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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X



Wojciech Wrzesiński, Breslau

Abwanderung aus Schlesien

Schlesien hat eine ausgeprägte Auswanderungstradition. Der natürliche Reichtum des Landes bot zwar prinzipiell die Bedingungen für ein relatives Wohlergehen seiner Bewohner, er wurde aber vor allem aufgrund der Beziehungslage zwischen Deutschland, Böhmen und Polen nicht im Interesse der Bevölkerung ausgenutzt. Auf Arbeitssuche emigrierten sowohl aus den landwirtschaftlich geprägten als auch aus den Industriegebieten Schlesiens große Massen von Deutschen und Polen, vor allem aber von Menschen ohne ausgebildetes nationales Zugehörigkeitsgefühl. In der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen wanderten sie in andere deutsche Gebiete, aber auch über den Atlantik aus. Man floh vor Hunger und Elend, oft aber auch wegen der politischen Bedingungen, die in Schlesien herrschten. Einige schlesische Regionen zogen jedoch zugleich auch Zuwanderer aus polnischen Gebieten an, für die die Arbeit in Schlesien eine materielle und kulturelle Verbesserung bedeutete. Noch 1943 zog ein deutscher Kenner dieser Problematik die Schlußfolgerung, daß die schlesische Bevölkerung "stärker als die Bevölkerung anderer Teile des Landes die Tendenz aufweise, ihre Heimat zu verlassen". Darüber hinaus kam er zu dem Ergebnis, daß "sich die Schlesier im Reich häufig besser einrichteten als bei sich zu Hause". Nach Meinung deutscher und polnischer Forscher betrug die Gesamtbilanz der Bevölkerungsverluste infolge der Migration zwischen 1840 und 1939 mehr als eine Million Personen.

Nach den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wuchs die schlesische Bevölkerung im Durchschnitt schneller als die im gesamten Reich. Schlesien war zu dieser Zeit Einwanderungsgebiet, was zu einer positiven Bevölkerungsbilanz führte. In den 40er Jahren ließ sich die Auswanderung des proletarisierten Kleinbürgertums nach Berlin und in den 50er Jahren die ersten Ausreisen kleiner Gruppen von oberschlesischen Bauern nach Amerika beobachten. In Preußen existierten begründete Befürchtungen vor einer Ausweitung der Übersee-Emigration. Die Hoffnungen, die in den 50er Jahren mit der Auswanderung nach Amerika verknüpft wurden, entwickelten sich geradezu zu einem Massenphänomen. Diese Tendenz verlor aber trotz der Befürchtungen preußischer Behörden bald an Bedeutung, wobei gleichzeitig die Migration nach West- und Mitteldeutschland zunahm. Weiterhin überwog freilich die Saisonarbeit über die ständige Auswanderung.

Berliner Straßenszene
Berliner Straßenszene

Traditionell hatte die Auswanderung nach Westen - aber nur innerhalb des Deutschen Reiches - für die demographische Entwicklung Schlesiens grundsätzliche Bedeutung. Aber erst in dem Zeitraum um 1870 wurde die Wanderungsbilanz in Schlesien negativ: die Emigration überstieg den natürlichen Bevölkerungszuwachs und die Einwanderung nach Schlesien. Die anfänglich geringen Verluste steigerten sich systematisch, so daß gegen Ende des 19. Jahrhunderts einige Kreise von der Entvölkerung ihrer Dörfer bedroht waren. Dies hing einerseits mit der guten Wirtschaftslage der Industrie in West- und Mitteldeutschland und andererseits mit den schwierigen Lebensbedingungen in Schlesien und der Krise der schlesischen Industrie zusammen. Die Situation war umso bedrohlicher, als die Migration vornehmlich die leistungsfähigsten, dynamischsten und unternehmerischsten Schlesier betraf. In einigen Kreisen sank die durchschnittliche Einwohnerzahl pro km2 zwischen 1871 und 1910 drastisch, so z.B. in Militsch von 60 auf 51 Einwohner, in Namslau von 64 auf 58, in Liegnitz von 79 auf 66, in Löwenberg von 89 auf 83 und in Grottkau von 85 auf 78.

