwachsenden Unabhängigkeitsbestrebungen und dem sich verschärfenden Klassenkampf. Die besondere gesellschaftliche und ethnische Struktur des Gebiets, in dem sich die Polen auf den untersten Sprossen der sozialen Leiter befanden, führte dazu, daß der Erste Aufstand, ähnlich wie auch die beiden folgenden, einen plebejischen Charakter hatte. Nationale und Befreiungsparolen verbanden sich mit gesellschaftlichen Schlagworten wie etwa der Forderung, sich gleichzeitig von der politischen Macht des deutschen Staats und dem gesellschaftlichen Druck deutscher Industrieller und Junker loszureißen. Schon früh drängten einige Untergrundführer der Polska Organizacja Wojskowa Górnego Slaska (Polnische Heeresorganisation Oberschlesiens, POW GSl.) zur bewaffneten Auseinandersetzung. Die Führung des polnischen Lagers unter Wojciech Korfanty konnte jedoch im April und Juni 1919 den Ausbruch des Aufstands noch verhindern, indem sie die POW GSl. auf die Einverleibung Oberschlesiens aufgrund der Pariser Beschlüsse vertröstete. Korfanty war es aber nicht möglich, den Aufstand länger als bis zur zweiten Augusthälfte hinauszuzögern. In der polnischen Bevölkerung herrschte Enttäuschung und Verbitterung über die bevorstehende Volksabstimmung; der antipolnische Terror deutscher Freikorps, des Grenzschutzes und der Polizei nahm ständig zu, und in vielen Betrieben kam es zu Massenentlassungen polnischer Arbeiter. Der Aufstand begann zu einer Zeit, als eine massive Streikwelle (140.000 Arbeiter) alle Bergwerke und viele andere Großbetriebe erfaßt hatte.

Unmittelbarer Auslöser war am 15. August 1919 ein Massaker in der Myslowitzer Grube, bei dem von 3.000 Streikenden zehn getötet und viele verwundet wurden. Die Kämpfe brachen in der Nacht zum 18. August aus und erfaßten mit unterschiedlicher Intensität die Kreise Pleß, Rybnik, Kattowitz, Beuthen, Hindenburg und Tarnowitz. Das Kräfteverhältnis beider Seiten war freilich recht ungleich, und nach einigen kurzfristigen Erfolgen verloren die Aufständischen bald die Initiative. In hoffnungsloser Situation, angesichts mangelnder Unterstützung durch Polen, erteilte der Anführer des Aufstands, Alfons Zgrzebniok, am 24. August den Befehl zur Einstellung der Kämpfe. Die Erhebung endete in einem völligen Fiasko, und ungefähr 9.200 Aufständische und fast 13.000 Familienmitglieder mußten in den polnischen Grenzregionen Zuflucht suchen. Nach dem Scheitern des Aufstands verschärfte sich der antipolnische Terror in Oberschlesien noch. Der preußische und Reichskommissar für Oberschlesien, Otto Hörsing, nutzte die Schwächung des polnischen Lagers aus und stellte bei der preußischen Regierung einen Antrag auf unverzügliche Durchführung der ausstehenden Kommunalwahlen im Regierungsbezirk Oppeln. Eben auf Hörsings Initiative hin hatten im Januar 1919 die Wahlen aufgrund der anwachsenden nationalen Stimmung und der Unabhängigkeitsbestrebungen innerhalb der polnischen Bevölkerung nicht stattfinden können. Die preußische Regierung ordnete in Oberschlesien Gemeinde- und Stadtratswahlen für den 9. November 1919 an.

