Inhaltsverzeichnis

Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Dorota Simonides, Oppeln

GIBT ES EIN OBERSCHLESISCHES ETHNIKUM?

Zur Begriffsbestimmung

Will man im deutsch-polnischen Gespräch über Schlesien reden, so ist man gut beraten, wenn man eingangs einige Mißverständnisse ausräumt. Wenn heute in Deutschland von Schlesiern gesprochen wird, so ist zumeist der deutsche Niederschlesier gemeint. In Polen dagegen versteht man unter dem Begriff Slązak, der wörtlichen Entsprechung von Schlesier, nur den bodenständigen Oberschlesier. In diesem Sinne soll auch hier der Begriff verstanden werden.

Rast am St. Annaberg, 1994
Rast am St. Annaberg, 1994

Weiterhin werden im Laufe der Abhandlung des öfteren die Begriffe ethnisch und national verwendet werden. Beide Begriffe wurden anfänglich semantisch streng getrennt. Im Laufe der Zeit jedoch verschwamm ihre inhaltliche Bestimmung derart, daß sie jetzt oftmals sogar als Synonyme verwendet werden. Deshalb scheint es mir notwendig zu sein, die Unterschiedlichkeit beider Begriffe zu betonen. Der Begriff ethnisch beschreibt einen objektiven Zustand, den man gegenüber dem mit dem Begriff national bezeichneten subjektiven Zustand als primär ansehen kann. Es gibt Beispiele dafür, daß sich eine ethnische Gruppe in einem gewissen Identitätsstadium zur Nation erklärt, aber auch dafür, daß ein Teil ihrer Mitglieder die nationale Option der Mehrheitsbevölkerung annimmt. Beide Begriffe werden von mir streng auseinandergehalten. Ethnisch gehört meines Erachtens in den Bereich des kulturellen, national dagegen in den Bereich des politischen Bewußtseins.

Der Begriff der ethnischen Gruppe setzt ein subjektives Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Mitglieder voraus, das auf der Überzeugung einer gemeinsamen Abstammung basiert. Obwohl diese Überzeugung auf irrationalen, geradezu mythischen Wurzeln basieren kann, wird sie doch von der Gruppe als tatsächlich, als real angesehen. Deshalb verstehe ich - wie viele Ethnologen - unter ethnisch das bewußte Zusammengehörigkeitsgefühl, das "Wissen" über eine gemeinsame Herkunft und die Andersartigkeit im Verhältnis zu den Nachbargruppen.

Charakteristische Elemente ethnischer Gruppen

Der zeitgenössischen Ethnologie und Soziologie nach besitzt eine ethnische Gruppe folgende fünf Eigenschaften, die allerdings nicht alle gleichzeitig auftreten müssen:

  1. Es ist eine Bevölkerungsgruppe, die seit langer Zeit ein bestimmtes Territorium bewohnt, das nicht von anderen Gruppen in Anspruch genommen wird. Im allgemeinen besitzen solche Territorien einen mit der Gruppe verbundenen ständigen Namen wie z.B. Schlesien oder Oberschlesien. Das Territorium besitzt für die Gruppe einen spezifischen Wert. Mit ihm verbindet sie ihre Identität.
  2. Die Bevölkerungsgruppe ist im Gegensatz zu nationalen Minderheiten nicht durch Verschiebung politischer Grenzen entstanden. Die ethnische Gruppe, in unserem Falle die oberschlesische, entwickelt auf ihrem Territorium eine eigene Kultur und einen eigenen Dialekt, die sich wesentlich von der Kultur und von der Mundart der Nachbarbevölkerungen unterscheiden. Sie besitzt, wie noch zu zeigen sein wird, spezifische Sitten, Gebräuche, Spracheigenschaften, Symbole und Kulturwerte.
  3. Es handelt sich um eine Bevölkerung, deren Staatszugehörigkeit sich im Laufe der Geschichte einige Male geändert haben kann, was im Fall der Oberschlesier z.B. dazu führte, daß diese ihre Kulturwerte und ihre Eigenarten nicht nur ohne Hilfe der staatlichen Institutionen pflegen, sondern sie sogar oft gegen die äußere Beeinflussung durch den kulturell fremden Staat schützen mußten. So waren die Oberschlesier den Gefahren der Assimilation durch das Deutschtum, später durch das Polentum ausgesetzt, was nicht ohne Spruen blieb und zu einer teilweisen nationalen Polarisation führte.
  4. Aus geographischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder politischen Gründen spielen ethnische Gruppen oft nur eine untergeordnete Rolle im Staatsgebilde. Das trifft auch auf die oberschlesische Gruppe zu. In der deutschen Zeit galten sie als "Wasserpollacken" oder "polnischsprechende Oberschlesier". Nach 1945 wurden sie in Polen zu "Hanysy" oder "Szkopy" gestempelt, abschätzigen Ausdrücken für Deutsche. Diese Diskriminierung schlug sich u.a. darin nieder, daß der Anteil der einheimischen Bevölkerung an der staatlichen Verwaltung sehr gering war und ist. Der Grund ist meist ein mangelhaftes Bildungsniveau oder auch mangelnde Kenntnis der deutschen und später der hochpolnischen Sprache. Man sprach ja im Alltag den altpolnischen oberschlesischen Dialekt.
  5. Es handelt sich um eine Bevölkerungsgruppe, die am Berührungspunkt zweier oder mehrerer Kulturkreise lebt. Durch den Zusammenstoß mit den fremden Kulturen wird die eigene zu einem selbständigen, übergeordneten Wert, was jedoch nicht die Übernahme einiger Elemente aus den fremden Kulturen ausschließt. Dies betrifft gerade Oberschlesien, das immer unter multikulturellem Einfluß stand und wo sich in einzelnen Orten verschiedene Kulturen so eng verflochten haben, daß bei den daraus entstandenen Erscheinungen nur ein Spezialist das einzelne konkrete ethnische Element erkennen kann.

Die Entwicklung der oberschlesischen Bevölkerung

Wenn man die bodenständige oberschlesische Bevölkerung unter den oben aufgeführten Gesichtspunkten analysiert, kommt man zu dem Schluß, daß es sich bei ihr par excellence um ein gesondertes Ethnikum handelt. Diese Gruppe bewohnt Oberschlesien unabhängig von der sich ändernden staatlichen Hoheit und entwickelte dort eine eigenständige Kultur, die, ausgehend vom altpolnischen Grundmaterial, nach und nach viele tschechische und später deutsche kulturelle Einflüsse übernahm.

Platzkonzert in Oppeln
Platzkonzert in Oppeln

Seit der Entstehung der polnischen Monarchie unter den Piastenkönigen im 10. Jahrhundert bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts war Schlesien ein integraler Teil dieser Monarchie. Die deutschen und böhmischen Nachbarn versuchten wiederholt, dieses Gebiet entweder durch Kriege oder auch durch Erbschaftsverträge zu erwerben. Im Laufe der Zeit wurde Schlesien in immer kleinere Herzogtümer aufgeteilt. Die hier herrschenden Piastenherzöge verbanden sich durch Ehen zunehmend mit dem deutschen Hochadel.

Während der Siedlungswelle im 13. Jahrhundert wurden der westliche und südwestliche Teil Schlesiens durch fränkische, thüringische, sächsische, wallonische und flämische Siedler kolonisiert. Die Städte wurden nach Magdeburger Recht angelegt. Die topographischen Benennungen der Vorgebirgsstädte, wo sich die deutschen Siedler niederließen, wurden deutsch. Die Wald- und Sumpfgebiete entlang der oberen Oder und an der rechten Oderseite blieben aber weiterhin ein Gebiet mit ausschließlich slawischer Bevölkerung.