Landarbeiter auf dem Weg zur Saisonarbeit
Landarbeiter auf dem Weg zur Saisonarbeit

Diese Wanderungen betrafen nicht nur Agrargebiete, sondern auch Kreise in der Nachbarschaft des oberschlesischen Industriegebiets und sogar das Industriegebiet selbst. So wenig in den ersten Jahren nach dem Wirtschaftsaufschwung infolge des Deutsch-Französischen Krieges die Versuche Früchte trugen, Industriearbeiter zur Arbeit im Westen anzuwerben, so sehr veränderte sich die Situation gegen Ende des Jahrhunderts. 1890 arbeiteten schon mehr als 6 000 oberschlesische Bergarbeiter in den Kohlegruben des Ruhrgebiets. Man emigrierte nicht nur, um Arbeit, sondern auch, um bessere Lebensbedingungen zu finden. Davon betroffen waren nicht nur Dörfer und Kleinstädte, sondern auch die Industriegebiete. Sowohl Arbeitslose als auch erfahrene Industriearbeiter wanderten aus. Unter den Emigranten aus Oberschlesien überwogen Polen, doch gab es auch Deutsche. Der Grund lag in der ständigen Erweiterung der Einkommensschere zwischen Schlesien und den übrigen Gebieten Preußens. 1913 betrug das Durchschnittseinkommen in Schlesien im Vergleich zum gesamten Reich 82%, während es in Berlin bei 160% und in Sachsen bei 120% lag.

Schlesische Auswanderer, größtenteils Dorfbewohner, ließen sich hauptsächlich in Städten nieder. 1907 lebten 730 000 Schlesier außerhalb Schlesiens im Deutschen Reich. Von ihnen waren 50% in Industrie und Bergbau, 8,6% in der Landwirtschaft, 18,2% in Handel und Verkehr und 2,6% als Haushaltshilfen beschäftigt. 11,3% waren im öffentlichen Dienst tätig oder freiberuflich. 9,4% waren berufslos. Durch den Aufenthalt außerhalb Schlesiens vertiefte sich das Nationalbewußtsein vieler Schlesier; der Prozentsatz von Personen ohne ausgebildetes Nationalgefühl nahm ab. In einigen Gebieten bildeten sich Kolonien, in denen sich vornehmlich schlesische "Emigranten" niederließen und ihre Sitten und Gebräuche pflegten.

Arbeit auf schlesischen Staubkohlehalden
Arbeit auf schlesischen Staubkohlehalden

Die Zahl der Auswanderer stieg in wirtschaftlichen Krisenzeiten, aber auch bei größeren Streikwellen und bei Intensivierung sozialer Konflikte an. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschwerte sich der Oppelner Regierungspräsident, daß die oberschlesischen Industriebetriebe Vereinbarungen zur Kohlelieferung nicht einhalten könnten, weil "infolge der Streikbewegung ein Teil der oberschlesischen Bergarbeiter nach Westfalen und in andere Bergwerksgebiete ausgewandert" sei. 1906 sollten allein aus Oberschlesien 8 000 Industriearbeiter nach West- und Mitteldeutschland auswandern. Zu Anfang des Jahrhunderts klagte die Oppelner Handelskammer:

"Es ist für uns eine Niederlage, daß Westfalen uns ohne Unterlaß Bergarbeiter abführt und der Verlust durch den Zustrom von Arbeitern außerhalb des Kordons nicht wettgemacht wird".

Von dort kamen zumeist Landarbeiter zur Saisonarbeit, während in der schlesischen Industrie fast ausschließlich Schlesier arbeiteten. In Niederschlesien war die Emigration vor allem in den Regionen empfindlich zu spüren, wo sich die Textilindustrie schon früh entwickelt hatte. Nach ihrem Niedergang entvölkerten sich diese Gebiete aufgrund der Auswanderung.

Insgesamt entschieden die Bevölkerungsverluste vor dem Ersten Weltkrieg über Schlesiens negative Migrationsbilanz in allen Kreisen. Nach der Berufszählung von 1907 stammten 12% aller Arbeiter in Westfalen, 18% aller Industriearbeiter in Berlin und 27% aller Arbeiter im Königreich Sachsen aus Schlesien. Nach Angaben zeitgenössischer deutscher Wissenschaftler deckte die Migration von außen, vor allem aus dem russischen Teilungsgebiet, zwei Fünftel der Emigrationsverluste, wobei diese Zahl unablässig stieg. Es war ein ständiger Zuwachs an Emigrationsverlusten zu beobachten. Dabei hing die Auswanderung aus Schlesien stark von der wirtschaftlichen Konjunktur ab. Doch emigrierten nicht nur Personen, die außerhalb Schlesiens nach besseren Arbeitsbedingungen suchten.

