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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X

Margret Heitmann/Harald Lordick, Duisburg

ZUR GESCHICHTE DES JUDENTUMS IN SCHLESIEN

In die an sich schon wechselvolle Geschichte Schlesiens unter polnischer, böhmischer, österreichischer, schließlich preußischer Herrschaft mischt sich für das schlesische Judentum die generelle Unsicherheit jüdischer Existenz über die Jahrhunderte. Jüdische Geschichte in Schlesien ist in den ersten Jahrhunderten vor allem eine Geschichte von Verfolgungen und Vertreibungen und zumeist der Willkür der verschiedenen Herrscher.

Siegel der Synagogen Gemeinde Glogau
Siegel der Synagogen Gemeinde Glogau

Den ersten urkundlich belegten, relativ ungestörten Ansiedlungen im 12. und 13. Jahrhundert folgten zunehmende Beschränkungen vor allem auf Betreiben der Kirche. Die mit den Pestepidemien des 14. Jahrhunderts in vielen Gebieten Europas einhergehenden Judenverfolgungen betrafen auch Schlesien, selbst dann, wenn die Pest dort gar nicht auftrat. Doch nicht nur für den „Schwarzen Tod“ wurden Juden verantwortlich gemacht, sondern auch nach Stadtbränden gab es Ausschreitungen gegen sie, wie in Breslau (1360) oder Glogau (1442). In Erinnerung geblieben sind ebenso die Verfolgungen im Zusammenhang mit den antijüdischen Predigten Johannes Capistranos 1452-1455 in Schlesien; insbesondere die Orte Schweidnitz, Jauer, Liegnitz, Brieg und Breslau waren von der Inquisition betroffen. Allein in Breslau starben 41 Juden den Tod auf dem Scheiterhaufen, über 300 wurden aus der Stadt vertrieben. Bis ins späte 19. Jahrhundert stand auf dem Breslauer Salzring ein eisernes Gedenkkreuz, das an diese Ereignisse erinnerte.

Nachdem sich eine Reihe von Städten das Recht de non tolerandis Judaeis verschafft hatte und infolge des Vertreibungsedikts des Kaisers Ferdinand I. von 1558 gab es nur wenige Juden in Schlesien mit Ausnahme der privilegierten Gemeinden Glogau und Zülz. Die jüdische Rechtsstellung besserte sich zwar durch das Toleranzedikt Kaiser Karls VI. 1713; dieses Edikt wurde jedoch 1738 insbesondere auf Drängen von Rat und Kaufmannschaft in Breslau faktisch wieder außer Kraft gesetzt, indem „die Ausweisung der gesamten unprivilegierten Judenschaft aus Schlesien“ angeordnet - und zum Teil auch durchgeführt - wurde. Maria Theresia drängte noch 1740 kurz vor der Eroberung Schlesiens durch Friedrich II. auf die strenge Einhaltung dieser Bestimmung und erließ einen Ausweisungsbefehl gegen die Breslauer Juden. Im Resultat war das schlesische Judentum damit wieder auf die Gunst von Standesherrschaften und Fürsten angewiesen, die jedoch von Ort zu Ort sehr verschieden sein konnte.

Der Beginn der preußischen Herrschaft in Schlesien schien deshalb auch für das Judentum eine bedeutsame Veränderung mit sich zu bringen. Der Rabbiner und Historiker Marcus Brann schildert,

„dass das gedrückte Gemüt der Juden sich hoffnungsfreudig dem jungen Preussenkönig zuwandte, der im Dezember 1740 in Schlesien einrückte, in der Zuversicht, dass ein Strahl der Gerechtigkeit und Milde nunmehr endlich auch ihren dunklen Pfad erhellen werde“.

