Inhaltsverzeichnis Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
Krzysztof Ruchniewicz, BreslauSCHWEIDNITZ/ŚWIDNICA 1945 - 1947Das Schicksal der deutschen und polnischen BevölkerungDie Aussiedlung der deutschen und die Ansiedlung der polnischen Bevölkerung in Schweidnitz und Umgebung fand bisher in der polnischen Fachliteratur keinen festen Platz. Abgesehen von den Arbeiten von Kersten, Pasierb und Szarota, die diese Problemkreise allgemein angesprochen haben, sind noch die lokalen Arbeiten zu nennen: die Chronik von Schweidnitz von Jarzyna - sie hat zwar große Lücken, wenn es um die Darstellung der deutschen Frage geht, aber sie ist für die Darstellung des politischen und kulturellen Lebens in Schweidnitz unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sehr hilfreich - sowie ferner Świdnica poprzez wieki (Schweidnitz im Wandel der Zeiten) und schließlich kleine Beiträge von Nawrocki und Sosnowski. Die Quellenlage zu dem Gegenstand unseres Themas ist in Polen nicht sehr erfreulich. Die meisten Akten zur Aussiedlung der deutschen und Ansiedlung der polnischen Bevölkerung in Schweidnitz sind entweder verlorengegangen (wurden nicht archiviert) und/oder sind in verschiedenen Archiven verstreut (Staatsarchiv in Breslau und Gottesberg). Etwas besser steht es um den Zugriff auf die ersten Zeitungen in der angesprochenen Zeit, sowohl die lokale Wiadomości Świdnickie (Schweidnitzer Nachrichten) - die erste Nummer ist am 29. Juli 1945 erschienen - als auch Breslauer bzw. regionale Zeitungen, wie Pionier (Pionier) und Trybuna Dolnośląska (Niederschlesische Tribüne). In der deutschen Fachliteratur erwies sich als sehr hilfreich ein Vortrag von Horst Adler. Auch die Dokumentation zur Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa sowie die Erinnerungen von Freya von Moltke und Marion Yorck von Wartenburg wurden einbezogen. Die Aussiedlung der deutschen und die Ansiedlung der polnischen Bevölkerung in Schweidnitz und Umgebung geschah in den Jahren 1945-47. In diesem Prozeß habe ich folgende Phasen markiert:
Nun zu den oben genannten Phasen im einzelnen: Der rasche Vormarsch der sowjetischen Truppen Ende Januar und Anfang Februar 1945 brachte Schweidnitz in die Nähe der Front. In den darauffolgenden Tagen kamen in die Stadt Flüchtlinge aus den Kreisen Oels und Groß Wartenberg, die hier in Sälen, Kinos, Privatwohnungen vorübergehend Unterkunft fanden. Die Flüchtlinge konnten etwa drei Wochen bleiben. Nachdem die Stadt am 1. Februar ihren ersten Luftangriff erlebt hatte, wurde zwei Tage später von der Kreisleitung der Räumungsbefehl für die Zivilpersonen erteilt: "Die Stadt Schweidnitz soll sofort geräumt werden. An den zu bildenden Fußtrecks dürfen nur Frauen mit Kindern und Männer über 60 Jahre, soweit sie nicht in Betrieben tätig sind, teilnehmen. Abmarsch über Oberweistritz nach Neurode morgens früh 6 Uhr. Sammelplatz Sedanstraße und Sedanplatz. Lebensmittel für einige Tage mitnehmen - Gepäck nur für das Notwendigste. Frauen mit nicht marschfähigen Kindern sollen auf Wagen befördert werden. Wegen Übernachtung unterwegs wird gesorgt werden".