Das Wahlergebnis in den Gebieten rechts der Oder, die Polen während der Friedenskonferenz gefordert hatte, waren für die deutschen Behörden niederschmetternd: die polnischen Listen feierten spektakuläre Siege. Hörsing bezahlte für seinen zur Unzeit gestellten Antrag mit seiner Entlassung, und die Kommunalwahlen vom 9. November 1919 gingen als eine Art "Probeplebiszit" in die Geschichte Oberschlesiens ein. In Polen und im polnisch-oberschlesischen Lager rief der Wahlsieg Euphorie hervor; in Deutschland zeigte er die Notwendigkeit, insbesondere in den Gebieten mit den größten deutschen Niederlagen, eine konsequente, durchorganisierte und vor allem wirkungsvolle Abstimmungskampagne ins Rollen zu bringen. Einen Tag vor den Kommunalwahlen wurde das Gesetz des preußischen Landtags vom 14. Oktober 1919 veröffentlicht, worin dem Regierungsbezirk Oppeln der Status einer Provinz Oberschlesien verliehen wurde. Hauptziel des Gesetzes war es, den Deutschen einen propagandistischen Trumpf für den näherrückenden Abstimmungswahlkampf in die Hand zu geben. In Oberschlesien manifestierten sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nämlich starke Autonomie-, im Extremfall sogar separatistische Bewegungen. Diese Erscheinung konnte weder von Deutschland noch von Polen leichtgenommen werden, auch wenn beide Staaten hierzu einen entschieden negativen Standpunkt einnahmen. Zeichen von Kompromißbereitschaft und Versuche, Anhänger der Autonomie für das Plebiszit auf die eigene Seite zu ziehen, gab es auf beiden Seiten: Polen verabschiedete am 15. Juli 1920 das organische Statut über die autonome Wojewodschaft Schlesien, die aus den oberschlesischen, bei der Volksabstimmung gewonnenen Gebieten bestehen sollte. Das Reichstagsgesetz über Oberschlesien vom 27. November 1920, das auch in der Weimarer Verfassung festgeschrieben wurde, sah die Möglichkeit vor, aus den oberschlesischen Gebieten, die bei Deutschland blieben, einen neuen Bundesstaat Oberschlesien zu bilden, wenn die Bevölkerung diesen Wunsch in einem Referendum äußern sollte.

Englische Patrouille in der Bahnhofstraße in Beuthen
Englische Patrouille in der Bahnhofstraße in Beuthen
Patrol angielski na ulicy Dworcowej w Bytomiu

Der Abstimmungswahlkampf begann in beiden Lagern eigentlich erst Anfang 1920. Am 11. Februar übernahm die Interalliierte Regierungs- und Abstimmungskommission mit Sitz in Oppeln im Abstimmungsgebiet die Regierung. An ihrer Spitze stand der Vertreter Frankreichs, General Henri Le Rond, als italienischer Bevollmächtigter fungierte General Armando de Marinis, als britischer anfangs Oberst Harold F. P. Percival, später Sir Harold Stuart. Der Kommission unterstanden französisch-italienisch-britische Truppen (13-22.000 Soldaten) unter dem französischen General Jules Gratier. Akkreditiert waren bei der Kommission die offiziellen Vertreter von Polen, Deutschland, der Tschechoslowakei und des Vatikans. Die polnische und deutsche Regierung designierten ihre Plebiszitkommissare. An der Spitze des Polnischen Plebiszitkommissariats in Beuthen (seit Februar 1920) stand Wojciech Korfanty; Kurt Urbanek leitete das Plebiszitkommissariat für Deutschland in Kattowitz (seit April 1920). Diese Ämter koordinierten den gesamten Wahlkampf wie etwa die Propagandatätigkeit von Wahlkampforganisationen auf niederer Ebene (z.B. von Gesellschaften, Verbänden und Vereinen).

Die Interalliierte Kommission sollte beiden Seiten Chancengleichheit bei der Organisierung ihres Wahlkampfs und die Bedingungen für eine ungehinderte Durchführung der Volksabstimmung sicherstellen. Das war unter den oberschlesischen Gegebenheiten allerdings nicht möglich, auch wenn aus dem Abstimmungsgebiet eine ziemlich große Anzahl höherer deutscher Beamter aus Verwaltung, Heer und Grenzschutz abgezogen wurde. Die polnische Seite war, obwohl nominell gleichberechtigt, der deutschen technisch, materiell, organisatorisch und hinsichtlich ihres Personalstands unterlegen. Tatsächlich gelang es den zivilen und militärischen Behörden der Interalliierten Kommission, die angespannte Lage in Oberschlesien in den ersten Monaten zu entschärfen. Doch schon seit Mai 1920 häuften sich wieder die Terrorakte deutscher Freikorps; Einrichtungen polnischer Organisationen und Abstimmungskomitees wurden verwüstet. Diese Angriffe richteten sich nun auch häufiger gegen die Franzosen, denen die Deutschen ihre propolnische Parteilichkeit vorwarfen. Die deutsche Sicherheitspolizei zeigte ihre antipolnische Haltung unverhohlen und war bei der polnischen Bevölkerung verhaßt.