Natürlich war auch die jüdische Bevölkerung von den Kriegshandlungen betroffen. In Glogau flüchtete fast die Hälfte der jüdischen Einwohner vor der preußischen Belagerung, der jüdische Friedhof fiel der Befestigung der Stadt zum Opfer. Immerhin bedeutete die Eroberung Schlesiens durch Preußen, daß das Dekret von 1738 nicht weiter umgesetzt wurde; Maria Theresias Prager Judenvertreibung im Jahre 1744 mag den schlesischen Juden vor Augen geführt haben, daß hier das Schicksal eine durchaus positive Wendung genommen hatte. Die Glogauer Gemeinde ersuchte nach der Besitzergreifung den König unverzüglich um eine Bestätigung ihrer bisherigen Privilegien, welche am 25. Mai 1743 auch erteilt wurde. Auch die Gemeinde Zülz wurde in ihren Privilegien bestätigt, während mit der Deklaration vom 6. Mai 1744

„das bisher in Dero Haupt-Stadt Breßlau überhand genommene unnützes Judenvolck, binnen zwey Monathen gedachte Stadt räumen“ sollte, „einige zum Müntz-Wesen nöthige, wohlberüchtigte Jüdische Familien aber geduldet“ wurden.

Schon bald wurden damit die großen Erwartungen „bitter enttäuscht“ und die Grundlinie der Politik unter Friedrich II. gegenüber der jüdischen Bevölkerung sichtbar, eine nur beschränkte Toleranz aus rein wirtschaftlicher Notwendigkeit. Insgesamt zwölf Breslauer Familien wurde damals das dauernde Aufenthaltsrecht gewährt.

Eine unmittelbare Auswirkung der preußischen Herrschaft war die nach und nach erfolgende Vereinheitlichung der Rechtsstellung der Juden in Schlesien; im Gegensatz zur früheren Zeit, in der das Judenwesen von den verschiedenen, relativ selbständigen schlesischen „lokalen obrigkeitlichen Gewalten“ ganz unterschiedlich gehandhabt wurde, unterstand es nun, entsprechend den anderen preußischen Provinzen, den Kriegs- und Domänenkammern in Breslau und Glogau. Im Unterschied zu den anderen Provinzen war für die schlesischen Kammern jedoch nicht das Berliner Generaldirektorium zuständig, sondern ein Sonderministerium, das seine Anweisungen direkt vom König erhielt. Bis 1812 waren die schlesischen Juden nun in vier Gemeinden organisiert, nämlich Breslau, Glogau, Zülz und die Landgemeinde. Nach der Zählung von 1791 lag die Anzahl der schlesischen Juden bei 9 066 Personen: 2 484 in Breslau, 1 012 in Zülz,1 791 in Glogau sowie 3 779 in den Städten und Dörfern der Landgemeinde. Ihre rechtliche Verfassung war im wesentlichen durch das preußische Generalreglement vom 17. April 1750 bestimmt. Das Revidierte General-Privilegium und -Reglement bestimmte die wirtschaftliche, politische und soziale Stellung der jüdischen Bevölkerung im gesamten brandenburgisch-preußischen Staat.

„Wie überall in Deutschland war auch dieses Generalreglement darauf bedacht, die Anzahl der im Staat vorhandenen Juden in fest bestimmten Schranken zu halten, ihnen nur genau festgelegte Tätigkeiten innerhalb des dem Staat eigenen Wirtschaftssystems zu gestatten und ihnen für Schutz und Duldung ein Höchstmaß von Abgaben aufzuerlegen.“ (Jacob Jacobson: Die Judenbürger-Bücher der Stadt Berlin. Berlin 1962)

Aufgrund der Finanzprobleme im Siebenjährigen Krieg wurde das Gesetz teilweise liberalisiert und Sonderprivilegien erteilt, die mit höheren Abgaben verbunden waren. Beispielhaft hierfür sind die Zwangsabnahme von Porzellan aus der Königlichen Porzellanmanufaktur, die Silberlieferung, die Übernahme unwirtschaftlicher Wirtschaftszweige. Begünstigt wurden reiche Bankiers, Juweliere, Münzunternehmer und Fabrikanten. Naturalisationspatente wurden nur einigen wohlhabenden Familien gewährt, als erster der Berliner Familie Daniel Itzig im Jahre 1792. Erst die Städteordnung von 1808 und das Emanzipationsedikt von 1812 schafften die Voraussetzung, das städtische Bürgerrecht bzw. das Staatsbürgerrecht zu erlangen.