Berliner Gendarmenmarkt
Berliner Gendarmenmarkt

GUSTAV FREYTAG, EIN SCHLESIER 1836 IN BERLIN

Im Herbst 1836 kam ich nach Berlin. Mein großer Freund freute sich über mein Staunen und forderte Bewunderung für alles Neue und Prächtige, das er mir vorstellte. Er war gekränkt, weil ich den Breslauer Ring für schöner erklärte als den Gendarmenmarkt und nicht zugeben konnte, daß die Feldherrnstatuen um die Hauptwache viel großartiger wären, als unser Blücher auf dem Salzring. Er räumte mir sehr ungern ein, daß Breslau in Kirchen mehr leiste als sein Berlin mit der großen Domschachtel. Aber als er die breiten Straßen seiner Stadt vorzeigte, wurde er unwillig, wenn ich ihm verstockt entgegenhielt, daß sie aussehen wie ein weites schlotteriges Kleid an einem mageren Leibe, denn auf der Leipziger Straße konnte man 1836 bequem die Menschen zählen so weit das Auge reichte, das war bei den dichtgefüllten Gassen Breslaus doch unmöglich. Freilich gegen das Königsschloß, das Brandenburger Tor und das Museum konnte wieder ich nicht aufkommen, und als ich die Räume des Museums betrat, war er mit der Wirkung zufrieden und wunderte sich nur, daß ich an den Antiken, für die ich etwas mehr Kenntnisse und Verständnis mitbrachte, größeren Anteil nahm als an den Bildern.

Auch das Tagesleben der Stadt war mir fremdartig und unheimisch. Wir Schlesier sprachen behaglich und breit mit dem Vordermunde, die Berliner benutzten beim Sprechen energisch alles, was im Munde vorhanden ist, und außerdem, wenn sie hochmütig wurden, noch die Nase; wir daheim waren lässig und behäbig im Umgange und ertrugen mit gutherziger Höflichkeit Eigenheiten in Sprache und Benehmen der anderen, die Berliner faßten lauersam und spottlustig alles, was ihnen ungeschickt und lächerlich erschien, gaben scharfe Antwort und freuten sich des Angriffs. Wenn am Spätabend das Volk der Straßen aus den Schenken kam, hatten auch meine Schlesier gelärmt, und so oft zwei Haufen zusammenstießen, hatten sie einander reichlich Schimpfworte gegönnt und waren dann friedlich nach Hause gegangen. In Berlin gab es bei solchem Zusammenstoß nicht lange Beschwerden, sondern sogleich Hiebe und jeden Abend hörten wir aus unseren Stuben -wir wohnten auf dem Hackeschen Markt- den scharfen Lärm der Prügelei.

Gustav Freytag, Erinnerungen aus meinem Leben (1887)

Dies zeigte sich besonders nach Streiks und anderen Arbeiterunruhen. In Schlesien waren im 20. Jahrhundert nämlich sogenannte "Schwarze Listen" weit verbreitet, in denen die Namen von Arbeitern aufgeführt waren, die sich besonders aktiv an Streiks beteiligt hatten. Man wollte sie in den örtlichen Gruben und Fabriken nicht beschäftigen, so daß sie anderswo nach Arbeit suchen mußten, auch wenn das zwangsläufig zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte führen mußte. Diese zumeist unqualifizierten Arbeiter waren vornehmlich auf dem Land beschäftigt, was sich negativ auf die oberschlesische Industrie auswirkte. So mußte man sich vor dem Ersten Weltkrieg darum bemühen, schlesische Arbeiter aus dem Westen zurückzulocken. Dies führte jedoch zu keinen nennenswerten Ergebnissen. Im Gegensatz zu anderen deutschen Provinzen, in denen vor dem Ersten Weltkrieg der Anteil fremder Arbeitskräfte erheblich war, stammten in der oberschlesischen Industrie 96,2% aller Beschäftigten aus Schlesien selbst.