Die unterschiedliche Haltung, die die Vertreter der einzelnen Mächte in der Interalliierten Kommission in Oppeln zu dem Interessenkonflikt zwischen Deutschland und Polen in Oberschlesien einnahmen, resultierte zweifellos aus der von Paris, London und Rom betriebenen Gesamtpolitik und besonders aus deren gegensätzlichen Interessen. Soviel nämlich Frankreich nach der größtmöglichen Schwächung Deutschlands strebte (daher u.a. die propolnische Position in der oberschlesischen Frage), so stand Großbritannien traditionell auf der Basis seiner Politik des Gleichgewichts der Kräfte in Europa und war sowohl gegen einen übermäßigen Bedeutungszuwachs Frankreichs wie auch gegen eine übermäßige Schwächung Deutschlands. Das Gewicht Frankreichs und sein Einfluß in der internationalen Arena und speziell die von seiner Unterstützung der polnischen Interessen ausgehende Wirkung waren bedeutend größer zu dem Zeitpunkt, als die oberschlesische Volksabstimmung angeordnet wurde, als in der Phase der Interpretation ihrer Ergebnisse und der Teilung Oberschlesiens. Parallel dazu wuchs hingegen die internationale Bedeutung Großbritanniens.

Wahlkarte der 
Volksabstimmung in Oberschlesien
Wahlkarte der Volksabstimmung in Oberschlesien
Karta do glosowania plebiscytowego na Górnym Slasku

Zu einer dramatischen Eskalation des Terrors kam es Mitte September 1920. Deutsche Demonstrationen gegen Polen und Franzosen häuften sich u.a. in Rybnik, Hindenburg und Kattowitz. In Kattowitz erschossen französische Truppen, zum Waffengebrauch provoziert, zehn Menschen. Deutsche Freikorpsangehörige ermordeten den polnischen Aktivisten Dr. Andrzej Mielecki und zerstörten das Polnische Plebiszitkommissariat, einige polnische Zeitungsredaktionen, Geschäfte und Werkstätten. Die Unruhen in Kattowitz dauerten vom 17. bis zum 19. September, ehe die interalliierten Truppen die Situation beherrschten. In der Nacht zum 19. September war aber schon der Zweite Oberschlesische Aufstand losgeschlagen worden. Unter der Parole "Samoobrona" (Selbstschutz) war er spontan einen Tag vor seiner Proklamation durch die GOW GSl. ausgebrochen, und Korfanty konnte den eingetretenen Zustand nur noch gutheißen.

Das politische Ziel des Aufstandes war es, den Willen zu demonstrieren, völlige Gleichberechtigung für die polnische Seite bei den Abstimmungsvorbereitungen zu erhalten, die Sicherheitspolizei durch eine polnisch-deutsche Plebiszitpolizei zu ersetzen und eine Auflösung der deutschen Freikorps zu erwirken. Die bewaffneten Auseinandersetzungen wurden von allgemeinen Streiks im Industriegebiet begleitet. Umkämpft waren die Kreise Pleß, Kattowitz, Beuthen, Rybnik, Lublinitz, Tarnowitz und Tost-Gleiwitz. Größere Städte wurden durch Aufständische blockiert und in den eroberten Gebieten Bürgerwehren eingerichtet. Der Aufstand endete am 24. August. Sein Erfolg war, daß die Sicherheitspolizei aufgelöst und durch eine paritätische Plebiszitpolizei ersetzt wurde, was die Möglichkeiten antipolnischen Terrors während der näherrückenden entscheidenden Wahlkampfphase einschränkte.