Der allmähliche Zugang zur bürgerlichen Gesellschaft bot jüdischerseits nicht nur Vorteile in persönlicher, sozialer und beruflicher Hinsicht. Als negatives Vorzeichen hatte er die Relativierung oder Aufgabe traditioneller Werte sowie die sukzessive Lösung von religiös begründeten Bindungen zur Folge. David Friedländer (1750-1834), Schüler und Freund Moses Mendelssohns und Mitbegründer der Jüdischen Freischule in Berlin, bemühte sich um die praktische Umsetzung der Aufklärungsideen in jüdischen Kreisen. Darüber hinaus wehrte sich Friedländer gegen jede Form religiösen Aberglaubens. Ein Beispiel hierfür ist der Briefwechsel aus den Jahren 1779-1799, den er mit dem Glogauer Kaufmann Meyer Eger führte. Meyer Eger wird von Abraham Geiger als ein Mann beschrieben,

„ ... welcher der ersten Zeit der durch Mendelssohn angeregten Bewegung angehörte, sowie dadurch, daß er in enger Beziehung zu den tonangebenden Männern der neuen Richtung stand.“

In seinem Briefwechsel mit David Friedländer wurden neben Geschäftsbeziehungen auch wissenschaftliche Fragen erörtert. Den „kaustischen Witz“ von David Friedländer mußte der Glogauer Kaufmann sich gefallen lassen angesichts seiner abergläubischen Argumentation darüber, daß die Glogauer Synagoge von dem Großfeuer in der Stadt im Jahre 1789 verschont geblieben war.

„Ich weiß wahrhaft nicht“, so David Friedländer, „was Sie mit dem Brief gedacht haben. Wollen Sie sich über die Sache lustig machen, so war der Scherz bei einem so ernsten Vorfall sehr unanständig, ist es Ihr Ernst, so rathe ich Ihnen einen Aderlaß. Der allmächtige Gott, der immer nach ewigen und weisen Regeln handelt, und seine Natur wirken läßt, gebe Ihnen ins Herz vernünftige Bücher zu lesen, daß Ihr Verstand aufgeheitert werde, und Sie sich in einer Sprache ausdrücken, die keine solchen Abweichungen von den richtigen und wahren Grundsätzen zuläßt. Das wünscht Ihnen zum neuen Jahr Ihr Freund.“

Die Briefe dokumentieren auf der einen Seite, vertreten durch Friedländer, den Glauben an die Vernunft, vor der sich auch die Religion zu legitimieren habe. Auf der anderen Seite, vertreten durch Eger, das Festhalten an traditionellen religiösen Vorstellungen, deren Selbstverständlichkeit angesichts des aufgeklärten und emanzipatorischen Denkens der Zeit jedoch fragwürdig geworden war. Zwar wurden für das Aufgeben der religiösen Kultur, die die Sprache, die Normen gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie die Rechtsordnung mit einschloß, bürgerliche Freiheiten gewonnen; diese aber konnten oft nur unzureichend die Tradition ersetzen. Eger, der zunächst große Zweifel hegte, ob er seinen Enkel zur Erziehung nach Berlin schicken sollte, da er befürchtete, daß er dort dem traditionellen jüdischen Leben entfremdet würde, schickte später gleich mehrere Schüler in das aufgeklärte Berlin. Der schlesische Kaufmann ist damit ein typisches Beispiel für die innerjüdischen Auseinandersetzungen und Entwicklungen der Zeit.

Die jüdischen Vertreter der neuen, aufgeklärten und emanzipierten Zeit stellten hohe Anforderungen an die jüdische und allgemeine wissenschaftliche Qualifikation der Rabbiner. Dies führte nicht nur in der niederschlesischen Gemeinde Glogau dazu, daß man

„das Amt gar Jahre und Jahrzehnte lang unbesetzt und unter der Leitung eines mehr oder minder geeigneten Privatmannes, der freilich in der Regel eine gediegene rabbinische Bildung besaß, verwalten oder ’verwesen’“ ließ. (Marcus Brann 1915)
Abraham Geiger
Abraham Geiger

Auch die Rabbinergeneration Anfang des 19. Jahrhunderts empfand die einseitige traditionelle Ausbildung nicht mehr als zeitgemäß und forderte verstärkt eine allgemein-wissenschaftliche Bildung. Jüdische Gelehrte wie Leopold Zunz, Abraham Geiger und Ludwig Philippson wünschten eine eigene theologische Fakultät an Universitäten, an der aber staatlicherseits kein Interesse bestand. Der Antrag auf eine Professur für jüdische Geschichte und Literatur, den Leopold Zunz am 25. Juli 1848 an den Kultusminister Adalbert von Ladenburg (1798-1855) stellte, wurde mit der Begründung abgelehnt,