Nicht alle Schweidnitzer kamen der Aufforderung zum Verlassen der Stadt nach. Die Evakuierung verteilte sich auf mehrere Tage. Der größte Teil der Flüchtlinge zog ins nahe Gebirge, ein anderer ins Sudetenland und erlebte dort das Kriegsende. Die fast leere Stadt wurde zur Festung erklärt (Kommandant der Festung war Oberstleutnant Wolfgang von Websky). Über die Atmosphäre jener Tage berichtet aus dem sechs Kilometer von Schweidnitz entfernten Dorf Kreisau Freya von Moltke, die Witwe des in Berlin-Plötzensee gehängten Helmuth James von Moltke wie folgt: "[...] Unten im Hof und auf der Dorfstraße bildete sich an diesem Morgen ein trauriger Zug. Frau Zeumer zog mit. Zeumer, Süßmann - der Gemeindevorsteher - und ich standen im Hof bei der sich bildenden Wagenreihe. Wir behielten nur die Milchwagenpferde und ein paar junge Fohlen - alle anderen Pferde zogen mit. Ich sehe noch unsere Hofe-Leute vor uns, Frau Meyer, die alte Frau Rose, Frau Kaiser und andere. Aber es lag Schnee auf den Eulen-Pässen, die Straßen waren voll von Flüchtlingen, die Anhänger rutschten - wir durften sie nicht zu voll laden. [...]" Am 17. Februar erlebte Schweidnitz einen erneuten Fliegerangriff. In den folgenden Tagen wiederholten sich die Fliegerangriffe immer häufiger. Die sowjetischen Truppen hatten inzwischen den Ring um Breslau geschlossen und waren bis nahe an den Zobten herangerückt. Die Front kam Ende Februar etwa 10 bis 15 km von Schweidnitz entfernt zum Stehen und verlief etwa auf der Linie Striegau-Saarau-Zobten-Strehlen - bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Noch kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee hatten sich die Funktionsträger des NS-Regimes abgesetzt, weil sie fürchteten, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Am 8. Mai 1945 rückten sowjetische Truppen in die nur von wenigen kurzen Bombenangriffen überwiegend unzerstört gebliebene Stadt. Die Stadt wurde zur Plünderung freigegeben. Die betrunkene Soldateska setzte die Pilsner Bierhalle in Brand und machte Jagd auf die wenigen zurückgebliebenen Frauen. Man erschoß sich auch gegenseitig - die Schuld wurde zunächst bei deutschen "Wehrwölfen" gesucht. (Ein deutsches Ehepaar, in dessen Haus ein sowjetischer Offizier erschossen worden war, wurde des Mordes beschuldigt. Schwer wog, daß in der Wohnung eine Waffe gefunden worden war. Entgegen der üblichen Praxis untersuchte der sowjetische Kommandant den Fall vor einer vorschnellen Schuldzuweisung. Die Nachforschungen ergaben, daß der Offizier ein Opfer seines eigenen Kameraden geworden war. Die Deutschen kamen frei.) Die Plünderungen in der Stadt setzten sich auch in den nächsten Tagen fort. Am 8. Mai wohnten in Schweidnitz ungefähr 13 000 Deutsche (im Jahre 1939 betrug die Zahl der Bewohner 39 052). Bis zum Sommer 1945 waren einige tausend Schweidnitzer in ihre Heimat zurückgekehrt (von Mai bis Juli 1945 gab es 17 000 Deutsche). Am 9. Mai wurde ein deutscher Bürgermeister, Paul Knillmann (ein ehemaliger Postassistent), von den Russen eingesetzt. Er hat diesen Posten bis Ende Oktober bekleidet, als die Polen die Verwaltung übernahmen. Für jeden Stadtbezirk wurde ein deutscher Blockleiter, der für den reibungslosen Arbeitseinsatz verantwortlich war, ernannt. Ferner wurde die deutsche Bevölkerung zur Aufräumung der Stadt, Ingangsetzung der Betriebe und zur Arbeit auf dem Lande eingesetzt. Das kulturelle Leben der Deutschen kam zum Erliegen. Am 17. Mai 1945 kam nach Schweidnitz - das von da an auf polnisch Świdnica heißt - eine aus 30 Personen bestehende polnische Operationsgruppe, deren