Der bekannte oberschlesische deutsche Volkskundler Paul Knötel schrieb in den 20er Jahren unseres Jahrhunderts:

"Der Zustrom deutscher Einwanderer in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, nachdem der Ansturm der wilden Mongolenhorden ausgetobt hatte, muß sehr groß gewesen sein. In dieser Zeit entstand die Mehrzahl der Städte; allmählich aber ließ die Zuwanderung nach, und nun setzten die Fürsten und die Vögte auch slawische Leute in den neu gegründeten Städten ein und gaben ihnen die Rechte deutscher Bürger. Dadurch sind vielfach auch Polen zu Deutschen geworden, aber in den Städten auf dem rechten Oderufer, wo auch der Ackerboden nicht so fruchtbar wie auf dem linken war, blieb bis in neuere Zeit die polnische Bevölkerung vorherrschend."

(Aus alten schlesischen Städten. Schweidnitz [Verlag L. Heege], o. J.)

Der in Reichenbach in Niederschlesien geborene deutsche Volkskundler Karl Weinhold schrieb im Jahre 1887 in seiner Arbeit Die Verbreitung und die Herkunft der Deutschen in Schlesien folgendes:

"Alle Fluß- und Bachnamen und alle Benennungen der Berge und Wälder, die wir in den alten schlesischen Urkunden finden, sind slawisch, ein Gegenbeweis gegen die dilettantische Behauptung, daß sich im Gebirge eine urdeutsche Bevölkerung gehalten habe. Ebenso sind alle alten schlesischen Ortsnamen slawisch."

In den Jahren 1327-31 erkannten die schlesischen Piastenherzöge die böhmische Lehnshoheit an. Als Folge davon blieb Schlesien auch während der Wiedervereinigung der polnischen Fürstentümer unter dem letzten Piastenkönig, Kasimir dem Großen, außerhalb des polnischen Königreiches. Im 16. Jahrhundert gelangte Schlesien zusammen mit dem Königreich Böhmen in den Besitz der Habsburger und wurde nach dem Tode des letzten schlesischen Piastenherzogs österreichische Provinz. Nach den drei schlesischen Kriegen zwischen Österreich und Preußen wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast ganz Schlesien (außer dem Teschener und Troppauer Schlesien) an den preußischen Staat angeschlossen. Nach dem Ersten Weltkrieg mußte das Deutsche Reich nach einer Volksabstimmung und drei Aufständen infolge des Beschlusses der Botschafterkonferenz einen Teil Oberschlesiens an den polnischen Staat abtreten. In dem deutsch gebliebenen Teil wurde damals aufgrund des Genfer Vertrages eine polnische Minderheit und in dem polnisch gewordenen Teil eine deutsche Minderheit anerkannt.

In den Jahrhunderten der preußischen und deutschen Herrschaft wurden die Städte, die staatliche und die industrielle Verwaltung fast ausschließlich zu einer Domäne der Deutschen. Das gewaltige Aufblühen der Industrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat die Bevölkerung und ihre Kultur wesentlich beeinflußt und das ganze Industriegebiet in einschneidender Weise mit deutschen Elementen durchsetzt. Das ethnisch slawische Element blieb im wesentlichen auf die Dörfer beschränkt und besaß einen sehr niedrigen Bildungsstand. Ländlich-bäuerlich galt hier lange als gleichbedeutend mit slawisch-polnisch, städtisch und gebildet als Synonym für deutsch. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir Ansätze einer aus der einheimischen slawischen Bevölkerung hervorgegangenen Schicht von Gebildeten. Es waren dies fast ausschließlich Priester, Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte. Die Priester und Lehrer kamen zumeist aus der ärmeren Bevölkerung und hatten Förderer gefunden. Die Ärzte und Anwälte dagegen waren eher Söhne reicher Bauern.