„ein solcher Lehrstuhl würde nicht der Gleichberechtigung, sondern eher dem Separatismus der Juden von den Christen dienen.“

Vor diesem Hintergrund sind die Gründungen des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung in Breslau (1854) sowie der Hochschule (Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums (1872) und des Rabbinerseminars für das orthodoxe Judentum in Berlin (1883) zu sehen. Der erste Direktor des Jüdisch-Theologischen Seminars war Zacharias Frankel (1801-1875). Er hatte die Berufung als Oberrabbiner nach Berlin abgelehnt, da die preußische Regierung das Amt nicht öffentlich anerkannte. Frankel blieb bis zu seinem Tode Direktor der Breslauer Institution, die für die Ausbildung von Rabbinern internationale Bedeutung erlangte und Vorbild für die Entstehung anderer Ausbildungsstätten wurde. Gründer und Dozenten der Berliner Hochschule und des Rabbinerseminars wie Abraham Geiger (1810-1874), Israel Lewy (1840-1917) oder David Cassel (1818-1893) stammten aus den kulturellen jüdischen Zentren der schlesischen Provinz. Geiger hatte sich in Breslau im sogenannten Geiger-Tiktin-Streit gegen die „Altgläubigen“ mit seinen Reformideen durchsetzen können und vertrat die Ideen eines jüdischen Liberalismus auch als Hochschullehrer. Lewy war Absolvent des Breslauer Seminars und lehrte quellen- und textkritische Talmudauslegung. Cassel gehörte von 1872-1893 neben Geiger und Lewy dem ersten Kollegium der Hochschule an. In Glogau geboren, studierte er an der Breslauer Universität, siedelte dann aber nach Berlin um, da er dort für sein Studium der jüdischen Theologie und der klassischen Geisteswissenschaften die geeigneten Lehrer fand. Cassel leitete 33 Jahre die 1789 gegründete Dina Zaduck-Nauen-Cohnsche Erziehungsanstalt in Berlin, bevor er bis zu seinem Tod Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums war.

Neue Synagoge Breslau
Neue Synagoge Breslau

Mit der Erlangung des Bürgerrechts war für die Juden der preußischen Monarchie grundsätzlich die Voraussetzung gegeben, ihren Wohnsitz frei zu wählen. 1817 lebten in Breslau 4 409 jüdische Bürger, d.h. 5,7% der Gesamtbevölkerung der Stadt, in Berlin hingegen nur 3 699, die 2% der Einwohner ausmachten. An einem unkontrollierten Zuzug hatte die Berliner jüdische Gemeinde kein Interesse, sie bevorzugte vor allem wohlhabende Zuwanderer mit „einwandfreiem Leumund“. Den Judenbürgerbüchern, die nicht nur in Berlin, sondern auch in Königsberg und Frankfurt a.d. Oder geführt wurden, ist die Abstammung der jüdischen Bürger Berlins zu entnehmen. 730 stammten aus Berlin selbst, 532 aus Brandenburg, 612 aus dem Großherzogtum Posen und 330 aus Schlesien (je 74 aus Breslau und Glogau, 16 aus Zülz, 11 aus Rosenberg, die übrigen kamen aus 70 verschiedenen Orten und dörflichen Ansiedlungen). Die meisten Personen, die sich in Berlin niederließen, blieben auch dort; das Bürgerrecht hatten sie oft schon in ihrem Heimat- bzw. Geburtsort erworben, waren dort schon länger ansässig und Mitglied in der Gemeinde, bevor sie sich entschlossen, nach Berlin zu ziehen.

Die im Laufe der Zeit zunehmende Abwanderung der Menschen aus der schlesischen Provinz in die Hauptstadt wurde insbesondere in den kleinen Gemeinden durchaus als Problem wahrgenommen.