Zwischen 1867 und 1910 verlor Oberschlesien (der Regierungsbezirk Oppeln) fast 250 000, der Regierungsbezirk Breslau fast 220 000 und der Regierungsbezirk Liegnitz 166 000 Menschen aufgrund der Auswanderung. Nur in drei oberschlesischen Kreisen ließ sich zwischen 1871 und 1905 ein Migrationszuwachs verzeichnen, nämlich in Beuthen, Zabrze und Kattowitz. In den übrigen Kreisen lagen die Verluste zwischen 11% (Gleiwitz) und 124% (Grottkau) über dem natürlichen Zuwachs, was in absoluten Zahlen einen Bevölkerungsverlust von 5 000 bis 40 000 Personen bedeutete. Dabei wurden diese Verluste durch den natürlichen Bevölkerungszuwachs nicht kompensiert, obwohl er in Oberschlesien wesentlich höher als in anderen deutschen Industriegebieten war. Die größten Migrationsströme gingen nach Berlin, Brandenburg, Westfalen und ins Rheinland, aber auch in das Gebiet um Posen. Dabei läßt sich aber auch eine starke Wanderung innerhalb Schlesiens feststellen: Man zog beispielsweise vorübergehend nach Breslau, um sich beruflich fortzubilden, und wanderte dann nach West- oder Mitteldeutschland aus. Geringere Ausmaße nahm die Emigration in andere Gebiete, hauptsächlich in das Königreich Polen oder weiter ins Innere Rußlands oder auch nach Frankreich an.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bremste die Emigration nach Westen, dämmte sie aber nicht vollkommen ein. Durch die Einberufung der jungen Jahrgänge wuchs der Bedarf an Arbeitskräften auch in der Landwirtschaft. Dabei benötigte man auch schlesische Arbeiter für Rüstungsbetriebe außerhalb Schlesiens, was trotz der Einschränkungen des Krieges einen Anreiz zur Emigration bildete. Versuche der schlesischen Behörden, ausreisewilligen, wehrdienstuntauglichen Arbeitern die Emigration zu erschweren, zeigten kaum Wirkung. Der Mangel an Arbeitskräften wurde teilweise durch Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten mit Hilfe des deutschen Militärs an der Ostfront gedeckt. Gegen Ende des Krieges emigrierten einige Deutsche aus Schlesien aus Angst vor einem befürchteten Anschluß Oberschlesiens an Polen.

Durch die neue Grenzziehung verstärkten sich die Migrationsbewegungen in Schlesien. In die weiterhin deutschen Gebiete zogen mehr als 200 000 Deutsche, vor allem, aber nicht ausschließlich aus den Polen zugesprochenen Gebieten Oberschlesiens. Aus der autonomen Wojewodschaft Schlesien emigrierten sie aber auch in andere deutsche Gebiete, in die ihre Familien auf Arbeitssuche schon zuvor ausgewandert waren. Die deutschen Behörden betrachteten die Einwanderung aus dem polnischen Teil Oberschlesiens in die deutschen Gebiete Schlesiens mit Mißtrauen, weil dies die Argumente für einen Rückanschluß der polnisch gewordenen Gebiete an Deutschland schwächte. In der Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen wanderten zahlreiche Polen aus anderen Teilen Polens in die Wojewodschaft Schlesien ein.