Die schrittweise Eskalation der Plebiszitkampagne begleitete ein sich vertiefender deutsch-polnischer Nationalitätenkonflikt in Oberschlesien. In dieser Situation kam es häufig zu wechselseitigen Akten der Feindschaft. Beide Seiten warfen sich Terror vor und wandten sich in konkreten Fällen mit scharfen Protesten an die Interalliierte Kommission in Oppeln.

Die Kampagne wuchs ins Unermeßliche, Tonnen von Propagandamaterial trafen in Oberschlesien ein. Auf beiden Seiten war sie sehr differenziert, doch war man häufig bei den Mitteln nicht wählerisch. Während sich die polnische Propaganda hauptsächlich auf die Anregung und Vertiefung des polnischen Nationalbewußtseins durch Kultur- und Aufklärungsarbeit stützte, unterstrich die deutsche Seite wirtschaftliche, sozialökonomische und sozialrechtliche Argumente, die für Deutschland sprechen sollten. Dies war zweifelsohne eine sehr pragmatische Taktik, da das Plebiszit ja nicht nach dem Nationalgefühl fragte, sondern nach der gewünschten Staatszugehörigkeit. Deshalb rechnete die deutsche Propaganda auch strategisch auf Stimmen aus dem ethnisch polnischen Wählerkreis. Um schwankende Wähler ("Zwischenschicht") bemühten sich beide Seiten intensiv. Die Abstimmungskampagne hatte einen totalen Charakter, es wurden sogar Postkarten, Briefmarken und Geldscheine eingesetzt.

An der oberschlesischen Abstimmungskampagne beteiligten sich Gruppen in Deutschland und in Polen gleichermaßen stark. In Polen entstanden Dutzende von regionalen und örtlichen Hilfskomitees für Oberschlesien. In Deutschland wurden in großem Maße Patenschaften von Bundesstaaten, Regierungsbezirken und Städten mit oberschlesischen Kreisen und Städten geschlossen, wie beispielsweise zwischen Brandenburg und Oppeln oder Berlin und Pleß. In beiden Staaten, aber auch im Ausland, versuchte man, ehemalige Bewohner des Abstimmungsgebiets anzuwerben. Polen konnte in Deutschland vor allem in Westfalen und im Rheinland Stimmen gewinnen, während Deutschland sogenannte Auswanderer vornehmlich in Niederschlesien (69.100) und in Brandenburg (43.300) auf seine Seite ziehen konnte. Die deutsche Anwerbeaktion stand hauptsächlich unter Leitung der Vereinigten Verbände Heimattreuer Oberschlesier. Um mehr als 180.000 deutsche Auswanderer nach Oberschlesien zu befördern, wurden über 250 Sonderzüge eingesetzt.

Am 20. März 1921 gingen in 35 Städten, 1.135 Gemeinden und auf 403 Gutshöfen 1.190.637 Personen (97,5% der Berechtigten) an die Urnen. Ein Teil der Wahlkreise wurden dann zusammengelegt, so daß schließlich die Wahlergebnisse von 1.510 Städten, Gemeinden und Gutshöfen bekanntgegeben wurden. Es wurden 1 186 758 gültige Stimmen abgegeben. In 674 Kreisen (44,7%) fiel die Stimmenmehrheit auf Polen, in 834 (55,3%) auf Deutschland. In zwei Gemeinden war das Ergebnis unentschieden. Polen erhielt die Mehrheit in den Wahlbezirken folgender Landkreise: Beuthen, Kattowitz, Lublinitz, Pleß, Rybnik, Groß Strehlitz, Tarnowitz, Tost-Gleiwitz und Hindenburg. Für Deutschland fielen die Ergebnisse in allen Stadtkreisen und in den Landkreisen Leobschütz, Kreuzburg, Cosel, Rosenberg, Oppeln, Ratibor sowie in den zum Abstimmungsgebiet gehörenden Teilen der Kreise Neustadt und Namslau aus. Von ca. 192.000 Auswanderern stimmten lediglich 10 000 für Polen. Diese Stimmen machten mehr als 25% aller Stimmen für Deutschland und 15% des Gesamtergebnisses aus. Praktisch auf alle Kreise verteilt (am stärksten in Kreuzburg und Leobschütz), verzerrten die Auswanderer so den Willen der ständigen Bewohner im Abstimmungsgebiet.