„Die gewaltige Anziehungskraft, welche Berlin ausübt, führt fort und fort tüchtige und wackere Männer aus kleinen und mittleren Städten nach der Residenz und schafft besonders in den jüdischen Gemeinden Lücken, die schwer auszufüllen sind ... So haben sich jetzt im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre mehrere hundert jüdische Familien in Berlin niedergelassen, die alle in Glogau ihre Wurzeln haben“. (Allgemeine Zeitung des Judenthums, 60 [1896], Nr. 37, Beilage)

Die Bürgerbücher geben neben dem Herkunftsort auch Auskunft über die Motive für den Antrag auf Einbürgerung in Berlin. Vor allem wirtschaftliche Gründe, d.h. bessere Bildungs- und Berufschancen, machten die Großstadt für die Juden aus Schlesien attraktiv. Daneben spielten auch verwandtschaftliche Beziehungen und das gesellschaftliche Leben Berlins eine Rolle. Berlin, das sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zum Zentrum des deutschen Judentums entwickelte, versprach natürlich weitaus bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Einerseits hatte es einen relativ großen jüdischen Bevölkerungsanteil, andererseits fanden sich dort neben der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und dem Rabbinerseminar zahlreiche Synagogen, Altersheime, Waisenhäuser sowie die Hauptniederlassungen der jüdischen Spitzenverbände, des Centralvereins, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes oder der Zionistischen Vereinigung. So verwundert es nicht, daß sich eine ganze Reihe bekannter Berliner Juden mit schlesischen Wurzeln nennen läßt. Schon 1657 war einer der ersten Juden überhaupt, die sich in Berlin niederließen, Israel Aron aus Glogau. Der Philosoph und Kabbalaforscher Gershom Scholem (1897-1982) betonte Zeit seines Lebens, daß seine Vorfahren aus Glogau stammten. Aber auch Persönlichkeiten wie Michael Sachs, Arnold Zweig, Salomon Munk oder Lina Morgenstern gingen nach Berlin oder wirkten zumindest zeitweilig dort. Dr. Nathan Friedländer aus dem oberschlesischen Czieschowa war der erste jüdische Privatdozent für Medizin an der neugegründeten Berliner Universität.

Die Provinz Schlesien war für den preußischen Staat von Beginn an von großem wirtschaftlichen Interesse, als Handelszentrum zu Osteuropa und als Anziehungspunkt für Händler aus Polen, Galizien, Mähren, Litauen, der Walachei und der Ukraine. Im Handel zwischen Polen und Rußland spielten jüdische Kaufleute und Händler seit alters her eine tragende Rolle. Zwar war Friedrich der Große bestrebt, den jüdischen Handel durch den christlichen zu ersetzen, doch stellte sich bald heraus, daß er auf die Erfahrungen und wirtschaftlichen Beziehungen seiner jüdischen Untertanen kaum verzichten konnte. In Schlesien war es vor allem der Provinzialminister Karl Georg Heinrich Graf von Hoym, der sich seit 1770 intensiv dafür einsetzte, die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden in der Provinz zu verbessern. Ein Beispiel für die liberale Politik der preußischen Beamtenschaft in Schlesien ist der Aufstieg der Familie Jonas Fränckel (1721-1793). Fränckel, der zugleich königlicher geordneter Landesrabbiner (1755) war, gehörte zu dem kleinen Kreis wohlhabender schlesischer Juden, die per Generalschutz und Handelsprivileg in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten vom König unterstützt wurden. Er begründete das Breslauer Handelshaus gleichen Namens, das hundert Jahre bestand und von seinen Nachfolgern nach seinem Tod erfolgreich weitergeführt wurde. Seinem Enkel Jonas Fränckel (1773-1846) wurde von König Friedrich Wilhelm IV. der Titel Königlicher Kommerzienrat verliehen. Er war der Stifter zahlreicher wohltätiger Einrichtungen sowie des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau (Fraenckel’sche Stiftungen).

Die Verflechtungen zwischen Gewerbe und Industrie in Schlesien mit der Handels- und Finanzmetropole Berlin stieg nach 1740 kontinuierlich. Hieran hatten jüdische Unternehmer, deren Fähigkeiten sich seit Friedrich II. alle preußischen Regenten bedienten, einen erheblichen Anteil. Der Beitrag schlesischer Juden zur preußischen Wirtschaft wird anhand zahlreicher Unternehmerbiographien deutlich. Zu den jüdischen Bürgern Berlins, die sich in den Jahren 1809-1850 in der Stadt ansiedelten, zählen z.B. der erfolgreiche Bankier Gustav Kuczynski, der 1844 von Breslau nach Berlin zog, und Carl Heymann aus Glogau (1835).