Auch in der Zwischenkriegszeit zog aus den schlesische Gebieten Deutschlands ständig ein Teil der Bevölkerung nach Westen ab, während gleichzeitig die Beschäftigung ausländischer Arbeiter erschwert wurde. Insgesamt waren die Migrationsverluste aber geringer als in den anderen deutschen Ostgebieten und betrafen nicht alle schlesischen Gebiete gleichermaßen stark. Auch wenn im Regierungsbezirk Oppeln die Bevölkerungszahl sank, ließ sich während der Weimarer Republik zeitweilig für den Regierungsbezirk Breslau sogar eine Bevölkerungszunahme durch Migration verzeichnen. Von der Auswanderung waren besonders die Agrargebiete betroffen, da West- und Mitteldeutschland bessere Arbeitsbedingungen für Landarbeiter boten. So verstärkte sich die Flucht der Landarbeiter nach Westen und wurde allmählich nicht nur zu einem wirtschaftlichen, sondern auch zu einem politischen Problem. Einige Grenzgebiete waren von Entvölkerung bedroht. Versuche der Behörden, Landarbeiter in Schlesien zu halten und so die schlesische Landwirtschaft zu retten, erwiesen sich jedoch als erfolglos.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten weckte die trügerische Hoffnung, die Bevölkerungsverluste in Schlesien durch Migration bremsen zu können. Es sollte sich aber schnell zeigen, daß diese Hofnungen vergeblich waren. Durch die ungleiche Wirtschaftsentwicklung der verschiedenen Provinzen bestand in der west- und mitteldeutschen Industrie Bedarf an Arbeitskräften aus dem Osten. Schlesien wurde im Gegensatz zu den früheren Erwartungen auch im Dritten Reich weiter vernachlässigt. Neue Investitionen, vor allem in der Rüstungsindustrie, wurden in Schlesien nicht in Angriff genommen. Die fehlende Investitionsbereitschaft auf diesen Gebieten bedeutete, daß die Behörden unsicher über das weitere politische Schicksal dieses Gebietes waren.

Zur Zeit der Machtübernahme war die Zahl der Arbeitslosen in Schlesien besonders hoch, was auch langsamer als in den anderen Gebieten des Reiches behoben werden konnte. Nach Meinung zeitgenössischer Wissenschaftler fand dies mit einjähriger Verspätung statt und war nicht so sehr mit dem Zustand der schlesischen Wirtschaft, als vielmehr mit der Möglichkeit, außerhalb Schlesiens Arbeit zu finden, verbunden. Ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler stellte fest, daß nach 1933

"die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, die in Schlesien als natürliche Folge der wirtschaftlichen Rückständigkeit die Abwanderung vieler Arbeitskräfte in andere Gebiete begünstigte, ein Licht auf weitere Probleme der schlesischen Wirtschaftsregion wirft".

Auch Beamte in Schlesien bestätigten die Ansicht des Landrats von Militsch in der Hitlerzeit, daß sich "mit dem Wohlstandswachstum und der Stärkung anderer Teile des Deutschen Reiches die Flucht aus unseren Dörfern in den Grenzregionen verstärkt" habe. Dazu trug auch die Politik der Nazis bei, die nur ungern in diesem Gebiet neue Investitionen zur Vorbereitung des Krieges tätigte. Man befürchtete, daß diese Investitionen im Falle eines bewaffneten Konflikts unmittelbar bedroht seien. So war Schlesien auch im Dritten Reich von höchsten Migrationsverlusten betroffen. Diese Verluste betrafen nicht nur die Landbevölkerung, sondern auch die Industriegebiete, auch wenn der Arbeitskräftemangel in vielen Bereichen empfindlich zu spüren war. So entstand die Notwendigkeit, vor allem für die schlesische Landwirtschaft, Arbeitskräfte von außerhalb herbeizuholen. Es wurde bemerkt, daß durch die Emigration einigen Regionen Schlesiens die Entvölkerung drohe, zumal sich auch die Altersstruktur der Bevölkerung ungünstig entwikkelte. So schrieb der Landrat von Lauban 1937:

"die Grenzgebiete entvölkern sich [...] im allgemeinen immer mehr, wenn es um junge, kräftige Arbeitskräfte geht. Die jungen Leute ziehen nach Mittel- und Westdeutschland, so daß in einigen Ortschaften an der Grenze nur alte, mehr oder weniger arbeitsunfähige Leute zurückbleiben".

Unterschiedliche behördliche Berichte liefern Beweise für die Behauptung, daß "die Einöden in Schlesien immer mehr würden". Zur Auswanderung aus Schlesien nach West- und Mitteldeutschland trugen höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bei, da in Schlesien viele feudale Überreste beibehalten worden waren. Hinzu kamen schlechtere Wohnbedingungen, Kriegsfurcht, weitgehende Rekrutierungstätigkeit und die Flucht vor Nationalitätenkonflikten. Eine besondere Rolle spielte dabei auch die ländliche Wirtschaftsstruktur, die große Anzahl von Kleinstwirtschaften, die nur in geringem Maße die Möglichkeit hatten, ihre Betriebsfläche zu erhöhen. Behördliche Versuche, die Emigration aus Schlesien durch staatliche Kredite zu bremsen, konnten aufgrund der politisch motivierten Weigerung, mit der polnischen Wirtschaft zusammenzuarbeiten, keinen Erfolg bringen. Ohne größere Investitionen konnte sich die schlesische Wirtschaft nicht erholen, und die periphere Lage innerhalb des Reichs war selbst in der Zeit des konjunkturellen Aufschwungs im Reich hinderlich für Neuinvestoren.