Entgegen den ursprünglichen Grundsätzen des Versailler Vertrags wurde das Abstimmungsergebnis in der Praxis übergreifend, d.h. ohne Rücksicht auf die Mehrheitsverhältnisse in den Gemeinden, bewertet. Bei Betrachtung des gesamten Abstimmungsgebietes en bloc war das Abstimmungsergebnis sehr günstig für Deutschland (707.393 Stimmen = 59,7%). Die Stimmen für Polen (479.365 = 40,3%) machten in den Landgemeinden 48,1%, auf den Gutshöfen 41,9% und in den Städten 18,6% aller Stimmen aus.

Die Bewertung der Abstimmungsergebnisse machte große Schwierigkeiten und eröffnete unterschiedliche Möglichkeiten. Anfänglich betrachtete sowohl Deutschland als auch Polen das Votum als einen Erfolg und forderten Gebietsaufteilungen, die sich gegenseitig ausschlossen, wobei beide Seiten an der Unteilbarkeit des sogenannten Industriedreiecks und am Anrecht auf dies Gebiet festhielten. Mit der Zeit wandelte sich die Beurteilung des Ergebnisses aber sowohl in der Interalliierten Kommission als auch auf internationaler Ebene, wo die propolnische Position Frankreichs schwächer wurde, für Polen zum schlechteren. So wuchs in der Polnischen Heeresorganisation Oberschlesien die Bereitschaft, durch Waffengewalt den durch das Plebiszit bestätigten Willen der polnischen Bevölkerung rechts der Oder durchzusetzen. Dem Aufstand widersetzte sich nicht nur die polnische Regierung, die sich gegenüber den internationalen Vertragsvereinbarungen loyal zeigen wollte, sondern auch Korfanty. Er hoffte darauf, daß die internationalen Aufteilungsbeschlüsse in Ausmaß und Ausdehnung den polnischen Stimmen gerecht werden würden. Als aber dem polnischen Lager klar wurde, daß die Aufteilungsvorschläge dem Abstimmungsergebnis zuwiderlaufen und Polen nur die Kreise Rybnik und Pleß zugesprochen werden würden, überschlugen sich die Ereignisse lawinenartig. Korfanty beschloß, das Amt des Regierungskommissars für das Plebiszit niederzulegen, und rief den Aufstand aus, zu dessen "Diktator", d.h. politischem Führer, er sich erklärte. Nach vorausgegangenem Generalstreik brach die Erhebung in der Nacht zum 3. Mai 1921 aus und übertraf in ihren Ausmaßen die beiden früheren. Die POW GSl..-Verbände wurden in ein Aufstandsheer mit ca. 50 000 Soldaten umgewandelt und vereinheitlicht. Militärisches Ziel war die Eroberung des Gebiets rechts der Oder bis zur "Korfanty-Linie". Dafür sollte der Widerstand der deutschen Kräfte, die sich in der Kampforganisation Oberschlesiens (KOOS) unter General Karl Höfer organisiert hatten, niedergeschlagen werden, ohne daß man dabei mit den Interalliierten Truppen in bewaffneten Konflikt geriet. Auch diesmal blockierte man - allerdings in bisher unbekanntem Ausmaß - die Großstädte mit interalliierten Garnisonen und beträchtlichen deutschen Verbänden. In diese Taktik des Umzingelns der Städte waren ungefähr ein Drittel aller Aufstandstruppen eingespannt. Die restlichen Kräfte lieferten sich mit den deutschen Truppen erbitterte Gefechte, die man durchaus als Lokalkrieg bezeichnen könnte. Auf polnischer Seite kämpften ungefähr 60 000 Personen, darunter 3-5.000 Zivilisten und Soldaten aus Polen, die sich spontan nach Oberschlesien aufgemacht hatten. Offiziell distanzierte sich die polnische Regierung zwar vom Aufstand, doch gewährten große Teile der polnischen Gesellschaft den Aufständischen umfassende Hilfe. Zweifellos war jedoch die - vor allem militärische - Hilfeleistung des Reiches bei den Kämpfen in Oberschlesien wesentlich größer. Wenn man die regionale Herkunft der KOOS-Kämpfer analysiert, zeigt sich deutlich, daß in der Kampforganisation Oberschlesien mit ihren zahlreichen Freiwilligenverbänden aus anderen deutschen Gegenden die Proportionen zwischen zugereisten Kämpfern und tatsächlichen Oberschlesiern genau umgekehrt waren. Auch wenn man das Ausmaß polnischer Hilfeleistungen in die Betrachtung einbezieht, läßt sich die These der deutschen Geschichtsschreibung in der Zwischenkriegszeit, die auch heute noch viele Anhänger hat, nicht aufrechterhalten, wonach die oberschlesischen Aufstände, und insbesondere der dritte, von außen hereingetragen worden seien oder Polen sogar militärisch interveniert habe, um ein günstiges Ergebnis der oberschlesischen Frage zu erzwingen. Ohne Frage war der Dritte Aufstand ein authentisches Losschlagen des polnisch gesinnten Teils der Bevölkerung Oberschlesiens. In letzter Zeit trifft man in der polnischen Geschichtswissenschaft immer häufiger auf die zutreffende Meinung, die schlesischen Aufstände hätten sich nicht gegen das deutsche Volk gerichtet, sondern vielmehr das anwachsende polnische Nationalgefühl der ethnisch polnischen Oberschlesier und ihren Wunsch, sich mit ihren Landsleuten innerhalb des polnischen Staates zu vereinigen, zum Ausdruck gebracht. Der Kampf mit dem Reich war also kein Selbstzweck, sondern in dieser Situation, in der Polen neu gegründet wurde, nur unvermeidliches Mittel zur Verwirklichung der nationalen und Unabhängigkeitsbestrebungen der polnischen Bevölkerung Oberschlesiens. Wenn eine deutsch-polnische und polnisch-deutsche Versöhnung stattfinden und auch neue Generationen überstehen soll, muß auch der Blick auf die Volksabstimmung und die oberschlesischen Aufstände von beiden Seiten ganzheitlich sein, d.h. auch aus dem Blickwinkel der jeweils anderen Seite. Deshalb soll auch die oben zitierte Ansicht zu tieferer Reflexion einladen.