Aufgabe die Gründung der polnischen Ämter in der Stadt war. Den Posten des Regierungsbevollmächtigten bekleidete Feliks Olczyk. Kontakte mit der sowjetischen Militärkommandantur wurden aufgenommen (Ende Juli wurde die sowjetische Militärkommandantur aufgelöst, und die Polen übernahmen die Verwaltung der Stadt selbst). Einige Tage später kam die zweite Gruppe, deren Aufgabe die Ingangsetzung der Schweidnitzer Industrie war. Ende Mai kamen die ersten Polen nach Schweidnitz. Wie sich einem damals neu nach Schweidnitz kommenden Polen die Stadt darstellte, zeigt folgender Auszug: "Der erste Eindruck, wenn man nach Schweidnitz kommt, ist die ungewöhnliche Sauberkeit. Die Stadt wurde nicht nur mit dem Besen gekehrt, sondern auch mit Schrubbern und Wasser gesäubert. Das habe ich selbst gesehen. Vor jedem Haus wehte eine weiße Fahne, was bedeutete "Wir ergeben uns!" Auf den Straßen gab es keine Kinder - sie wurden wahrscheinlich in den Häusern zurückgehalten -, keine Hunde, keine Radfahrer. Alle Haustüren waren fest verschlossen. Alle Tabakläden, auch die Zigarettenautomaten, waren zerstört. Für eine Kiste Zigarren konnte man eine goldene Uhr oder ein gutes Motorrad eintauschen". Die Zahl der Polen nahm in der Stadt ständig zu. Bis zum 31. Juli 1945 gab es schon 3 206 Polen, bis zum 16. August 5 100, bis Ende August 6 756. Bis zum Jahresende lebten dann schon über 11 200 Polen dort. (Nähere Informationen über die Anzahl und Herkunft der polnischen Bevölkerung in Schweidnitz in den Tabellen im Anhang.)
Mit der steigenden Zahl von unterzubringenden Polen wurde das Wohnungs- und Versorgungsproblem für die Deutschen immer schlimmer. Eine radikale Lösung dieser Frage bot die vorübergehende Austreibung der Deutschen aus ihren Wohnungen, aus der Stadt. In Schweidnitz scheint sich dies anders abgespielt zu haben als in anderen Orten, nämlich in zwei Stufen:
Am 9. Juli 1945 mußten alle Deutschen, die keine Arbeitsbescheinigung vorweisen konnten, die Stadt verlassen. Die Kolonne der Deutschen führte bis Freiburg, wo die Bewachung verschwand. Wer heimkehrte, fand seine Wohnung häufig ausgeräumt oder von Polen besetzt. Diese "wilde Austreibung" hatte nichts zu tun mit der seit 1946 beginnenden Aussiedlung der Deutschen. Die Willkür der polnischen Miliz und des Staatssicherheitsdienstes, die das Verhältnis zwischen den Deutschen und Polen - wenn wir von der Aussiedlung absehen - am tiefsten belastet hat, will ich hier nicht erwähnen. Auf die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung waren die polnischen Bewohner der Stadt schon seit langem vorbereitet. Dabei spielte die Lokalpresse eine ausschlaggebende Rolle. Dies möchte ich an zwei Beispielen belegen: "Die leeren Straßen der Stadt bevölkern sich allmählich, die Stunden des menschlichen Glücks und Leides, die die Rathausuhr schlägt, regulieren den Sinn des alltäglichen Lebens. Schweidnitz wacht auf. Es wacht auf zur Arbeit. Die polnische Sprache, über viele Jahrhunderte hier nicht gehört, beweist unsere begründeten Rechte auf dieses uralte polnische Land. Das Land, das von dem preußischen Stiefel befreit wurde, verwandelt sich in ein demokratisches Polen. Und im Namen dieses demokratischen Polens, seines Wohls und seiner Entwicklung marschiert das Schweidnitzer Auslandspolentum [polonia świdnicka] in beispielhafter Übereinstimmung in geschlossenen Reihen zu seinen Werkstätten. In mühevollen alltäglichen Anstregungen festigt es langsam aber konsequent den Namen Polens". (Wiadomości Świdnickie [Schweidnitzer Nachrichten], 5. August 1945, Nr 2) Und