Mit der Bildung entwickelte sich bei einem Großteil das Gefühl der Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis. Nur bei einem kleineren Teil der Studenten führte die Bildung zu einem ausgeprägten polnischen Nationalgefühl. Das Identitätsbewußtsein der den altpolnischen Dialekt sprechenden Landbevölkerung blieb auf das Ethnische beschränkt. Obwohl sie einen polnischen Dialekt sprachen und objektiv alle Merkmale des Slawentums besaßen, bezeichneten sie sich selbst als "Hiesige". Die ethnische Zugehörigkeit der bodenständigen Bevölkerung zum slawischen Kulturkreis war den deutschen Volkskundlern in Schlesien gut bekannt und wurde z.B. 1894 bei der Gründung der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde in Breslau berücksichtigt. Vizepräsident wurde der polnische Lehrstuhlinhaber des Slawischen Seminars an der Breslauer Universität, Władysław Nehring. Die Gesellschaft rief dazu auf, volkstümliche Lieder und Erzählungen sowie Nachrichten über Sitten und Bräuche an sie zu schicken, und zwar in der jeweiligen Originalsprache: die deutschen an den Präsidenten der Gesellschaft, Prof. Friedrich Vogt, die polnischen an Prof. Nehring, die tschechischen und mährischen an Prof. Otto Jiricek. Die in der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde wirkenden Wissenschaftler unterstrichen immer wieder den großen Reichtum und die Vielfältigkeit der Volkskultur in Oberschlesien, die darauf zurückzuführen waren, daß die besondere geographischen Lage und die historische Entwicklung Oberschlesien zu einem Berühungspunkt verschiedener benachbarter Kulturen gemacht hatten.

Infolge der engen nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Ethnien mußte es zu gegenseitigen Einflüssen und Verschmelzungen kommen. Doch ohne diese Einflüsse zu unterschätzen, muß man andererseits feststellen, daß sich, bedingt durch die friderizianische Siedlungspolitik und das Zusammenstoßen der Kulturkreise der einheimischen und der zugewanderten Bevölkerung, früher als in anderen Gebieten ein ethnisches Identitätsbewußtsein entwickelte. Sowohl die einheimische oberschlesische Bevölkerung wie auch die zugewanderten Siedler stellten fest, daß sich die Nachbarn bzw. die Bewohner des Nachbardorfes nicht nur einer anderen, fremden Sprache bedienten, sondern daß sie auch andere Sitten und Bräuche besaßen, einen anderen Typ von Häusern bauten, andere Trachten trugen, sich anderer Ackerbaugeräte bedienten und anderes mehr. Die Bildung der eigenen Identität führte auf beiden Seiten als natürliche Reaktion zu einer anfangs unbewußten, aber sehr starken Pflege der überlieferten kulturellen Werte.

Um diesen Punkt zu unterstreichen, soll folgendes Beispiel angeführt werden: Im Jahre 1856 wanderte eine Gruppe der Einwohner des Dorfes Klein Pluschnitz (Kreis Gleiwitz) in die USA aus. Obwohl sie preußische Untertanen gewesen waren, gaben sie ihrer dort gegründeten Siedlung den polnischen Namen Panna Maria (Jungfrau Maria). In der Geschichtsschreibung Amerikas wird diese Siedlung sogar als die erste polnische Niederlassung in Nordamerika angeführt. Bis heute bedienen sich die Nachkommen der ersten Einwohner des altpolnischen oberschlesischen Dialekts. Sie pflegen auch die ursprünglichen slawisch-oberschlesischen Sitten und Gebräuche. Das bedeutet aber nicht, daß die Siedler sich damals selbst als Polen deklariert hätten. Von ihrer amerikanischen Umgebung wurden sie jedoch, ihrem Verhalten und ihrer Sprache nach, als Polen eingestuft, unabhängig davon, daß sie mit preußischen Pässen eingereist waren. An diesem Beispiel wird der Unterschied zwischen einem ethnischen und einem nationalen Bewußtsein deutlich. Diese Differenzierung müssen wir die ganze Zeit im Auge behalten, wenn wir über Oberschlesien sprechen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kam es dann zu einem weiteren starken Entwicklungsschub des ethnischen Identitätsgefühls, der in beiden Volksgruppen zu einer gewissen Abwehrreaktion gegenüber der als fremd empfundenen Nachbarkultur führte. Dies drückte sich u.a. darin aus, daß bei beiden das überlieferte Kulturgut unverändert weitergegeben wurde. Infolge dieses Verhaltens haben viele archaische Bräuche, Sitten, Erzählstoffe und magische Strukturen im ethnischen Grenzland Oberschlesien überlebt, die sowohl im polnischen als auch im deutschen ethnischen Stammgebiet nicht mehr aufzufinden sind.