Der Dritte Aufstand war reich an erbitterten Kämpfen an verschiedenen Fronten. Beendet wurde er durch Vermittlung der Interalliierten Kommission. Der Abzug der polnischen und deutschen Verbände hinter die vereinbarte Demarkationslinie dauerte vom 28. Juni bis zum 5. Juli 1921. Trotz wechselnden Kriegsglücks und des Mißerfolgs einiger taktischer Prämissen erreichte der Aufstand sein militärisches Ziel: Der Gegenangriff deutscher Truppen auf das Industriegebiet wurde abgewehrt, und die KOOS, die die Aufständischen nur in der Gegend um den Annaberg zurückdrängen konnte, konnte das Dreieck nicht der Kontrolle der Aufständischen entreißen. Auch das politische Ziel wurde erreicht, denn nach zahllosen Kontroversen war die endgültige Aufteilung des Abstimmungsgebiets für Polen günstiger als vor Ausbruch des Aufstandes.

Die Aufteilung des Abstimmungsgebiets war eine überaus heikle Angelegenheit. Angesichts der grundsätzlich unterschiedlichen Erwartungen Polens und Deutschlands, aber auch aufgrund der Interessenunterschiede der wichtigen europäischen Mächte erinnerte die Aufgabe an die sprichwörtliche Quadratur des Kreises. Schließlich übertrug der Oberste Rat der Interalliierten Kommission am 12. August 1921 das Entscheidungsrecht an den Völkerbundsrat, der am 12. Oktober sein Urteil abgab. Am 20. Oktober bestätigte die Botschafterkonferenz die Entscheidung. Sie wurde am 25. Oktober von der polnischen, am 27. Oktober - unter scharfem Protest - von der deutschen Regierung anerkannt. Die Grenzziehung war in Oberschlesien formell erst im Sommer 1922 vollzogen, doch zogen sich Grenzverschiebungen sogar bis Juni 1923 hin. Die Souveränität über die zuerkannten Gebiete Oberschlesiens übernahmen beide Staaten zwischen dem 17. Juni und dem 10. Juli 1922, nachdem sie am 15. Mai eine Konvention zur oberschlesischen Frage unterschrieben hatten, deren Einhaltung der Völkerbund garantierte.