In Heymanns Verlag erschienen vor allem amtliche Entscheidungssammlungen oberster Gerichte. Der Verlag hat heute seinen Hauptsitz in Köln als Fachverlag für Rechts- und Staatswissenschaft. Die Berliner Familie Reichenbach besaß Mitte des 19. Jahrhunderts in Wüstegiersdorf, Kreis Waldenburg/Niederschlesien, eine Woll- und Garnspinnerei und -weberei und zeichnete sich besonders durch ihre Wohltätigkeit aus. Jüdische Unternehmer waren maßgeblich im schlesischen Textilgewerbe engagiert, wie Salomon Kauffmann, der die Firma Meyer Kauffmann gemeinsam mit seinen drei Brüdern Julius, Robert und Wilhelm zu einem Großunternehmen werden ließ. Überregionale Bedeutung erlangte aber auch die von Samuel Fränkel (1801-1881) in Neustadt/Oberschlesien gegründete Tischzeug- und Leinwandfabrik. Der führende Unternehmer im Eisengroßhandel, Leo Lustig, war maßgeblich an dem Breslauer Osteuropa-Institut zur Förderung der Beziehungen mit den osteuropäischen Ländern beteiligt. Für seine unternehmerischen Leistungen wurde er mit dem Titel Kommerzienrat geehrt und von der Breslauer Universität zum Doktor h.c. ernannt.

Die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der preußischen Hauptstadt und dem Industriestandort Schlesien über mehrere jüdische Unternehmergenerationen zeigt auch das Beispiel der Familie Friedländer in der Montanindustrie. Moritz Friedländer war 1840 Mitgründer des Koks-Hochofenwerks Friedens-Eisenhütte, und auch seine Söhne blieben im Eisenhüttenwesen. Ein Verwandter, Emanuel Friedländer, gründete 1866 eine Kohlengroßhandlung1, sein Sohn Fritz wurde mit diesem Unternehmen einer der bedeutendsten Industriemagnaten Oberschlesiens in den Bereichen Kohlebergbau und Kohleveredelung. Er expandierte 1888 nach Rußland und gründete mit Unterstützung der Berliner Handelsgesellschaft die Russische Montan-Industrie AG und die Russische Eisenindustrie AG, an der auch Georg Caro, Carl Fürstenberg, Gerson Bleichröder und Walther Rathenau beteiligt waren.

„Friedländers Leistung als Konzerngründer und -lenker fand im kaiserlichen Deutschland die entsprechende Resonanz und Anerkennung. Wilhelm II. verlieh ihm nicht nur den Titel eines Geheimen Kommerzienrats, sondern auch das erbliche Adelsprädikat. Darüber hinaus wurde er in das Preußische Herrenhaus, die 1. Kammer im preußischen Landtag, berufen.“ (Konrad Fuchs)

Friedrich der Große ist nach Selma Stern

„- gegen seinen Willen zumeist - zum Wegbereiter der wirtschaftlichen, der kulturellen und damit auch der späteren politischen Emanzipation der Juden geworden“.

Nach dem Edikt von 1812 und der Verordnung die Verhältnisse der Juden betreffend (1847) konnte dieser langwierige Prozeß schließlich mit der preußischen Verfassung von 1850

„in der Hauptsache als beendigt angesehen werden, und auch der schlesische Jude, dessen Dasein ein halbes Jahrtausend vorher oftmals schwer bedroht war, konnte in der Provinz, die ihm zur Heimat geworden, als Bürger seinem Beruf nachgehen“.