das zweite Beispiel: "In Niederschlesien wurde schon eine halbe Million Polen angesiedelt. Wir lassen nicht von diesem Boden ab, sind seine Söhne. Denke stets daran, daß jeder Deutsche dein Erzfeind ist!" (Wiadomości Świdnickie [Schweidnitzer Nachrichten], vom 30. September bis 7. Oktober 1945, Nr. 10) Die erste organisierte Aussiedlung der Deutschen erfolgte nach polnischen Quellen am 6. Mai 1946 (siehe Tabelle) und nach deutschen am 23. Juli 1946. Am 22. Juli 1946 gegen 17 Uhr wurden in einigen Straßen Bekanntmachungen angeschlagen, was und wieviel jeder bei der Aussiedlung mitnehmen durfte, besonders an Geld und Lebensmitteln. Der Aushang hing nur in den Straßen, deren Bewohner zuerst abtransportiert werden sollten, sagte aber nichts darüber aus, wann die Abfahrt erfolgen solle. Gegen 20 Uhr an diesem 22. Juli erhielten die Bewohner einiger Straßen von dazu ermächtigten Polen die Aufforderung, am nächsten Morgen um 8.30 Uhr abfahrbereit zu sein. Die Bewohner anderer Straßen wurden erst am Morgen des 23. Juli aufgefordert, um 9.30 Uhr auf der Straße bereit zu stehen. Um 9.30 Uhr wurden alle deutschen Bewohner veranlaßt, die Häuser zu verlassen. Von 9.30 bis 16 Uhr dauerte nun das langsame Vorrücken der Deutschen auf verstopften Straßen nach dem Bahnhof Kroischwitz. Dort wurden je 35 Personen für einen der Güterwagen abgezählt. Am nächsten Tag fand noch eine Revision statt. Dabei wurden viele Gegenstände wie elektrische Apparate aller Art, Fotoapparate, Wertgegenstände und Schmuck willkürlich beschlagnahmt. Erst um 18 Uhr setzte sich der erste Zug mit den deutschen Aussiedlern in Bewegung. Dieser ging, wie die beiden nächsten im Juli/August, in die Britische Besatzungszone, die anderen meist in die Sowjetische Besatzungszone. Am 7. Oktober 1946 wurden die Aussiedlungen nach einer Pause wieder aufgenommen. Mit den Aussiedlungsaktionen im Frühjahr 1947 endete zunächst diese Phase der Aussiedlung.
Das politische Hauptziel war erreicht: die bis 1945 rein deutsche Bevölkerung war zur Minderheit geworden. Auf diese Weise haben sich die Polen die "begründeten Rechte auf dieses uralte polnische Land" verschafft und es "in ein demokratisches Polen verwandelt". Zum Schluß möchte ich Richard von Weizsäcker zitieren: "Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegebenfalls helfen, zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren". (Richard von Weizsäcker: Von Deutschland aus. Reden des Bundespräsidenten. München 1987) LITERATURA: F. JARZYNA: Kronika miasta Świdnicy 1945-1975. Świdnica o.J.; K. KERSTEN: Repatriacja ludności polskiej po II wojnie światowej. Wrocław 1974; T. J. MANN: Geschichte der Stadt Schweidnitz. Reutlingen 1985; E. NAWROCKI: Świdnica pod koniec drugiej wojny światowej w 1945. In: Rocznik Świdnicki, 1982; B. PASIERB: Migracja ludności niemieckiej z Dolnego Śląska w latach 1944-1947. Wrocław 1969; DERS.: Życie polityczne Dolnego Śląska 1945-1950. Warszawa 1979; Schweidnitz im Wandel der Zeiten, bearb. v. W. BEIN und K. SCHMILEWSKI. Würzburg 1990; A. SOSNOWSKI: Administracja polska i sytuacja ludnościowa w Świdnicy w latach 1945-1950. In: Rocznik Świdnicki, 1974; DERS.: Gospodarka komunalna, aprowizacja i handel w Świdnicy w latach 1945-1949. In: Rocznik Świdnicki, 1975; Świdnica poprzez wieki, hrsg. v. Muzeum Dawnego Kupiectwa in Schweidnitz, Vol. 1. Wrocław 1991; T. SZAROTA: Osadnictwo miejskie na Dolnym Śląsku w latach1945-1948. Wrocław 1969; Trudne Dni. Dolny Śląsk 1945 roku we wspomnieniach pionierów, Bd. 3. Wrocław 1962.
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