Das Abstimmungsgebiet wurde schließlich so aufgeteilt, daß Deutschland ca. 71% (7.794 km2) und Polen 29% der Fläche (3.214 km2) zugesprochen wurden. Die Unzulänglichkeit des Abstimmungsverfahrens und - daraus resultierend - die Schwächen der territorialen Aufteilung belegen u.a. folgende Fakten: Von der Gesamtbevölkerung des Abstimmungsgebiets kamen ca. 996.500 (46%) auf polnische Seite. Dabei waren in dem Polen zuerkannten Gebiet lediglich 43% aller Stimmen abgegeben worden (60% aller polnischen, 32% aller deutschen Stimmen). Auf deutscher Seite blieben dadurch 47,5% der polnischen Bevölkerung, auf polnischer 26% der deutschen. Nach der Aufteilung befanden sich also auf beiden Seiten große nationale Minderheiten: ca. 530.000 Polen im Regierungsbezirk Oppeln und 260.000 Deutsche in der Wojewodschaft Schlesien. Freilich war diese Zahl Schwankungen unterworfen. Sie änderte sich z.B. durch die Möglichkeit, die Staatsbürgerschaft frei zu wählen (bis 1924 auf Grundlage der deutsch-polnischen Oberschlesienkonvention, später kraft der Wiener Konvention), sowie durch natürliche und Migrationsbewegungen.

Polen erhielt zwar den kleineren und weniger bevölkerten Teil des Abstimmungsgebiets, doch war die Region zweifellos, insbesondere in Hinblick auf die Rohstoffressourcen und die Schwerindustriekonzentration, von größerer wirtschaftlicher Bedeutung. Von 67 Steinkohlebergwerken gingen 53 (davon 47 aktive) an Polen, an Deutschland dagegen nur 14 (10). Die neun Eisenerzgruben lagen ausnahmslos im polnischen Gebiet. Zehn von 15 Zink- und Bleierzgruben wurden polnisch, dagegen blieben von 18 Kokereien nur sieben in Deutschland. Polen fielen von vier Brikettfabriken drei zu, von neun Hüttenwerken mit Hochöfen fünf und von den 37 Hochöfen 22. Von zehn Eisenhütten gingen sieben an Polen, von 25 Stahl- und Eisengießereien 13 und von den 13 größeren Walz- und Stahlwerken acht. In der Wojewodschaft Schlesien lagen 27 von 53 größeren Zurichtereien von Eisen- und Stahlhalbfabrikaten. Dort befanden sich auch alle Zink-, Blei- und Silberhütten (18) sowie alle Zinkblendrösthütten (13), die als Abfallprodukt auch Schwefelsäure produzierten. Von sieben Zinkwalzwerken blieben nur zwei in Deutschland. Darüber hinaus fielen Polen mehr als 50% aller Betriebe außerhalb der kohle- und metallverarbeitenden Industrie zu.