Willy Cohn schrieb dies 1929 in seiner Einleitung zur Ausstellung Das Judentum in der Geschichte Schlesiens, in der fast ein ganzes Jahrtausend der wechselvollen schlesisch-jüdischen Geschichte dokumentiert wurde. Weit über 500 Exponate aus den Beständen des zu diesem Zweck gegründeten Vereins Jüdisches Museum Breslau sowie aus Privatbesitz wurden ausgestellt. Die Sammlung umfaßte eine reichhaltige Auswahl u.a. an Handschriften, Drucken, Gemälden, Urkunden, Photographien und Kultgeräten und war Ausdruck nicht nur jüdischer, sondern auch betont deutscher Identität. Diese Haltung hatte sich auch bei der Teilung Oberschlesiens nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gezeigt, als die jüdische Bevölkerung in großer Mehrheit für den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland stimmte und nach der Teilung aus dem nun polnischen Ostoberschlesien abwanderte. Nur wenige Jahre später jedoch wurde das schlesische Judentum durch den Nationalsozialismus vernichtet.

Storchensynagoge 1994
Storchensynagoge 1994

ANMERKUNG:

1 Kommerzienrat Caesar Wollheim übernahm eine Repräsentanz des Unternehmens in Berlin, gründete eine eigene Firma und verschaffte sich als Importeur von oberschlesischer Kohle eine bedeutende Stellung im Berliner Wirtschaftsleben. Das Unternehmen wurde nach seinem Tod von Eduard Arnold, der zu den Vertrauten Kaiser Wilhelms II. zählte, übernommen.

LITERATUR:

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 60 (1896), Nr. 37, Beilage;

M. BRANN: Geschichte der Juden in Schlesien (Beilage zum Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung). Breslau 1896-1917;

DERS.: Die schlesische Judenheit vor und nach dem Edikt vom 11. März 1812 (Beilage zum Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung für das Jahr 1912). Breslau 1913;

DERS.: Aus der Zeit von vor hundert Jahren. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (MGWJ), 59. Jg., 1915;

W. COHN: Die Geschichte der Juden in Schlesien. In: Hintze, Das Judentum, a.a.O. (s.u.);

J. H. FEHRS: Von der Heidereutergasse zum Roseneck. Jüdische Schulen in Berlin 1712-1942. Berlin 1993;

[D. FRIEDLÄNDER:] Die dreizehn Briefe, die Friedländer an Meyer Eger schickte, sind im Original (deutsch mit hebräischen Schriftzeichen) im Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, Nachlaß Dr. Moritz Stern, 1868-1939, Nr. P/17-102, enthalten. Der zitierte Brief ist abgedruckt in: Ein Brief Moses Mendelssohns und sechs Briefe David Friedländers, mitgetheilt von Ludwig Geiger. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Bd. 1;

K. FUCHS: Jüdisches Unternehmertum in Schlesien. In: Menora, Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, Bd. 5;

A. GEIGER [Artikel über David Friedländer und Meyer Eger]. In: Jüdische Zeitung für Wissenschaft und Leben, Bd. 5, 1867;

E. HINTZE: Das Judentum in der Geschichte Schlesiens, Katalog der vom Verein „Jüdisches Museum Breslau“ in den Räumen des Schlesischen Museums für Kunstgewerbe und Altertümer veranstalteten Ausstellung. Breslau 1929;

J. JACOBSON: Die Judenbürger-Bücher der Stadt Berlin (Veröffentlichungen der Berliner Historischen Kommission, Bd. 4, Quellenwerke Bd. 1). Berlin 1962;

I. RABIN: Beiträge zur Rechts- und Wirtschaftsgeschichte der Juden in Schlesien im 18. Jahrhundert, zeszyt I: Der rechtliche Zustand (1713-1740) (Beilage zum Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau für 1931). Breslau 1932;

L.V. RÖNNE/H. SIMON: Die früheren und gegenwärtigen Verhältnisse der Juden in den sämmtlichen Landestheilen des Preußischen Staates (Die Verfassung und Verwaltung des Preußischen Staates, Achter Theil, Dritter Band). Breslau 1843;

S. STERN: Der preußische Staat und die Juden. Dritter Teil: Die Zeit Friedrichs des Großen, Erste Abteilung: Darstellung, Tübingen 1971.

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Dieser Text stammt aus dem Austellungskatalog:
"Wach auf mein Herz und denke!" - Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg
"Przebudz się, serce moje, i pomyśl" - Przyczynek do historii stosunków między Śląskiem a Berlinem-Brandenburgia
Hrsg.: Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch - Berlin / Stowarzyszenie Instytut Śląskie - Opole
Berlin-Oppeln 1995, ISBN 3-87466-248-9 sowie ISBN 83-85716-36-X