Die Besonderheit der oberschlesischen Bevölkerung

Die oberschlesische Bevölkerung, die über Jahrhunderte den verschiedenen schon genannten Einflüssen unterlag, besitzt dementsprechend bestimmte, für die oberschlesische Identität charakteristische Merkmale. Dabei handelt es sich vor allem um eine sehr starke Bindung an die Heimaterde, um starke innerfamiliäre Bindungen, um eine tiefe Religiosität, ein ausgeprägtes ethnisches Bewußtsein bei häufigem Fehlen eines Nationalbewußtseins, dem eine starke Bindung an die eigene Gemeinschaft gegenübersteht, eine kulturelle Doppelorientierung und seit Ende des 19. Jahrhunderts auch um eine Zweisprachigkeit.

Bei einer soziologischen Umfrage unter der einheimischen oberschlesischen Bevölkerung der Wojewodschaft Oppeln im Jahre 1990 wurden auf die Fragen "Wer bist du?", "Als was fühlst du dich?" folgende Antworten gegeben:

62%   "Wir sind und fühlen uns als Oberschlesier, als Hiesige"
15%   "Wir sind und fühlen uns als Deutsche"
11%   "Wir sind Oberschlesier und fühlen uns als Deutsche"
8%   "Wir sind Oberschlesier und fühlen uns als Polen"
4%   "Wir sind und fühlen uns als Polen"
(D. Berlińska)

Das differenzierte Identitätsgefühl ist charakteristisch für ethnische Gruppen. So wurde z.B. in den 80er Jahren im Baskenland eine Umfrage über das ethnische Bewußtsein durchgeführt. Die Resultate, die man dort zusammentrug, sind interessanterweise denen in Oberschlesien sehr ähnlich:

38%   der Befragten erklärten sich nur als Basken
26%   in gleichem Maße als Basken und als Spanier
14%   nur als Spanier
12%   mehr als Basken denn als Spanier
6%   mehr als Spanier denn als Basken und
4%   beantworteten "Ich weiß es nicht" oder "Ich will es nicht sagen".
(J. Linz, zitiert nach E. Porebski)

Aus beiden Befragungen geht hervor, daß das ethnische Identitätsgefühl viel stärker in Erscheinung tritt als das nationale. Eine Erklärung dafür liegt sicher darin, daß die ethnische Identität nur auf objektiven Faktoren basiert, wogegen für die nationale Identität eine rein subjektive Willenserklärung genügt. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, daß es in Grenzgebieten mit labilem Nationalbewußtsein durch äußere Einflüsse bedingt auch im reifen Alter oft zu einer diametralen Änderung der nationalen Option kommen kann.

Nach 1945: Deutsche oder Polen?

Zieht man die verworrene Geschichte Oberschlesiens in Betracht, darf heute niemand dafür verurteilt werden, daß er gleich nach Kriegsende in den Jahren 1945/46 auch gegen die eigene Überzeugung die polnische Staatsangehörigkeit annahm. Die sowjetischen Truppen betrachteten Oberschlesien als den ersten Teil des deutschen Staatsgebietes, das sie eroberten und übten Rache, egal, ob es sich um polnische oder deutsche Oberschlesier handelte. Alle wohnten im bisherigen deutschen Staatsgebiet, das genügte.