Aufgrund der Migrationsbewegungen war im Dritten Reich das Bevölkerungswachstum in Schlesien niedriger als in den anderen Ostprovinzen. Die politische Lage Schlesiens bestimmte die wirtschaftlichen Bedingungen und bot so einen Anreiz zur Auswanderung. Versuche, diese Situation durch innere Aktivität zu umgehen, blieben erfolglos. In den letzten Jahren vor dem Krieg stieg die Zahl der Saisonarbeiter aus Polen und vor allem aus der Wojewodschaft Schlesien an. Gleichzeitig war die Forderung deutscher Beamter in Schlesien, daß "Wege gefunden werden müssen, ausgewanderte Arbeiter in ihre Heimat zurückzuführen", irreal. Als einzige Möglichkeit, die Emigration zu verhindern, betrachtete man auf deutscher Seite politische Tätigkeit und die Propaganda, die den Verbleib in Schlesien mit der Verteidigung des Deutschtums gleichsetzte. Nach Meinung von führenden Wirtschaftskräften der Nazis wurde die Zunahme von Auswanderungen als für die Interessen des Nationalsozialismus "schmerzliche" Erscheinung betrachtet, wobei man die Unfähigkeit eingestand, selbst in diesem totalitären Staat die Emigration völlig einzudämmen. Die Unmöglichkeit, die Auswanderungswelle unter den gegebenen Umständen zu stoppen, bestätigte ein ansässiger Wirtschaftsführer, der 1938 nach Analyse der inneren Beziehungen schrieb, daß "die Wanderung von Arbeitslosen aus Schlesien ins Reich nicht in eine Wanderung von Arbeitslosen aus dem Reich nach Schlesien verwandelt werden" könne. Auch nach deutschen, nicht nur propagandistisch beeinflußten Einschätzungen konnte der Zustrom von Arbeitern keinesfalls durch behördliche Maßnahmen aufgehalten werden, was deutlich gegen die damaligen Staatsgrenzen in Schlesien sprach. Auch Versuche, Arbeiter aus anderen Regionen Deutschlands nach Schlesien zu locken, blieben ohne größere Ergebnisse.

In den letzten Jahren vor Kriegsausbruch fehlte es nicht an Berichten aus der Provinz Schlesien darüber, daß der Mangel an Arbeitskräften die Ausnutzung aller wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Provinz unmöglich mache. Die schlechteren Arbeitsbedingungen, die geringeren Verdienstmöglichkeiten boten Anreiz, sich in West- und Mitteldeutschland Arbeit zu suchen. Infolge der Emigration in der Nazizeit sank die Bevölkerungszahl in den deutschen Gebieten Schlesiens nach verschiedenen Schätzungen um 160 000 bis 208 000 Personen.

Freilich entsprach die Arbeitsemigration nach Westen nicht der Politik der deutschen Regierung, die an der Ausweitung ihres Einflusses im Osten interessiert war. Die Auswanderung schwächte diese Komponente der deutschen Politik. Die Emigration aus Schlesien wurde als Ostflucht bezeichnet und war im Grunde der Sieg der wirtschaftlichen Gesetze über die mit ihnen unvereinbaren Grundsätze der deutschen Ostpolitik. Die Nazi-Behörden waren durch diese Prozesse stark beunruhigt, besonders angesichts der Kriegsvorbereitungen, da sie in der Entvölkerung Schlesiens eine gewichtige Bedrohung ihrer Expansionspläne sahen. Doch die Auswanderung aus Schlesien war im Dritten Reich besonders hoch, höher als etwa in der Weimarer Republik. Die von den nationalsozialistischen Behörden unternommenen Versuche, dies einzuschränken, brachten jedoch nicht die erhofften Resultate, da man nicht die grundlegenden wirtschaftlichen und kulturellen Probleme anpackte.

Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eröffneten sich Möglichkeiten, aus den durch die Wehrmacht besetzten Gebieten nach Schlesien einzuwandern, wobei freilich auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene als neue Arbeitskräfte nach Schlesien gebracht wurden. Eine wichtige Rolle kam dabei auch den zahlreichen Insassen der Konzentrationslager zu. Trotz der Einschränkungen des Kriegsrechts hielt - wenn auch in geringerem Maße - die Arbeitsmigration nach Westen an.

In der neuen politischen Situation der Nachkriegszeit, in der neben der tatsächlichen Grenze eine ideologische Grenze verlief und es in großem Maßstab zu einem Bevölkerungswechsel kam, mischte sich die Aussiedlung mit der Schaffung neuer polnischer Ansiedlungen. Die traditionelle Auswanderung wurde jedoch nicht wiedergeboren. Anstelle ökonomischer Gesetze, die einmal über die Emigration bestimmt hatten, herrschten nun politische und ideologische Gründe. Dennoch wanderten auch weiterhin Einzelpersonen auf unterschiedliche Art nach Westen in die traditionellen Emigrationsregionen aus. Die Auswanderung verstärkte sich nach 1980 und betraf nicht nur in Schlesien Alteingesessene, sondern auch Neuansiedler. Sie war nicht nur wirtschaftlich, sondern gleichzeitig auch politisch begründet. Für die traditionellen Emigrationsregionen stellten sie keine Bereicherung dar, da die neuen Einwanderer eine separate Gruppe bildeten, die sich gewöhnlich nicht mit alten schlesischen Emigranten verstand. Dabei umfaßte diese Emigrationswelle verschiedene gesellschaftliche Gruppen und nicht nur Arbeiter und Arbeitslose, die auf Arbeitssuche ihre Heimat verlassen mußten. Diese Fragestellung fordert jedoch vor einer endgültigen Bewertung noch detaillierte Untersuchungen. Wir haben aber bislang keine verläßlichen Zahlen zu ihrem Umfang, ihrer Dauer und ihrer Bedeutung im Hinblick auf Nationalität, Kultur und Wirtschaft. Die publizistische Aufarbeitung, die gerade im Schwange ist, reicht für eine umfassende Bewertung nicht aus.

Schlesien - an einer Stelle, wo zwei Gebiete mit unterschiedlichem wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsstand aufeinanderstießen - war ohne Rücksicht auf die staatliche Zugehörigkeit traditionell ein Gebiet mit starken Bevölkerungsbewegungen, die mit unterschiedlicher Stärke vor allem in den Westen führten. Dabei spielte die Übersee-Emigration mit Ausnahme des 19. Jahrhunderts kaum eine Rolle. Der Abzug der eigenen Bevölkerung nach Westen zog zugleich Emigranten aus dem Osten, und nicht nur Polen, vor allem als Saisonarbeiter an. Diese Situation hält in beschränktem Ausmaße und unter veränderten politischen Realien bis heute an.

Schlesische Emigranten, Polen und Deutsche gleichermaßen, leisteten einen großen Beitrag beim Ausbau der wirtschaftlichen Macht von West- und Mitteldeutschland, was vor allem im Rheinland, in Westfalen und Berlin nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kultur bis heute sichtbar ist. Der Migrationsverlust von einer Million Einwohnern bis 1939 beschränkte das wirtschaftliche Entwicklungspotential Schlesiens entsprechend den damaligen Entwicklungsrichtungen auf die bestehenden Möglichkeiten. Die Bevölkerungsverluste wurden durch Einwanderer aus anderen Provinzen oder aus dem Ausland nicht aufgefangen. Die politischen Klagen vieler Deutscher über die Entvölkerung einiger schlesischer Gebiete und die daraus entstehende Gefahr für den Verbleib Schlesiens bei Deutschland waren keineswegs nur ein propagandistisches Argument. Dabei ist es heute gleichermaßen schwer, sich die deutsche Wirtschaft in verschiedenen Epochen ohne die große Zahl schlesischer Arbeiter vorzustellen.

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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
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Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
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