Die Aufteilung Oberschlesiens war in wirtschaftlicher Hinsicht eine "Operation am lebenden Organismus" - eine Maßnahme ohne Präzedenzfall in der europäischen Geschichte, vor allem, wenn man die Besonderheiten der Region mit ihrer riesigen Konzentration an Schwerindustrie und ihrem demographischen Potential im Industriedreieck berücksichtigt. Eine Grenzziehung, die gleichzeitig das Ergebnis der Volksabstimmung und die wirtschaftliche Struktur des strittigen Gebiets berücksichtigte, stieß daher auf jedem Schritt auf schwere, häufig nicht zu überwindende Hindernisse. Kompromißlösungen konnten nur darauf abzielen, das kleinere Übel zu wählen. So fielen etwa von den 22 großen Monopolen und Kartellen im Bergwerks- und Hüttenwesen sechs an Polen, fünf an Deutschland; elf Unternehmen lagen auf beiden Seiten der Grenze. Auch viele Firmen und Konzerne mußten aufgeteilt werden, weil die neue künstliche Grenze durch 120 Gruben und Schächte, 55 Kohlefelder und 43 Zink- und Bleierzfelder lief und die Infrastruktur vieler metallverarbeitender Betriebe durchschnitt. Förderschächte wurden so durch die Grenze von Kohlenlagern getrennt, Hochöfen von verarbeitenden Betrieben. Teilweise ließen sich diese Mißstände schließlich durch bilaterale Verhandlungen über den Grenzverlauf korrigieren, die sich noch über fast ein Jahr nach der formellen Aufteilung Oberschlesiens hinzogen. Alle Mängel, die auch andere wichtige Bereiche des Wirtschaftslebens betrafen, ließen sich freilich nicht beseitigen: Die Grenze durchtrennte 15 normale und neun Schmalspurbahnlinien, sieben Straßenbahnlinien, 45 Straßen, acht Wasserleitungen, zwölf Hochspannungs- und viele Gasleitungen.

Dies führte unvermeidlich zu Streitigkeiten und Produktionsschwierigkeiten, die sich negativ auf die Sicherheit der Arbeitsplätze niederschlugen und rechtlich die Eigentumsverhältnisse, den Handel sowie Zoll- und Steuerfragen ungemein komplizierten. Auch wenn die Schwierigkeiten bis zu einem gewissen Grad durch die Oberschlesienkonvention (die sogenannte Genfer Konvention) überwunden werden konnten, zeigte sich doch deutlich, daß das oberschlesische Abstimmungsexperiment mit der darauf folgenden Aufteilung des Gebiets nur unzulänglich geglückt war.

Ohne Frage hatte der hervorragende, leider verstorbene Kenner der oberschlesischen Zeitgeschichte Franciszek Hawranek recht, wenn er über den Grenzverlauf nach dem Plebiszit schrieb:

"Das war eine vollkommen neue Grenze, die keine Tradition und keine Entsprechungen in der Geschichte hat. Größtenteils ohne Rückhalt durch geographische oder sogar nur landschaftliche Gegebenheiten, machte sie letztlich unaufhörlich in den zwei Jahrzehnten zwischen den Kriegen ihren provisorischen, weil unvernünftigen Verlauf deutlich und bot beiden Seiten einen Anlaß, Unzufriedenheit mit ihrem Verlauf zu verkünden. Auch die Beschlüsse der Genfer Konvention, die nur für 15 Jahre verbindlich waren, deckten zusätzlich gewissermaßen die Vorläufigkeit der Grenzziehung auf. In Hinblick auf den entscheidenden, wirtschaftlichen Faktor, erwies es sich - leicht meßbar und wissenschaftlich bearbeitet -, daß die Abtrennung des östlichen Teils von Oberschlesien für das Reich (und Preußen) ein ernster Verlust und eine Schwächung des Industriepotentials war, auch wenn von einem empfindlichen Schlag für die deutsche Wirtschaft nicht die Rede sein kann [...]. Für die oberschlesische Wirtschaft als ganzes führte die Aufteilung des Abstimmungsgebiets zu ernsten Schwierigkeiten, die letztlich nicht überwunden werden konnten [...]. Polen erhielt mit dem beschnittenen (aber "besseren") Stück Oberschlesiens die Grundlagen für einen umfassenden Ausbau des Landes, denn das Gebiet war das wichtigste polnische Industriegebiet."

LITERATUR

M. LAUBERT: Die oberschlesische Volksbewegung. Breslau 1938; F. HAWRANEK: Okres powstan Slaskich i plebiscytu z perspektywy 60-lecia. In: Powstania Slaskie i plebiscyt z perspektywy 60-lecia. Opole 1981