Der Kommunismus in seiner stalinistischen Form waltete in Polen bis 1956. Mit der Machtübernahme durch Gomułka ergab sich dann für einen Teil der Oberschlesier die Möglichkeit, im Rahmen der sogenannten Familienzusammenführung in die Bundesrepublik Deutschland überzusiedeln. Die zweite derartige Möglichkeit entstand nach Unterzeichnung des Gierek-Schmidt-Vertrages. Die Familienbindungen der oberschlesischen Bevölkerung mit Westdeutschland, vor allem mit dem Ruhrgebiet, bestehen seit der wirtschaftlichen "Ostflucht", die schon um die Jahrhundertwende begann. Durch die Flüchtlings- und Vertreibungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie noch enger. Nach 1956 verließen noch ca. 200 000 sogenannte Spätaussiedler Oberschlesien aufgrund des Artikels 116 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, der besagt:

"Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist [...], wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat."

Ausgangspunkt ist also das Fortbestehen des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937.

"Damit ergibt sich nach deutscher Auffassung, daß die in den Oder-Neiße-Gebieten lebenden früheren deutschen Staatsbürger und ihre Nachkommen weiterhin die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Da nur die Staatsbürgerschaft und nicht ethnische Kriterien zugrunde gelegt wurden, sind also auch die mehr als eine Million Polen, die im Deutschen Reich in den Grenzen von 1937 als anerkannte Minderheit lebten, und ihre Nachkommen Deutsche im Sinne des Grundgesetzes." (Klaus Ziemer: Die deutsche Minderheit in Polen nach 1945. Berlin 1990, Tagung in der Evangelischen Akademie.)

Durch diese sehr weite Fassung des Art. 116 GG wird die Anzahl der "potentiellen Deutschen" in Oberschlesien immer größer, wenn man immer weitere Generationen von Nachkommen und auch Mischehen in Betracht zieht. Ein zusätzliches Problem für ein reibungsloses Leben der deutschen Minderheit in der Republik Polen wird dadurch geschaffen, daß die Bundesrepublik Deutschland polnischen Staatsbürgern, die in Polen leben, die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkennt, obwohl beide Länder prinzipiell keine doppelte Staatsbürgerschaft anerkennen.

Es ist im Augenblick noch nicht abzusehen, welche weiteren rechtlichen Komplikationen hieraus erwachsen können. Der heutige Stand Augenblicklich beträgt der Anteil der einheimischen Oberschlesier in der Wojewodschaft Oppeln ca. 30% der gesamten Bevölkerung, das sind etwa 300 000 Menschen. Nach Angaben des Vorsitzenden der Oppelner deutschen Minderheit haben sich ca. 160 000 von ihnen in die soziokulturelle Gesellschaft der deutschen Minderheit eingetragen. Nimmt man die Bezirke Oppeln und Kattowitz zusammen, so beträgt die Zahl der Deutschen ca. 250 000. Somit ist also 300 km von der heutigen deutsch-polnischen Grenze entfernt ein Gebiet entstanden, das alle für ein Grenzgebiet typischen Merkmale trägt, obwohl es infolge der Besiedlung Niederschlesiens mit polnischen Umsiedlern aus dem Osten zur Enklave der geschlossenen deutschen Gemeinschaft mitten in Polen geworden ist.

Die Rechte der deutschen Minderheit und ihre Gleichstellung in der polnischen Gesellschaft wurden zusätzlich zur verfassungsmäßigen Garantie noch durch den deutsch-polnischen Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit auf europäischem Standard verankert. Außer der deutschen Minderheit bestehen in Oberschlesien andere Gesellschaften, welche Oberschlesier aller Optionen vereinigen, auch diejenigen, die hier seit 1945 ihre Heimat gefunden und hier Wurzeln geschlagen haben.

Es ist vor allem der Oberschlesische Verein mit Sitz in Kattowitz zu nennen, der die regionale Eigenart Oberschlesiens hervorhebt, seine ethnische, kulturelle und sprachliche Tradition pflegt. Oberschlesien ist zu einem Musterfall der historischen Entwicklung geworden. Auf diese oberschlesische "Herausforderung" muß mit den Mitteln der Politik angemessen geantwortet werden. Dabei könnte eine starke regionale Selbstverwaltung im westeuropäischen Sinn für Oberschlesien eine fruchtbringende Funktion haben. Eine solche Selbstverwaltung könnte als Modell für die regionale Umstrukturierung Polens gedacht werden. Die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Bewohnern könnte hier auch modellhaft für Regionen mit anderen Minderheiten ausgearbeitet werden.

Es scheint, daß die gesellschaftliche Zusammensetzung der heutigen Oberschlesier günstige Voraussetzungen dafür bietet. Nicht nur die bodenständigen Oberschlesier sind an interethnische Beziehungen gewöhnt. Auch die aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach Oberschlesien umgesiedelten Polen haben eine lange Tradition in dieser Hinsicht. Sie wohnten in ihren Herkunftsgebieten in einer multikulturellen Gesellschaft mit Ukrainern, Weißrussen, Litauern, Juden, Deutschen und anderen ethnischen Gruppen. Auch sie sind also an "das Andere" gewöhnt und fassen es als einen normalen Zustand auf, andere Sprachen, Sitten und Verhaltensweisen bei ihren Nachbarn vorzufinden.

Oberschlesien besitzt also gute Vorbedingungen, zu einer regionalen Keimzelle einer breiteren interethnischen Zusammenarbeit in einem vereinigten Europa zu werden. Von dem verantwortlichen Verhalten aller Beteiligten wird es abhängen, ob wir diese einzigartige Chance nutzen oder ob wir sie verpassen werden.

LITERATUR:

D. BERLIŃSKA, F. JONDERKO, B. MOJ: Stosunki etniczne i postawy polityczne mieszkańców Sląska Opolskiego (Raport z badań). Opole 1994; A. BROZEK: Slązacy w Teksasie. Relacje o najstarszych polskich osadach w Stanach Zjednoczonych. Warszawa/Wrocław 1972; F. HAWRANEK: Historyczne uwarunkowania odrębności regionu Górnego Sląska). In: D. Simonides (Hrsg.): Folklor Górnego Sląska. Katowice 1989; A. KŁOSKOWSKA: Tozsamość a identyfikacja narodowa. In: Kultura i społeczeństwo, Nr. 1, 1992; W. LESIUK: Die ethnischen Beziehungen in Oberschlesien unter besonderer Berücksichtigung des 20. Jahrhunderts. In: Oberschlesien als Brücke zwischen Polen und Deutschen. Begegnungen 3/90. Mühlheim 1990; DERS.: Historyczne uwarunkowania odrębności regionalnej Opolszczyzny. In: S. Malarski (Hrsg.): Sląsk Opolski. Region i jego struktura. Opole 1992; E. NOWICKA: Przyczynek do teorii etnicznych mniejszości. In: H. Kubiak i Paluch (Hrsg.): Załozenia teorii asymilacji. Wrocław/Warszawa/Kraków/ Gdańsk 1980. S. OSSOWSKI: Zagadnienie więzi regionalnej więzi narodowej na Sląsku Opolskim, Dzieła, Bd. III. Warszawa 1967; A. PORĘBSKI: Europejskie mniejszości etniczne. Geneza i kierunki przemian. Warszawa 1991; D. SIMONIDES: Archaizmy kulturowe na śląskim pograniczu. In: T. Smolińka (Hrsg.): Pogranicze jako problem kultury, Opole; DIES.: Die Bedeutung der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde für die Erzählforschung um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. In: Fabula. Zeitschrift für Erzählforschung, Bd. 32, H. 1-3, 1991; DIES.: Die schlesische Minderheit oder das oberschlesische Ethnikum. In: Protestantismus und Minderheiten in Europa. Begegnungen 6/93. Mühlheim 1993; DIES.: Folklor i folklorystyka śląska na tle Śródeł. In: Kultura ludowa śląskiej ludności rodzimej. Wrocław/ Warszawa 1991.

Inhaltsverzeichnis


Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X